Auf dem schmalen Plateau zwischen dem äußeren Bergumfange und dem Krater selbst, der etwa einen größten Durchmesser von einem Kilometer haben mag, stehen einige aus Lavablöcken erbaute Häuschen, bewohnt von Priestern und Schenkwirten, die allerhand Erfrischungen und Erinnerungen an den heiligen Berg feilbieten. Eines der Häuschen ist zu einem kleinen Tempel eingerichtet, und an seinem Eingang setzten wir uns nieder, um ein halbes Stündchen zu ruhen und den Rest unserer Flasche Kokawein zu trinken. In den Cordilleren Südamerikas hatte ich zuerst die erfrischende Wirkung der Kokablätter kennen gelernt, und seither begleitet mich der Kokawein bei allen Bergbesteigungen.
Meinen Begleiter konnte ich zu einer Promenade um den Krater herum oder gar auf die etwa hundert Meter tiefe Sohle desselben nicht bewegen. Wollten wir die Nacht nicht oben zubringen, so mußten wir den Rückmarsch sofort wieder antreten. Ich eilte deshalb allein auf der schmäler werdenden Kante aufwärts zu dem kleinen Pavillon, der an der höchsten Spitze des Kraterrandes steht, und blickte von dort in den dampfenden, nebelerfüllten Kessel, dessen Wände aus zerklüfteten, phantastisch aufeinandergetürmten Lavablöcken bestehen. Aus manchen Ritzen und Oeffnungen schießt pfeifend heißer Dampf hervor, ein Zeichen, daß der höchste Vulkan Ostasiens nur schlummert. Wie, wenn er gerade jetzt aus seinem zweihundertjährigen Schlafe erwachen würde? Der Anblick wäre gewiß großartig, aber ich hätte mich dafür doch sehr bedankt. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte mich grausen.
Mein Führer hielt mich davon ab, in den Krater hinabzusteigen, denn es wäre die höchste Zeit, den Rückmarsch anzutreten. Von den Priestern des Tempelchens ließen wir uns noch den Stempel des Fudschigipfels auf unsere Bergstöcke einbrennen, warfen noch einen Blick um uns und den Berg hinab zu der Wolkenschicht, die uns die Aussicht auf das Land und Meer zu unseren Füßen entzog, und machten uns wieder auf den Weg. Als wir den Fuß der steilen Felsentreppe erreicht hatten, bestanden die Führer darauf, uns Strohsandalen über die Schuhe zu binden und mir noch drei andere Paare mitzugeben, da ich gewöhnlich unserer Karawane voraneilte. Statt dann den glatten Lavagrat abwärts zu gleiten, auf dem wir emporgestiegen waren, schwenkten wir rechts ab auf die unabsehbare Schutthalde, unsere Füße versanken bis über die Knöchel in den losen, scharfen Sand, den der Krater in früheren Zeiten in so unglaublichen Mengen ausgeworfen hatte, und unsere Schuhe wären gewiß schon in der ersten halben Stunde zerschnitten gewesen, würden wir sie nicht durch die Strohsandalen geschützt haben. Das also war der Grund, warum die Führer sich gleich mit zwei Dutzend Exemplaren davon versehen hatten. Während des Abstiegs mußten wir sie wiederholt wechseln, denn nach je einer halben Stunde hingen sie wie Fetzen um unsere Füße. Die ganze Halde war besäet mit diesen Sandalenresten, und man hätte aus ihnen allein einen kleinen Fudschiyama aufbauen können. Man denke nur: in jedem Jahre wird der heilige Berg von vielleicht dreißigtausend Pilgern bestiegen, die mindestens an hundertfünfzigtausend Sandalenpaare verbrauchen, und das geht nun schon seit Jahrhunderten vor sich!
Wir flogen nur so die Halde hinab. Zehn Stunden hatten wir gebraucht, um auf den Gipfel zu kommen, und in weniger als drei Stunden waren wir, halb springend, halb in dem losen Sand abwärts gleitend, wieder unten am Waldessaume. Mittlerweile war es stockfinster geworden, und beim Scheine von Fackeln mußten wir uns den Weg durch den Wald abwärts bahnen nach unserem Ausgangspunkte Umagaishi, das wir etwa um zehn Uhr nachts erreichten. Die Pferde standen bereit, aber wir blieben doch ein Stündchen zwischen todmüden japanischen Pilgern auf den Bänken ausgestreckt, um ein wenig neue Kräfte zu sammeln. Waren wir doch seit vierzig Stunden unterwegs! Wir wären gerne die ganze Nacht hier geblieben, aber die Furcht vor der entsetzlichen Flohplage trieb uns bald weiter. Lieber die Nacht zu Pferde zubringen, als sich noch einmal diesen blutdürstigen kleinen Raubtieren aussetzen. Mein Begleiter wurde halbtot in den Sattel gehoben, als er aber zu Pferde saß, kam er wieder zu sich, und wir trabten lustig Subashiri zu. Dort wagte ich nicht, abzusteigen und Rast zu halten, denn mein armer Reisegefährte wäre diesmal kaum wieder in den Sattel gekommen. So ritten wir denn durch die stillen, toten Straßen des Dorfes und kamen glücklich um vier Uhr morgens in Gotemba wieder an, rechtzeitig, um den Frühzug nach Kozu zu besteigen. Von dort waren wir um neun Uhr morgens wieder in dem entzückenden Badeorte Miyanoshita bei unseren Lieben. Sie waren hocherfreut, uns wiederzusehen, denn während wir auf dem Fudschiyama waren, hatte unten ein furchtbarer Taifun gewütet, der eine Menge Schiffe vernichtet, eine Anzahl Dörfer arg mitgenommen und auch sonst im Lande großen Schaden angerichtet hatte. Diesem Taifun waren wir oben auf der Spitze des höchsten Berges Ostasiens wohl entgangen, aber doch würde ich lieber einen Taifun durchmachen, als nochmals den Fudschiyama besteigen.
Der heilige Berg Fujiyama.
Samisen.