Der unternehmende Liu betraute 1887 europäische Ingenieure mit der Ausarbeitung der Linie, übertrug aber die Ausführung chinesischen Truppen. Der zwischen Tamsui und Kelung gelegene Höhenzug sollte mittels eines Tunnels durchbrochen werden, dem chinesischen General wollte indessen das schwarze Loch nicht recht einleuchten, und so gab er den Befehl, die Bergkette mitten durchzuschneiden. Nach jahrelanger, unsinniger Arbeit wurde dieses Projekt als unausführbar aufgegeben und der Tunnel doch ausgeführt. Aber die Chinesen scheuten sich, durch diese dunkle Höhle zu fahren, und monatelang nach der Eröffnung der Eisenbahn zwischen Tamsui und Kelung blieben die Züge diesseits des Tunnels stehen, und die Passagiere überkletterten mühsam den Höhenzug, während die Züge leer durch den Tunnel rasselten. Erst allmählich gewöhnten sich die Chinesen an die Durchfahrt.

Die Briefpost wird durchweg von Läufern besorgt, und die Gebühren für einen fünfzehn Gramm schweren Brief betragen beispielsweise zwischen Anping und Tamsui zweihundertfünfzig Cash, etwa fünfzig Pfennige. Diese in Formosa zur Verwendung gelangenden Cash sind die schlechtesten von ganz China, vielfach durchlöchert und großenteils aus Eisen hergestellt. Banken giebt es auf Formosa nicht, und da es sich bei der großen Ein- und Ausfuhr doch häufig um beträchtliche Summen handelt, werden von den chinesischen Hongs (Geschäftshäusern) gewöhnlich fünfzig mexikanische Silberdollars oder japanische Yen in eine Rolle gethan, und die Papierhülle wird mit dem Hongstempel versehen. Sind diese Hongs achtbar und angesehen, so wandern die Silberrollen ungeöffnet von Hand zu Hand, bis sie auseinanderfallen. Dann kommt gewöhnlich die sonderbarste Münzensammlung zum Vorschein. Falsche Münzen werden von den Hongs, welche die Rollen ausgegeben haben, sofort gegen echte umgewechselt.

Die japanische Verwaltung hat natürlich versucht, Ordnung in diese Verhältnisse zu bringen, zum Segen des Landes und seiner Einwohner; allein bisher ist dies den Japanern nicht gelungen. Die Eingeborenen setzen den neuen Herren den heftigsten Widerstand entgegen, und es ist gar keine Aussicht vorhanden, die Insel in absehbarer Zeit dem Frieden zuzuführen.

Japan als Industriestaat.

Von beachtenswerter Seite ist vor kurzem die Ansicht ausgesprochen worden, Japan werde sich kaum jemals zu einem Industriestaate entwickeln, sondern für immer vorzugsweise ein Ackerbaustaat und deshalb auch ein bedeutender Abnehmer fremder Industrieerzeugnisse bleiben. Auf welcher Grundlage diese Bemerkungen fußen, ist schwer zu erkennen, es sei denn, daß man die Verhältnisse in dem alten Japan, wie es vor 1870 war, als Maßstab angenommen hat. Damals war Japan allerdings ein Ackerbaustaat; aber man braucht nur die verschiedenen Zweige der nationalen Thätigkeit durchzusehen, um zu erkennen, daß sich in den letzten drei Jahrzehnten eine ganz entschiedene Umwandelung des ostasiatischen Inselreiches aus einem Ackerbaustaat in einen Industriestaat vollzogen hat. Mit jedem Jahre tritt diese Umwandelung kräftiger hervor, und setzt man einige Haupterzeugnisse Japans, wie Thee, Seide und Reis, beiseite, so wird man in Zukunft mit Japan als mit einem geradezu ausschließlichen Industriestaate zu rechnen haben, dessen mächtiger Einfluß auf die Ausfuhr Europas nach Ostasien und die Küstenländer des Stillen Ozeans sich von Jahr zu Jahr mehr fühlbar machen wird.

Dank der Anregung und Unterstützung durch die japanische Regierung, dank der Vermehrung der Bevölkerung in Japan um 25 Prozent innerhalb zweier Jahrzehnte, dank dem allgemeinen Erwachen und Anspannen der nationalen Thätigkeit, hat natürlicherweise auch der Ackerbau sehr bedeutende Fortschritte aufzuweisen, die hauptsächlich der Verbesserung der Bodenbewirtschaftung und der größeren Sorgfalt zuzuschreiben sind; denn die bebaute Bodenfläche hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht in dem gleichen Verhältnis vergrößert. Während beispielsweise die Reisländereien seit fünfzehn Jahren nur um 8½ Prozent zugenommen haben, beträgt die Zunahme der Reiserzeugung das Dreifache, nämlich 25½ Prozent. Die Getreideländereien haben um 20 Prozent, die Getreideerzeugung aber um 58 Prozent zugenommen. Die Zunahme von Thee und Seide ist noch beträchtlicher, denn sie betrug innerhalb der letzten fünfzehn Jahre bei Thee etwa 240 Prozent, bei der Seide sogar 300 Prozent. Zu diesen Stapelartikeln des japanischen Ackerbaues ist durch die Einverleibung Formosas in das japanische Reich auch noch Kampfer und vor allem Zucker gekommen. Bisher war Japan in Bezug auf Zucker hauptsächlich auf die Einfuhr vom Auslande angewiesen, und sein Bedarf an diesem für die deutsche Ausfuhr bekanntlich äußerst wichtigen Artikel steigerte sich von 28 Millionen Kilogramm im Jahre 1872 auf das Fünffache, nämlich gegen 150 Millionen Kilogramm im Jahre 1898, für die es an das Ausland etwa 58 Millionen Mark bezahlte. Die eigene Erzeugung war 1894 schon auf nahezu 50 Millionen Kilogramm gestiegen, und die Verhältnisse für die weitere Vermehrung der Zuckerplantagen im japanischen Reiche liegen so günstig, daß es mit der Einfuhr von Zucker vom Auslande her voraussichtlich bald ein Ende haben wird.

Das Einsetzen der jungen Reispflanzen.