Eisenbahn-Gepäckzettel für Yokohama.

Dschiudschutsu.

Dschiudschutsu ist ein japanisches Wort, das gewiß nur den allerwenigsten bekannt sein dürfte. Selbst Leuten, die jahrelang in Japan gelebt haben, wird es kaum jemals zu Ohren gekommen sein. Es steht in keinem mir bekannten Buche über Japan, und die einzige Abhandlung, die ich darüber gesehen habe, befindet sich in den Transactions of the Asiatic Society. Sie hat Kano Dschigoro, einen der größten Lehrer des Dschiudschutsu, zum Verfasser.

Aber das fremdartige unbekannte Wort wird gewiß mit der Zeit auch in Europa immer geläufiger werden, denn Dschiudschutsu ist der Schlüssel zum japanischen Volkscharakter in seinen Beziehungen zum Ausland, es ist das Geheimnis der Erfolge des fernen Inselreiches.

Dschiudschutsu heißt etwa: durch Nachgeben siegen.

Während die vielen Gebäude der kaiserlichen Hochschule in Tokio den modernen europäischen Baustil zeigen, steht mitten unter ihnen auch ein Haus in rein japanischem Stil mit dem Unterschied, daß es an Stelle der horizontal verschiebbaren Papierfenster Glasscheiben besitzt. Ueber der Thür dieses langen, niedrigen Gebäudes stehen in chinesischen Schriftzeichen die Worte Zui-ho-kwan, d. h. „Die Halle unseres heiligen Landes”. Tritt man in das Innere, so befindet man sich in einer geräumigen Halle ohne irgendwelche Einrichtungsstücke, nur daß der erhöhte Fußboden mit dicken, weichen Matten bedeckt ist. Zeitweilig ist diese Halle mit Studenten gefüllt. In der Mitte des Raumes, auf den weichen Matten, befinden sich dann vielleicht zehn bis zwölf junge Leute, nur mit einem dünnen Leibchen bekleidet, die anscheinend, immer zwei und zwei, im Ringkampf miteinander begriffen sind. Rings um sie stehen Gruppen von Studenten, welche mit der größten Aufmerksamkeit den verschiedenen Bewegungen der Ringer folgen. Aber ihr Gesichtsausdruck ist wie in Stein gegraben. Niemals zeigt sich irgend eine Freude, eine Teilnahme, niemals wird ein Wort des Beifalls hörbar. Ist ein Zweikampf zu Ende, dann treten zwei andere junge Leute vor, und so geht es oft stundenlang bei Grabesstille weiter.

In dieser Halle wird Dschiudschutsu gelehrt. Die vermeintlichen Ringkämpfe sind nicht solche, wie wir sie üben, und wie sie in England, Amerika, in der Schweiz und von den professionellen Ringkämpfern auch in Japan zur Vorführung kommen, sondern die uralte Kunst der Samurai, der japanischen Kriegerkaste, ohne Waffen zu kämpfen. Häufig wurden sie auf ihren Reisen, vielleicht im Lager oder zur Nachtzeit, überrascht und hatten keine Waffen bei der Hand, um ihre Angreifer mit solchen zu besiegen. Dann brachten sie Dschiudschutsu zur Anwendung, und gewöhnlich gelang es ihnen, selbst die stärksten Gegner kampfunfähig zu machen, ja lebensgefährlich zu verwunden, wenn nicht gar zu töten.