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GRÖSSERES BILD]

Die genannten Agrikulturzweige waren in Japan schon bei der Eröffnung des Landes für den ausländischen Handel vorhanden und haben nur eine Steigerung erfahren. Die heutige Industrie von Japan ist aber seither in weitaus den meisten Zweigen vollständig neu geschaffen worden, und der Wohlstand, die Zukunft und Stellung Japans in Bezug auf Ostasien liegt nunmehr hauptsächlich in seiner industriellen Weiterentwickelung. Alle Bedingungen sind dafür vorhanden: Kohle, Eisen, Kupfer, Gold, Silber, Wasserkraft, Transportmittel zu Lande und zu Wasser und endlich große Absatzgebiete in unmittelbarer Nähe. Dazu kommen die Förderung und Unterstützung der Regierung, die äußerst wohlfeilen Arbeitskräfte, die ein Drittel bis ein Fünftel der europäischen Löhne beziehen, und endlich die Gewißheit, daß seit der Einführung der neuen Verträge mit den europäischen Mächten die heimischen Industrien durch Erhöhung der Einfuhrzölle noch weiter beschützt und entwickelt werden können.

Die industrielle Entwickelung Japans steht in der Geschichte geradezu beispiellos da und wird in ihrem Umfange und in ihren Gefahren für den europäischen Markt in Ostasien immer noch nicht hinreichend gewürdigt. In den ersten Industriestaaten der Welt stellt sich das Verhältnis der Ausfuhr an Industrieerzeugnissen in Bezug auf die Gesamtausfuhr wie folgt:

Von der gesamten Ausfuhr sind Fabrikate in England 82 Prozent, in der Schweiz 75 Prozent, in Deutschland 65,9 Prozent, in Frankreich 55,6 Prozent, in Belgien 37,4 Prozent, in Oesterreich-Ungarn 27,2 Prozent, in Schweden 16,4 Prozent, in Amerika 9 Prozent.

In Japan, wo es vor dreißig Jahren überhaupt keine nennenswerte Ausfuhr an Fabrikaten gab, beträgt diese heute schon 38 Prozent, und Japan steht somit in der obigen Liste an der fünften Stelle und übertrifft sogar bereits Belgien. In den letzten fünf Jahren ist die Ausfuhr von Fabrikaten aus Japan um nahezu das Dreifache gestiegen, während die Ausfuhr von Rohmaterial ziemlich stationär geblieben ist. 1872 belief sich der Wert der japanischen Warenausfuhr auf kaum einige Millionen Mark, 1899 auf etwa 180 Millionen Mark. Die hauptsächlichsten Abnehmer der japanischen Fabrikate sind naturgemäß die asiatischen Länder, wohin die Ausfuhr innerhalb zweier Jahrzehnte um 650 Prozent gestiegen ist und heute einen Wert von 150 Millionen Mark besitzt. Australien hat bis 1880 von Japan beinahe gar keine Fabrikate bezogen, heute besitzen diese einen Wert von über 5 Millionen Mark jährlich.

Es ist von großem Interesse, die Entwickelung der einzelnen Industriezweige in Japan näher zu betrachten. Diese Entwickelung steht naturgemäß mit der Beschaffung billigen Brennmaterials, d. h. mit der Ausbeutung der reichen Steinkohlengruben in innigem Zusammenhang, die Japan zunächst auf der Insel Kiushiu besitzt. Im Jahre 1886 wurden schon 2 Millionen Tonnen Steinkohlen gewonnen, 1897 6 Millionen, die Produktion hat sich somit in einem Jahrzehnt verdreifacht. Der Preis der Kohle hat sich inzwischen mehr als verdoppelt. Jetzt macht japanische Kohle der englischen bereits in Vorderindien, in Bombay, Konkurrenz. 1898 hat der Wert der Steinkohlenausfuhr 39 Millionen Mark betragen. Im Inlande selbst hat sich der Bedarf der Fabriken an Kohle in demselben Zeitraum verzehnfacht.

Der zweitwichtigste Rohstoff, nämlich Roheisen, wurde 1862 noch in ganz unbedeutenden Mengen eingeführt, nämlich 33000 Kilogramm; im Jahre 1880 betrug diese Einfuhr 6 Millionen Kilogramm, 1891 14 Millionen, 1894 sogar 40 Millionen Kilogramm, die Zunahme seit 1872 ist demnach 12000 Prozent. Der Bedarf Japans an europäischem Roheisen im Werte von 16 Millionen Mark (1894) war natürlich für die europäischen Ausfuhrländer nutzbringend. Nun giebt es aber in Japan große Eisenlager, und binnen kurzem wird dieses Rohmaterial an Ort und Stelle gewonnen werden. Der Preis des in Japan eingeführten Roheisens stellt sich auf etwa 62 Yen pro Tonne, im Lande selbst kann es aber nach einer genauen Schätzung für 15 bis 20 Yen pro Tonne erzeugt werden. Im Marinearsenal von Yokosuka bei Yokohama wird schon seit mehreren Jahren mittels ganz neuer Methoden vorzüglicher Stahl gewonnen, und das Aufhören der Einfuhr von Roheisen in Japan ist fortan nur eine Frage der Zeit. 1898 wurde Roheisen nur mehr im Wert von 10 Millionen Mark eingeführt, darunter zum Nachteile der europäischen Produzenten auch schon chinesisches Roheisen.

Die japanischen Erzlager werden auf 70 Millionen Tonnen geschätzt. In neuester Zeit baute die Regierung in Bamstamura mit einem Kostenaufwand von 18 Millionen Mark ein großartiges Eisen- und Stahlwerk mit 2 Hochöfen und 200 Koksöfen und einer jährlichen Leistungsfähigkeit von 90000 Tonnen fertiger Ware.

In Bezug auf die Fabriken veröffentlicht der Ostasiatische Lloyd folgende bemerkenswerte Statistik:

Im Jahre 1883 gab es in Japan deren überhaupt nur 84 mit im ganzen etwa 1700 Pferdestärken. Im Jahre 1893 gab es bereits 1163 Fabriken mit etwa 35000 Pferdestärken, wovon 31165 durch Dampf- und 4142 durch Wasserkraft erzeugt werden. In einem Jahrzehnt hat demnach die Dampfkraft um 2226 Prozent, die Wasserkraft 2134 Prozent zugenommen. Dabei ist die letztere noch in ihrer Kindheit. Hunderte von Wasserläufen können in Japan der Industrie nutzbar gemacht werden, so daß die Erzeugungskosten noch weitere Verminderungen erfahren werden, gewiß in größerem Verhältnis, als die Arbeitslöhne steigen. In den Baumwollspinnereien haben die Löhne seit 1899 eine Steigerung von 37 Prozent erfahren und betrugen 1898 für männliche Arbeiter 47 Pfennig, für die weiblichen 28 Pfennig den Tag. In anderen Gewerben betragen die Löhne heute wie folgt: