Auf diese Art wird den Europäern in Japan kein besonders verlockender Aufenthalt geboten, ja der Vertrag ist eher geeignet, die dort seit Jahren und Jahrzehnten ansässigen Europäer aus Japan zu vertreiben. Ihr Handel mit den Japanern war nur durch ihre gesicherte Stellung und im Schutze ihrer eigenen europäischen Gerichte halbwegs einträglich. Nun sollen sie sich den japanischen Richtern unterwerfen? Wohl nur ein Bruchteil dürfte sich dazu entschließen. Japan hat sein Land den Europäern erschlossen, aber so, daß es von diesen in Zukunft voraussichtlich mehr verschont bleiben wird als bisher. Wieder Dschiudschutsu, durch Nachgeben siegen.
England war es diesmal, das sich zuerst übertölpeln ließ; die anderen Mächte folgten, obschon die Notwendigkeit dafür keineswegs selbstverständlich erscheint.
Sechzehn Mächte mit sechzehn Gesandten standen den Japanern gegenüber, aber das japanische Dschiudschutsu half diesen über alle Argumente hinweg und gab ihnen die vollständige Unabhängigkeit und Gleichstellung mit den ersten Mächten der Erde, ohne daß sie dafür irgend etwas geopfert hätten, ja im Gegenteil, sie eroberten sogar alle Verluste und Nachteile ihrer früheren Verträge zurück.
Diese politischen Siege wurden durch den erfolgreichen Krieg mit China erheblich gestärkt, er hat den Japanern Zuversicht in ihre militärische, den Europäern abgelauschte Organisation gegeben, er hat das Nationalgefühl gehoben, die Parteien dem Auslande gegenüber geeinigt, so daß Japan schon heute auf weitere Erwerbungen in Asien, auf festeres Auftreten gegenüber den europäischen Mächten spekuliert. Nichts bringt dies klarer zum Ausdruck als eine damalige Rede des früheren Ministers des Auswärtigen, Graf Okuma, in der es heißt:
„Die europäischen Mächte zeigen bereits Anzeichen des Verfalles, und das kommende Jahrhundert wird Zeuge sein von der Zertrümmerung ihrer Verfassung und dem Auflösen ihrer Reiche. Selbst wenn das nicht eintreten sollte, werden ihre Hilfsquellen durch die erfolglosen Versuche zur Kolonisation aufgebraucht sein. Wer soll dann ihr Nachfolger werden, wenn nicht wir? Welcher Staat, ausgenommen Deutschland, Rußland, Frankreich, Oesterreich und Italien, kann binnen einem Monat 200000 Mann ins Feld stellen? In Bezug auf intellektuelle Kraft ist der Japaner den Europäern in jeder Hinsicht gewachsen, ja, noch mehr. Haben die Japaner nicht die Vervollkommnung einer Erfindung zuwege gebracht, welche den Europäern trotz jahrelanger Arbeit nicht gelang? Unser Volk setzt durch die Vorzüge seiner Arbeit sogar das erste Arbeitsvolk, die Franzosen, in Erstaunen. Wahr ist es, unser Volk ist klein von Statur, aber die Ueberlegenheit des Körpers beruht nicht auf der Größe, sondern auf der Konstitution. Ist die Revision der Verträge vollzogen, und hat Japan China besiegt, dann sollten wir eine der ersten Großmächte der Welt werden, und keine andere Macht könnte sich in irgend eine Unternehmung einlassen, ohne zuerst uns zu befragen. Japan könnte dann mit Europa in Wettbewerb treten als der Vertreter der orientalischen Rassen.”
Diese Sätze geben viel zu denken, zumal die für Europa so ungünstigen Vertragsbestimmungen zur Einführung gekommen sind, und der Krieg mit China in der That den Japanern die leitende Stellung in Ostasien gegeben hat. Schon denkt es an das von Okuma angedeutete, wenn nicht klar ausgesprochene Zusammengehen der orientalischen Rassen, denn erst kürzlich drang die Nachricht zu uns nach Europa, daß Japan sich um den Abschluß eines Bündnisses mit China bemüht. Dieses ist durch das Einschreiten Rußlands vorläufig verhindert worden, aber schon der Versuch allein sollte dem Europäer zu denken geben. Schon haben beachtenswerte Gelehrte wiederholt die Ansicht ausgesprochen, daß unser Erdball niemals ganz durch das Abendland beherrscht werden wird und daß die Zukunft den orientalischen Rassen gehört, und wer diese letzteren, vor allem die Japaner und die Chinesen, kennen gelernt hat, der wird solche Ansichten leider nicht ohne weiteres von der Hand weisen können. Darüber, daß die europäischen Völker den orientalischen weitaus überlegen sind, herrscht wohl nirgends ein Zweifel, ebenso wahr ist es aber auch, daß die orientalischen Völker die fähigsten zum Ueberleben sind. Schon in der gewöhnlichen Lebenskraft stehen die abendländischen Völker weit hinter den Orientalen zurück. Die letzteren haben sich unsere so teuer erkauften Erfindungen und Errungenschaften ohne irgend welche Gegenleistung angeeignet und verwenden sie, ohne auch nur entfernt unsere Bedürfnisse zu haben. Der Lebensunterhalt eines Abendländers genügt für mindestens ein Dutzend Orientalen. Unser Lebens- und Ernährungsprozeß ist viel zu kostspielig, als daß wir in einem künftigen Wettlaufe mit den jetzt schon viel zahlreicheren Orientalen dort ganz sicher als Sieger hervorgehen sollen. Gerade in den künstlichen und kostspieligen Verhältnissen, welche mit unserer Ueberlegenheit verbunden sind, liegt unsere Schwäche. Wohl wird demgegenüber entgegnet, daß, je mehr die Orientalen sich unserer Kultur ergeben, auch ihre Bedürfnisse sich in demselben Maße steigern werden, wie es thatsächlich schon in Japan der Fall ist. Aber bleiben wir denn in dieser Hinsicht stehen? Steigern sich nicht auch vielleicht in noch größerem Verhältnis unsere Bedürfnisse? Man braucht nur an die Zeit unserer eigenen Väter zu denken, um zu sehen, wie sich unsere ganzen Lebensbedingungen verbessert, aber auch entsprechend verteuert haben, und wird das, wie bisher, nicht auch in Zukunft der Fall sein?
Die durch die Verträge mit Japan anerkannte Gleichstellung der Europäer mit den Japanern, die Unterstellung der ersteren unter die Gesetze der letzteren, die vermehrten Handelsbeziehungen mit Ostasien, die immer steigende industrielle Thätigkeit des Abendlandes und dementsprechend auch das Bedürfnis immer größerer Absatzgebiete, die Erwerbung von Kolonien in China und im Stillen Ozean und damit auch die gefährliche Nachbarschaft eines Reiches wie Japan bringt die vorhin ausgesprochenen Fragen der Gegenwart immer nachdrücklicher vor Augen. Nicht nur Ostasien ist in den Vordergrund gerückt, auch die Ostasiaten sind es, und es ist deshalb keineswegs zwecklos, noch einmal in die Warnungstrompete zu stoßen. Ein bißchen weniger Vertrauensseligkeit in Bezug auf die Orientalen wäre gewiß von größtem Nutzen. Man hat bisher wohl sehr viel mit den ostasiatischen Reichen sich beschäftigt, aber wenig mit dem eigenartigen, verschlossenen, schwer zu erfassenden Charakter ihrer Völker.