Was geschah in Wirklichkeit? Japan holte sich alle unsere modernen Erfindungen und Entdeckungen, es prüfte alle Systeme, die es vorfand, und nahm sie im eigenen Lande nicht etwa gerade so auf, nein, es verwendete sie nur so weit, als sie zur Förderung seiner Starke nötig waren. Es benutzte Europa, wie gesagt, als eine Stufenleiter, über welche es hinwegschritt, um an die Spitze des fernen Orients emporzugelangen. So ist das heutige Japan als Nachbar der deutschen Kolonien in Ostasien nicht etwa, wie man gehofft hatte, ein europäisches Kulturreich, sondern trotz seiner modernen Armee, trotz seinen Eisenbahnen, Telegraphen und Maschinen ebenso orientalisch, ebenso japanisch, wie vor Jahrhunderten. In dem Kampfe, der sich zwischen den europäischen Großmächten und außereuropäischen selbständigen Reichen seit geraumer Zeit abspielt, sind die meisten der letzteren unterlegen, Japan allein ist es geglückt, die Kräfte des Stärkeren auszunützen, um selbst stark aus dem Kampfe hervorzugehen. Es hat einfach das wunderbare, ihm eigene System der Selbstverteidigung angewendet, das nationale Dschiudschutsu.
Ich habe im Laufe der letzten Jahre unzählige Male Gelegenheit genommen, in Zeitungen und Vorträgen auf diese eigentümliche Wandlung Japans, also stets innerhalb des Rahmens seiner nationalen Eigenart, hinzuweisen. Japan ist ganz Japan geblieben und wird auch Japan bleiben. Man entgegnete mir, beispielsweise in Bezug auf die Kleidung, die Regierung hätte doch die europäischen Trachten eingeführt, der Kaiser sei mit gutem Beispiel vorangegangen, und er besitze eine solche Machtfülle und Autorität, daß die Japaner gewiß binnen kurzem seinem Beispiel folgen würden. Man rechnete auf einen ungeheuren Markt von Kleidern, Stiefeln, Hüten, Wäsche und dergleichen in Japan, und ich erhielt selbst zahlreiche Anfragen von Kaufleuten und Industriellen in Bezug auf diese kommenden „großen Geschäfte”. Es war alles nur Dschiudschutsu, alles Schein. Die abendländischen Trachten sind für Japan geradezu unmöglich und undenkbar. Der Japaner hätte nicht nur seine eigenen Füße in die engen Lederstiefel zu zwängen, sondern ich möchte sagen auch seine ganze Lebensweise, er müßte sein Hauswesen, die Einrichtung seiner Wohnung von unterst zu oberst stürzen. Seine schlafrockartige Nationalkleidung, der Kimono, gestattet ihm, direkt auf dem Boden niederzuhocken; er bedarf deshalb auch keiner Stühle, keiner Tische; seine nationale Kleidung ist auch im Winter warm genug, um ihm den Ofen entbehrlich zu machen. Die so leicht abzustreifenden Holzsandalen gestatten ihm, in seinem Hause in Socken einherzugehen und demnach den Fußboden mit feinen weißen Matten zu bekleiden. Die Einführung der Stiefel würde Dielen oder Parkettböden zur Folge haben, die Einführung von europäischen Kleidern Oefen zum heizen der Wohnungen, die Oefen würden wieder die feuergefährlichen Holz- und Papierwände unmöglich machen.
Die europäischen Hosen gestatten kein Niederkauern auf die Waden; es müßten nun in allen Haushaltungen Stühle und damit auch Tische eingeführt werden. All das wäre gleichbedeutend mit dem Umbau oder vielmehr Niederreißen der bisherigen Wohnhäuser und dem Aufbau, der Einrichtung neuer Häuser. Wo aber sollten die fünfundvierzig Millionen Japaner, im ganzen großen ein armes Volk, das Geld hernehmen, um nicht nur neue Kleider zu kaufen, sondern auch neue Wohnhäuser zu bauen? Wer sich das vor Augen hält, der sieht, wie unsinnig die Hoffnung der Japanenthusiasten in dieser Hinsicht war.
Aber selbst in den Hofkreisen und in den Regierungsämtern ist die europäische Tracht nur im öffentlichen Dienste eingeführt. Als ich die Ehre hatte, vom Kaiser in Privataudienz empfangen zu werden, hörte ich, daß er zu diesem Zwecke die europäische Militäruniform erst anlegte, vor und nach der Audienz trug er, wie in seinen Privaträumen überhaupt, den Kimono. Der Minister des Aeußern empfing mich in seinem Bureau im Ueberrock nach abendländischen Schnitt; als ich ihn einige Stunden später im Klub traf, trug er den Kimono. Als ich nach Korea reiste, stiegen mit mir eine Anzahl gestiefelter und gespornter Kavallerieoffiziere, den Säbel zur Seite, den Revolver im Gürtel, auf das Schiff, um sich zu ihren Truppenkörpern an die Front zu begeben. Eine halbe Stunde später kamen sie, ihre sonst nackten Körper nur mit einem Kimono bekleidet, die nackten Füße in Sandalen steckend, aufs Verdeck. In der Reichshauptstadt tragen die Beamten nur in ihren modern europäisch eingerichteten Aemtern europäische Kleidung; zu Hause und im Privatleben kleiden sich nicht nur sie, sondern auch alle Generale und Admirale und Polizeikommissare gut japanisch. Sonst haben nur noch die Aerzte, Studenten und eine kleine Klasse von eingefleischten Reformfreunden unsere Kleidung. Die großen Massen der Japaner aber, von tausend neunhundertneunundneunzig, sind urjapanisch geblieben. Als ich mich erkundigte, warum in den Aemtern überhaupt unsere Kleidung getragen würde, antwortete man mir: des guten Eindruckes wegen, im Verkehr mit Diplomaten, Ausländern und dergleichen. Also wieder Dschiudschutsu.
Es geschieht aber nicht nur aus ökonomischen und Bequemlichkeitsgründen, wenn die Japaner an ihrer altjapanischen Kleidung festhalten, es geschieht aus Nationalstolz und gleichzeitig aus Mißachtung der Ausländer, um nicht zu sagen Haß gegen dieselben. Sonst würde man doch in den geöffneten Häfen, in Yokohama, Nagasaki, Kobe, wenigstens vereinzelt europäisch gekleidete Japaner und japanische Häuser im europäischen Baustil antreffen. Aber auch dort sind ausschließlich die Fabriken, Arsenale, Brauereien, Post- und Zollämter notwendigerweise im europäischen Baustil, alles andere ist trotz dem innigen Verkehr und Beisammenleben mit den Europäern urjapanisch: Baustil, Kleidung, Religion, Festlichkeiten, Sitten und Gebräuche.
Aehnlich ist es mit der Moral gegangen. Wir betrachten die Monogamie als unzertrennlich von der europäischen Kultur. Die Japaner nahmen sich aber von dieser nur, was sie davon brauchen konnten. Die Monogamie paßte nicht zu ihren Sitten, und so sind sie Polygamisten geblieben, vom Kaiser abwärts. Die Geishamädchen, die leichtfertigen Yoshiwaras, der Verkauf der Töchter durch die Eltern, alles ist noch beim alten. Was den Japanern paßte, war die Unterstellung der Yoshiwaras unter die Sitten- und Sanitätspolizei, und deshalb wurde sie eingeführt. Wie elastisch die berühmte „europäische Kultur” der Japaner in Bezug auf die Moral ist, dafür genügt die folgende Notiz, welche noch 1897 die Runde durch die europäischen Blätter machte: „Die japanische Regierung erteilt jetzt in Menge armen Eltern die Erlaubnis, ihre Töchter zu verkaufen, damit die Familien Brot in das Haus bekommen. Die zur Zeit in Japan herrschende Hungersnot ist so furchtbar, daß die Regierung diesen schmachvollen Handel sogar ermutigt. Für die Eltern jedes Opfer zu bringen, um sie vor Entbehrungen zu bewahren, ist in Japan etwas Selbstverständliches. Das Mädchen verkauft sich als zweite Frau an einen reichen Japaner. Ihr Alter muß mindestens zwölf Jahre betragen. Der Kaufpreis beträgt jetzt nur fünfundzwanzig Frank, unter gewöhnlichen Verhältnissen aber tausend Frank. Der Kaufkontrakt wird gerichtlich abgeschlossen. Nach drei Jahren muß der Käufer das Mädchen freilassen, sobald das Geld, welches er für dasselbe verwendet hat, ihm zurückgezahlt ist, und nach sechs Jahren ist das Mädchen überhaupt wieder frei ohne irgend welche Zurückzahlung.”
