Für Dschiudschutsu ist keine besondere Körperkraft erforderlich, sondern langjährige Uebung, Kaltblütigkeit, Ruhe und die Kenntnis der menschlichen Anatomie. Schon als Knaben begannen die Samurai sich in dieser Kunst zu üben, und selbst für den Stärksten, Kräftigsten unter ihnen war eine siebenjährige fortdauernde Uebung erforderlich, um in Dschiudschutsu Meister zu werden. Die Geheimnisse dieser Kunst müssen bei den Samurai auf das strengste gewahrt werden, und auch heute scheinen ihre Nachfolger unter Eid verpflichtet zu sein, alle Finten als Geheimnis zu bewahren, weshalb darüber auch nichts oder doch nur sehr wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen ist.

Der Meister des Dschiudschutsu bringt nicht seine eigene Körperstärke bis zur Ermüdung in den Kampf, sondern er verwendet die Stärke seines Gegners, um ihn zu besiegen. Er veranlaßt den Gegner zu einem heftigen Angriffe und weicht diesem geschickt aus, er verleitet den Gegner vielleicht zu dem Versuche, mit aller Kraft seinen Arm auszurenken, aber während wir gewöhnlich mit Aufwendung unserer Kraft einem solchen Versuche entgegenarbeiten, giebt der Meister des Dschiudschutsu plötzlich geschickt nach, der Widerstand hört auf, und durch die unwillkürliche Weiterbewegung renkt sich der Gegner seinen eigenen Arm aus. Für jede Stellung, jeden Angriff giebt es eine derartige Finte, die nicht auf Stärke, sondern auf Geschicklichkeit und genauester Kenntnis des menschlichen Körperbaues beruht und die, wenn erfolgreich, ein ausgerenktes Gelenk oder ein gebrochenes Bein oder ein gebrochenes Genick zur Folge hat. Der Kenner des Dschiudschutsu siegt nicht durch den Angriff, sondern, wie das Wort selbst besagt, durch Nachgeben, ja er thut mehr als das, er unterstützt das Nachgeben durch einen schlau berechneten Kunstgriff, gegen welchen Stärke allein nicht gewachsen ist.

Es ist schwer, ein für unsere Verhältnisse verständliches Beispiel davon zu geben. Auch der spanische Stierkämpfer verwendet Dschiudschutsu und besiegt dadurch den Stier desto leichter, je stärker und massiger dieser ist. Soll er den Todesstoß ausführen, so verleitet er das wütende Tier, auf das entfaltete rote Tuch in seiner ausgestreckten Linken loszustürzen; dann springt er geschickt zur Seite, ohne daß der massige Stier dieser raschen Bewegung folgen kann, und stößt ihm den Degen in den Nacken. Das ist auch Dschiudschutsu, aber lange nicht so fein, so geschickt und kunstvoll wie das Dschiudschutsu der Japaner, von welchem das, wie es im Zweikampf zum Ausdruck kommt, nur eine der vielen Verwendungen ist. Dschiudschutsu ist nämlich nicht allein auf die Abwehr eines persönlichen Angriffes berechnet, es ist eine ganze Wissenschaft für den Schwachen gegenüber dem Starken, ein, wie Lafcadio Hearn in einem seiner Bücher sagt, philosophisches, ein ökonomisches und ethisches System. Es lehrt, wie man der Kraft nicht Kraft gegenüberzustellen braucht, sondern, wie man den Angriff leitet und zu eigenen Gunsten verwendet, es lehrt im Gegensatz zu den geraden Wegen des Abendländers die krummen Wege des Orientalen, und es ist demnach beinahe der Ausdruck eines Rassengeistes, der von den in Ostasien interessierten Mächten verstanden werden muß, wenn sie dem Japaner erfolgreich gegenübertreten wollen.

Großes Eingangsthor zum Honganitempel in Nagoya.

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GRÖSSERES BILD]

Wie der einzelne Samurai Dschiudschutsu benutzt, so war das ganze Auftreten der Japaner gegenüber dem Auslande bisher nichts weiter als Dschiudschutsu. Man wird es in der ganzen Geschichte des letzten Jahrzehntes als den Grundton der japanischen Politik vorfinden, und ist Japan aus seinen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Krisen bisher erfolgreich hervorgegangen, so hat es dies hauptsächlich gerade diesem, den japanischen Staatsmännern so geläufigen Dschiudschutsu zu danken.

Welcher Japanschwärmer (und Europa hat deren so viele!) hätte nicht vor zwei Jahrzehnten mit Bestimmtheit darauf gerechnet, Japan würde die abendländische Kultur in Bausch und Bogen annehmen, nicht nur die Industrie, Verkehrsmittel und Wissenschaften, sondern auch die Moral, und vor allem das Christentum? Wer hätte nicht darauf gerechnet, die Japaner würden mit der europäischen Kleidung auch europäische Sitten annehmen, ihr Land den Europäern öffnen, europäisches Kapital durch Gewährung günstiger Bedingungen heranziehen, um seine natürlichen Hilfsquellen zu entwickeln? Man hielt die Japaner für so aufgeweckt, so intelligent, so ehrlich und gerade, daß man auf das Entstehen eines europäischen Kulturstaates in Ostasien hoffte, man half ihnen bona fide in jeder Hinsicht, man hielt ihnen sozusagen die Leiter, damit sie leicht und bequem emporklettern konnten. Es war aber alles im Grunde genommen nur Dschiudschutsu, ein Spielen der Schwachen mit den Kräften der Stärkeren, ein rücksichtsloses Ausbeuten dieser Stärkeren zur Förderung ihrer eigenen nationalen Bestrebungen, ein Kampf zwischen den Orientalen und den Europäern, bei welchem die letzteren einfach an der Nase herumgeführt wurden. Es wäre gut, das in allen Einzelheiten aufzudecken, als Warnung für die Zukunft. Besonders für das Deutsche Reich ist es von Wichtigkeit, jetzt, nachdem dasselbe in Ostasien festen Fuß gefaßt hat und nicht nur in China, sondern auch im Stillen Ozean der Nachbar von Japan geworden ist.

Man halte sich doch ein wenig das Werden des modernen Japan vor Augen: überallhin hat es seine äußerlich so bescheidenen, liebenswürdigen und zutraulichen Sendboten ausgesandt, um Industrieen, Wissenschaften, Armeen zu studieren, ohne daß man dabei etwas anderes vermutete als den guten Willen, sich ganz auf die europäische Kulturstufe emporzuheben. Ja, einer der besten Kenner des fernen Ostens, der frühere englische Gesandte Sir Harry Parkes, berichtete an seine Regierung, Japan thäte dies alles nur aus Nachahmungsgeist, ohne ernste Ziele, und es würde sich aus Japan eine Art südamerikanische Republik entwickeln!