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Zu den großgewerblichen Erzeugnissen, durch deren Herstellung die emsigen Japaner den Absatz der europäischen gleichartigen Erzeugnisse immer mehr beeinträchtigen, ist nunmehr auch noch das Bier getreten. Die bedeutendste Bierbrauerei in Tokio, die der Nihon-Bakuscha-Kaischa (zu deutsch: Japanische Biergesellschaft) stand vor etwa sechs Jahren am Rande des Zusammenbruchs; im Jahre 1895 aber verkaufte sie bereits 7515 Koku (etwa 13500 Hektoliter) Bier, und ihre Aktien stiegen daraufhin von 40 auf 80 Yen, beziehungsweise von 12½ auf 34 Yen. Nicht viel schlechter entwickeln sich die andern Bierbrauereien Japans, woraus der Rückgang der Ausfuhr deutscher Biere nach Englisch- und Holländisch-Indien, nach Japan, China, den Philippinen, kurz nach Ostasien, in der Zeit von 1891 bis 1895 von 96000 Hektoliter auf 81000 Hektoliter sich leicht erklärt.
Das Merkwürdigste in dem Aufschwung der japanischen Industrie ist die Mannigfaltigkeit der Produkte. Mit Ausnahme einer beschränkten Anzahl ganz spezieller Artikel, vornehmlich was die Chemie betrifft, wird heute in Japan alles erdenkliche hergestellt, und wenn auch die Qualität sehr viel zu wünschen übrig läßt, so werfen doch alle Industriezweige ansehnlichen Verdienst ab. Bedeutende Ausfuhrartikel sind z. B. Streichhölzer, Papiertapeten (Imitation von gepreßtem Leder), künstliche Blumen, Laternen, Vorhänge aus Glasperlen, Schildkrotartikel geworden. Japan hat heute drei große Flanellfabriken, für welche die Wolle aus Australien importiert wird. Die Fabrik in Osaka besitzt 250 Webemaschinen und 2000 Spindeln, aus Deutschland und England bezogen; in Osaka befinden sich ferner Fabriken von Wand- und Taschenuhren, Zahnbürsten, Unterwäsche aus Papier, Zuckerraffinerien, Papiermühlen, Druckereien und Schriftgießereien, im ganzen 2600 industrielle Etablissements mit 16000 männlichen und 20000 weiblichen Arbeitern. Im Maschinenbau sind ebenfalls großartige Fortschritte zu verzeichnen: die Japaner bauen bereits Lokomotiven, Eisenbahnwaggons, ja sogar ihre großen Panzerschiffe. Von 19 in den letzten 5 Jahren angeschafften Kriegsschiffen wurden nicht weniger als 12 auf japanischen Werften erbaut.
Mit dieser großartigen Entwickelung der Industrie hält auch jene des Transportwesens gleichen Schritt; die eine läßt sich ohne die andere nicht denken. Die Eisenbahnen haben innerhalb 27 Jahren um 12250 Prozent zugenommen, der Tonnengehalt der japanischen Dampfer hat in 24 Jahren um 1380 Prozent zugenommen. 1898 besaß Japan bereits 970 Dampfer mit 273000 Tonnengehalt, dazu 714 Segelschiffe mit 45000 Tonnengehalt. Schiffe japanischer Bauart besaß es 17000.
Diese ungeahnte und beispiellose industrielle Entwickelung Japans ist naturgemäß auch auf die Inlandsverhältnisse nicht ohne Einfluß geblieben. In jeder Hinsicht ist eine Steigerung der Preise eingetreten; Luxusartikel, wie z. B. Seide, sind im Preise um 30 bis 40 Prozent gestiegen, und ein japanisches Blatt veröffentlichte kürzlich eine Liste von 22 Artikeln, deren Kaufpreis in den zwei letzten Jahren um 24 Prozent gestiegen ist. Darunter befinden sich gerade die zum Lebensunterhalt wichtigsten Artikel, wie z. B. Reis, Gerste, Salz, Zucker, Brennmaterial, Metallartikel, Baumwollwaren.
Für eine weitere Reihe von Jahren wird sich die japanische Industrie in demselben Maße wie bisher wohl noch weiter entwickeln, aber mit der Zeit wird auf dem ostasiatischen Markte selbst Japan ein wichtiger und gefährlicher Konkurrent entstehen, nämlich China.
Freilich dürften darüber noch viele Jahrzehnte vergehen, und in diesen wird Japan aus dem chinesischen Handel von allen beteiligten Staaten den allergrößten Nutzen ziehen, denn es liegt an der Pforte zu dem chinesischen Reiche und kennt die Verhältnisse, Eigenheiten und Bedürfnisse des chinesischen Volkes wie kein anderes Industrieland. Die europäischen Mächte holen den Japanern während jeder Expedition, an denen sie beteiligt sind, einfach die Kastanien aus dem Feuer. Aber daran ist nichts zu ändern.