Ebensowenig, wie ohne Moral, können wir uns die europäische Kultur ohne Christentum denken. Aber die Japaner stehen diesem nicht nur feindlich oder doch vollkommen gleichgültig gegenüber, sie sind überhaupt trotz Buddhismus und Shintoismus kein religiös angelegtes Volk. Als im Jahre 1549 einer der größten Apostel der katholischen Religion, der heilige Franziskus Xaverius in Kagoschima auf der Insel Kiushiu landete, war allerdings Aussicht vorhanden, die Japaner zum Christentum zu bekehren, denn vor allem war der heilige Eifer und die Ueberzeugungskraft dieses erfolgreichsten aller Missionare des Christentums unwiderstehlich; überdies benutzten die Heerführer der zwei großen damaligen Daimioparteien, der Minamoto und Taira, das Christentum für ihre politischen Zwecke, und der gelehrte Japanforscher Ernest Satow führt als weiteren Grund ein historisches Dokument des Daimio von Yamagutschi an, in welchem dieser den katholischen Missionaren Konzessionen erteilt, damit „sie die Religion des Buddha predigten”, denn in ihrer Unwissenheit betrachteten die Japaner damals die christliche Lehre als eine höhere Form des Buddhismus.
Die schreckliche Niedermetzelung der Christen im siebzehnten Jahrhundert ist bekannt, und seither ist das Christentum in Japan nicht mehr wiedererstanden. Wohl gestattete Japan später wieder die Religionsfreiheit, aber doch nur aus Gründen des Dschiudschutsu. Die Regierung konnte den europäischen Mächten gegenüber in dieser Hinsicht keinen Widerstand entgegensetzen, wollte sie als Regierung eines Kulturstaates gelten, und sie konnte um so leichter die Missionare ins Land lassen, als sie wußte, daß, um nur ein Beispiel hervorzuheben, die christliche Lehre, welche es dem Gatten gebietet, Vater und Mutter zu verlassen, um dem Weibe zu folgen, mit den Grundgesetzen der japanischen Kultur in allerdirektestem Widerspruch steht und auf großen Erfolg der Missionare also nicht zu rechnen war. Wieder Dschiudschutsu, durch Nachgeben siegen. Die Regierung hatte richtig gerechnet. Nur die katholische Religion mit ihren 92 Missionaren hat verhältnismäßig Erfolg, denn trotz der geringen Mittel, die den letzteren zu Gebote stehen, haben sie doch eine Gesamtzahl von etwa 50000 Katholiken im Lande. Hätte die Regierung wirklich die Absicht gehabt, aus Japan einen europäischen Kulturstaat zu machen, sie hätte das Christentum als Staatsreligion einführen können, aber statt den europäischen Glauben führte sie im Gegenteil den altjapanischen heidnischen Glauben, Shinto, als Staatsreligion ein und läßt nicht nur dem Kaiser, sondern auch den Bildnissen des Kaisers dieselbe Verehrung vom Volke zu teil werden, wie einem Gott. Wie die Japaner in dieser Hinsicht den europäischen Mächten und deren Gesandten in Tokio scheinbar nachgaben und dabei doch ihre eigene Stellung stärkten, so geschah es auch mit der Eröffnung ihres Landes für europäischen Handel und Industrie. Alles nur Dschiudschutsu, bei welchem nicht nur politische Schachzüge, sondern auch vornehmlich Rasseninstinkt mitwirkten.
