Die sibirische Beulenpest.
Während meines ersten Aufenthaltes in Hongkong waren Gerüchte von dem Ausbruch einer pestartigen Krankheit in der größten Stadt des himmlischen Reiches aufgetaucht, und bei meiner Ankunft in Canton fand ich diese Gerüchte leider nur zu sehr bestätigt. Seit einem halben Jahre hatte es dort fast gar nicht geregnet; Schmutz und Unrat, diese sprichwörtlichen Merkmale chinesischer Städte, hatten sich in dem engen scheußlichen Straßengewirre während dieser Zeit angesammelt und verpesteten die Luft derart, daß man sich über die vielen Menschenopfer kaum zu wundern brauchte.
Schon die plumpen, schweren chinesischen Dschunken und die kleineren Sampans, die den Strom bevölkern, zeigten, daß sich in Canton etwas Außergewöhnliches abspielen müsse; statt der zwei kleinen roten Joßpapierchen, welche die Chinesen zur Beschwörung der bösen Geister gewöhnlich an den Stern ihrer Schiffe kleben, prangten dort ein halbes Dutzend oder noch mehr; rote Papierstreifen mit allerhand Inschriften in Gold und Schwarz klebten auch auf den aus zusammengenähten Matten bestehenden Segeln, am Bug und an den Seiten. Joßstäbchen brannten dutzendweise auf den Schiffen und sandten kleine leichte Rauchwölkchen empor; wie Kleingewehrfeuer knatterten die vielen Fire-Cracker, die auf dem Flusse und an den Ufern verpufft wurden, und mehr als sonst fuhren Sampans und Ruderboote, von Chinesenfrauen gelenkt, dicht vor dem Bug unseres Dampfers vorbei.
Mehr als die zahlreichen burgartigen Pfandhäuser und Tempeldächer der Riesenstadt verriet die drückende stinkende Atmosphäre, daß wir uns Canton näherten. Stoßweise führte sie uns der Wind als Grüße aus der Peststadt entgegen. Die ersten dieser Nasenstüber jagten uns Schrecken ein, allein nun war nicht mehr zu helfen.
In dem recht gut gehaltenen Shameenhotel wurde mir die tröstliche Auskunft zu teil, daß in der europäischen „Konzession” noch kein Pestfall vorgekommen sei und daß Europäer von der tückischen Krankheit überhaupt nicht viel zu befürchten hätten, indessen man riet mir doch zur größten Vorsicht. Mit Mühe überredete ich einen die englische Sprache radebrechenden Chinesen, Ah-Kam, mich in das enge, schwüle, düstere Straßengewirr zu begleiten, das sich jenseits des Kanals auf der weiten Ebene des Perlflusses ausbreitet. Schon nachdem wir ein Viertelstündchen durch das Labyrinth Cantons gewandert waren, konnte ich das Wüten der Epidemie wohl verstehen.
Nicht nur die verpestete Luft, die Anhäufung faulender organischer Stoffe und der Genuß schlechten Wassers waren die Ursachen der Pest. Eine Publikation des Gouverneurs von Canton ließ noch auf eine andere Ursache schließen: den Genuß verseuchter Tiere. Ich ließ mir aus den chinesischen Tagesblättern Cantons folgende Notiz übersetzen: „Da die Ratten die ersten Opfer der Seuche waren, so ließ der Mandarin des Distrikts des westlichen Thors, Lo Ching, zehn Cash (etwa zwei Pfennig) als Prämie für jede ihm vorgelegte tote Ratte ausschreiben. In den ersten vier Tagen wurden ihm 2600 tote Ratten gebracht, von denen 1400 in der To-postraße allein aufgelesen wurden. Der Mandarin ließ sie zusammen vergraben”.
Ebenso ließ der Stadtpräfekt in einer Proklamation Ende April das Schlachten von Schweinen verbieten, und am Tage meiner ersten Wanderung durch Canton wurde eine zweite Proklamation an die Straßenecken geklebt, derzufolge der Fischfang in Zukunft verboten wurde. Es geschah dies hauptsächlich, um das Verkaufen verseuchter oder toter Schweine und Fische zu verhindern.
Wer mit chinesischen Sitten und Gebräuchen nicht vertraut ist, konnte indessen beim Durchwandern der Stadt nicht viel von der herrschenden Epidemie wahrnehmen; zunächst ist das Bild der Gäßchen mit ihren zahllosen Kaufläden, mit ihrer eigentümlichen Bevölkerung, mit den fremdartigen Sitten und Gebräuchen etc. so ungemein fesselnd und interessant, wenn auch abstoßend, daß ihr Besucher geradezu überwältigt wird. Freilich sah er möglicherweise manchen Leichenzug an sich vorbeikommen, oder er erblickte in diesem oder jenem Hause durch die weitoffenen Thüren einen Leichnam mit weißem Laken bedeckt, heulende Trauerweiber auf den Matten zu seinen Füßen kauernd. Aber der Straßenverkehr zeigte sich im großen ganzen ebenso wie zu normalen Zeiten. Indessen die Pest nahm immer mehr überhand, die Bevölkerung wurde immer ängstlicher, denn es starben an manchem Tage an tausend Menschen, es fehlte an Särgen, und ich sah selbst viele Leichen, die, nur mit einem Tuche bedeckt, auf Matten nach den Friedhöfen außerhalb der Stadt getragen wurden. Die meisten waren innerhalb weniger Stunden oder doch innerhalb eines Tages gestorben. Zuerst fühlten sie heftiges Fieber mit hoher Körpertemperatur, Kopfschmerz und Durst; dann stellte sich Bewußtlosigkeit ein, und gleichzeitig mit dieser entstanden am Halse, in den Achselhöhlen und an den Lenden große, harte, schmerzhafte Beulen von schwarzer Färbung, schließlich färbte sich der ganze Körper schwarz. Der Tod trat dann längstens binnen einem Tage ein. In einer verhältnismäßig geringen Zahl von Fällen zieht sich die Krankheit mehrere Tage hin, und dann ist Hoffnung auf Genesung vorhanden. Doch erfuhr ich im Hospitale der achtzehnten Straße in Canton von den chinesischen Aerzten, daß durchschnittlich von je drei Fällen zwei tödlich verlaufen. Sie versicherten, die Beulenpest sei nicht ansteckend und trete nur bei Menschen auf, die unter ähnlich elenden sanitären Umständen lebten. Das beruhigte mich so weit, daß ich meine Wanderungen durch Canton mehrere Tage lang fortsetzte. Indessen fand ich nach meiner Rückkehr nach Hongkong in der dortigen „Preß” eine Korrespondenz aus Canton, worin es heißt: „Die Pest ist nicht nur jenen gefährlich, welche in der Stadt wohnen, sondern auch fremden Besuchern. Wir vernehmen von Chinesen, daß mehrere Fremde starben, während sie im Tragsessel durch die Stadt getragen wurden”. Gut, daß ich dies in Canton selbst nicht erfahren hatte.