Japanenthusiasten frohlocken über den vermeintlichen Einzug der europäischen Kultur in Japan. Herrscht diese irgendwo in einem Staate, so gilt es wohl als selbstverständlich, daß dieser Staat den fremden Touristen, Kaufleuten und Industriellen und dazu auch ihren Unternehmungen geöffnet ist. Könnte man sich etwa England oder Frankreich denken, mit verschlossenem Inland und nur fünf oder sechs Häfen, in welchem Ausländer wohnen und Handel treiben dürfen? Genau dasselbe that aber Japan, und doch verstand es, überall den Glauben an seine europäische Kultur zu erwecken. Seine Emissäre, Studenten, Beamten durchzogen frei und ungehindert die ganze Welt, das eigene Inland aber blieb dieser Außenwelt verschlossen. Der Grund war, wie gesagt, Rasseninstinkt, der sich zuweilen auch bei uns, aber nur untergeordneten Rassen gegenüber, geltend macht. So verschlossen sich Amerika und Australien der chinesischen Einwanderung, weil die Chinesen den Kaukasier in den Lebensbedingungen unterbieten und bei ungehinderter Einwanderung den Kaukasiern von unten herauf Konkurrenz machen könnten. Die Japaner haben den Spieß umgedreht. Der Kaukasier überbietet in seinen Lebensbedingungen den Orientalen, er bringt ihm von oben herab Konkurrenz, gelangt durch seinen Reichtum, sein Wissen, seine Energie, seine positiven Eigenschaften zur Herrschaft, wie der Chinese etwa gewissermaßen durch seine negativen Eigenschaften. Das erkannten die Japaner, oder fürchteten es wenigstens, und bei ihrem ausgesprochenen Nationalstolz traten demgegenüber alle anderen Rücksichten, die Erschließung der natürlichen Hilfsquellen Japans durch Europäer, die Hebung des nationalen Reichtums, die Erhöhung der Einnahmen und dergleichen, in den Hintergrund. Die Japaner haben gesehen, daß, wo immer Europäer in einem außereuropäischen Lande freie Hand bekamen, dieses Land früher oder später seine Selbständigkeit verlor, und deshalb hielten sie ihr Land verschlossen, bis ihre eigenen Einwohner in politischer, kommerzieller und industrieller Hinsicht selbständig geworden waren und das Heft demnach in Händen hielten. Europäische Lehrmeister halfen ihnen dazu auf jedem einzelnen Gebiete, und wußten die Japaner, was sie wissen wollten, dann wurden die europäischen Lehrer entlassen und aus dem Lande geschickt.
Nun konnte dem Druck der Mächte in Bezug auf die Aufschließung des Landes nachgegeben werden, aber auch nur mit Dschiudschutsu, welches dieses Nachgeben in einen glänzenden Sieg für Japan verwandelte. Das Land wurde geöffnet, Ausländer dürfen im Inlande wohnen und Handel treiben, sie mußten aber dazu ihre eigene Gerichtsbarkeit aufgeben und sich der japanischen Gerichtsbarkeit unterwerfen. Ihre bisher ihnen gehörigen Landkonzessionen in den offenen Häfen fallen an Japan zurück; sie dürfen in Japan keinen Grundbesitz käuflich erwerben, sondern nur auf eine gewisse Zeit mieten, und nach dem Tode des Mieters fallen die Grundstücke auch vor Ablauf der Mietzeit an Japan zurück. Der Küstenhandel ist ihnen nicht gestattet, selbst nicht mit einigen der bisher offenen Häfen, und aller Handel der Ausländer wird empfindlich besteuert.