Und doch war es auch ohne diese Kenntnis unheimlich genug in Canton. Wohl der Bravste mag erschrecken, wenn er einen so mörderischen Gast in seiner Nähe weiß, unsichtbar und deshalb nicht anders zu bekämpfen als durch die Flucht. Durch diese wäre mir aber ein hochinteressanter Einblick in das innerste Denken und Fühlen der Chinesen entzogen worden, und so wiederholte ich meine Besuche, jedesmal mehrere Stunden mitten unter diesem seltsamen Volk im Innersten ihrer Hauptstadt verweilend. Ich hatte viel von ihrem Haß gegen Europäer, von ihren thätlichen Angriffen auf diese, von der Zahl der Diebesbanden und Einbrecher in Canton gehört. Wie lange ist es denn her, daß der Pöbel selbst Shameen erstürmte und eine Anzahl der europäischen Häuser niederbrannte? Ich selbst habe von diesem Haß nicht das geringste wahrgenommen. War es nur der furchtbare, alle Vorstellungen übersteigende Aberglaube der Chinesen, der mich vor Haß schützte? Standen sie unter dem alles andere übertäubenden Einfluß der Seuche in ihrer Stadt, der sibirischen Pest? Wie viele Opfer diese gefordert hat, konnte ich aus vielen kleinen Anzeichen erkennen, die sonst von Besuchern unbeachtet bleiben, weil sie ihnen unbekannt sind. Die Chinesen trauern dadurch, daß sie während sieben Wochen nach dem Tode ihres Verwandten ihr Kopf- und Barthaar wachsen lassen, daß sie statt des schwarzen Schwänzchens in ihren Zopf ein weißes oder blaues flechten; daß sie statt schwarzer Schuhe weiße oder blaue tragen; daß Frauen und Mädchen während der Trauerzeit kein Messer, keinen Löffel, keines der kleinen Eßstäbchen beim Essen benutzen, sondern mit den Fingern essen; an den Häusern der Verstorbenen werden die beiden großen roten Papierlaternen, die an jedem Chinesenhause vor dem Eingange baumeln, durch weiße ersetzt; die Thüren der Häuser, in denen sich eben Verstorbene befinden, werden geschlossen und brennende Kerzen auf die Schwelle gesteckt. Wie viele dieser und anderer kleinen Merkmale sah ich doch, die mir mehr sagten, als es die Aerzte oder städtischen Mandarine konnten!

Eine Leichenprozession.

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GRÖSSERES BILD]

Die berühmten Cantoner flower boats, die Blumenboote mit den Restaurants und den gepuderten und geschmückten Mädchen, standen am Abend leer, denn niemand wollte, niemand konnte in so drückenden Zeiten sich vergnügen; das glänzende, reiche, lärmende Flußleben Cantons zur Nachtzeit hatte sich in Totenstille verwandelt, als hätten die Tausende von Sampans und Dschunken gar keine Bevölkerung. Hörte ich auf meinen nächtlichen Flußfahrten auf dem Hausboot des Shameenhotels irgendwo lärmende Trommeln und Trompeten und fire crackers, so rührten sie vom Drachen- oder vom Löwentanz her, womit die Chinesen die bösen Geister aus ihren Häusern treiben wollen; kehrte ich spät nachts in mein Hotel zurück, so sah ich von meinen Fenstern aus jenseits des Kanals phantastische Prozessionen, bei dem flackernden Schein der Fackeln gewahrte ich scheußliche große Fratzen, buntbemalte Drachenköpfe mit mehrere Meter langen Schwänzen, die von darunter steckenden fanatischen Chinesen fortbewegt wurden; andere, mit dreispitzigen Gabeln und Zangen versehen, tanzten um sie herum; riesige Kupferpauken wurden hinter ihnen einhergetragen und heftig darauf losgeschlagen; fast die ganze Nacht hindurch währte das Kleingewehrfeuer der fire crackers und das Abschießen von allerhand Feuerwaffen, alles nur zur Vertreibung der bösen Geister; vom Schlafen war unter solchen Umständen keine Rede, zumal Shameen eines der verrufensten Mückennester Chinas ist. Hie und da erhellte ein greller Feuerschein meine Stube, und blickte ich durch die Fenster, so sah ich, wie die langbezopften Chinesen in den Kanalbooten unter mir Joßpapiere, d. h. große, mit allerhand Beschwörungsformeln bemalte Papierbogen verbrannten. Waren sie verglüht, war wieder nächtliches Dunkel an Stelle des roten Scheines getreten, dann sah ich auf den Booten Tausende winziger rotglühender Punkte, von den glimmenden Joßstäbchen herrührend, die massenweise auf den Booten angebracht waren. Wie gern hätte ich eine nächtliche Wanderung durch die Straßen der Stadt angetreten, die vor mir lag wie ein Vulkankrater, in dem es bald hier bald dort aufflammte und krachte und polterte. Allein jede Straße Cantons ist zur Nachtzeit verbarrikadiert; an beiden Enden werden die Thorgitter versperrt, und die nächtlichen Straßenwächter mit dem Schlüssel am Gürtel lassen niemanden durch; wanderte ich dann am frühen Morgen durch die feuchten, übelriechenden, unheimlichen Gäßchen, dann sah ich den Boden mit roten Papierfetzen bedeckt, die Ueberreste der während der Nacht verbrannten Joßpapiere und Feuerwerkskörper. In jedem Gäßchen befindet sich ein kleiner Altar, an welchem Joßstäbchen glimmten; außer diesem gemeinschaftlichen Altar besitzt jedes Haus der inneren Stadt Cantons seinen eigenen Altar auf der Gassenseite neben dem Haupteingange. Auf jedem einzelnen glimmten einige Joßstäbchen, auf jedem Arbeitstische der Handwerker, auf jedem Verkaufstische der Kaufläden standen Sandbüchsen mit diesen wohlriechenden, leichten Rauch entwickelnden Glimmstengeln. Die Menschen eilten rasch und scheu dahin, wenige Weiber, fast durchwegs Männer; jeder einzelne hatte an seiner dunkelblauen Bluse vorn ein kleines Säckchen mit Amuletten hängen; jeder trug ein ähnliches Säckchen, mit riechender Substanz gefüllt, in der Hand und hielt es an die Nase; oder er trug statt des Säckchens einen Rosenkranz oder ein Stück Sandelholz. In jedem Gäßchen hockten Chinesenjungen an den Häusern, dabei Beschwörungsmittel feilbietend, und die Verkäufer von Joßpapieren machten ausgezeichnete Geschäfte. Alles eilte so schnell wie möglich durch die verpesteten Gäßchen, nur die Kolonien aussätziger Weiber behielten ihre angestammten Plätze bei, zeigten ihre wunden, aussätzigen oder gänzlich abgestorbenen Gliedmaßen und bettelten um Almosen. Zuweilen stieß ich auf die lärmenden Drachenprozessionen, gefolgt von Banden verlotterter Chinesen, Tamtam und Pauken schlagend oder kleine Holzstäbchen aneinander klappernd; oder es huschte ein Leichenzug rasch vorbei, Musikanten voraus, dann der Tote, dann der prächtige Tragstuhl mit der Ahnentafel des Verstorbenen, einige Anverwandte dahinter. In den Buddhatempeln wurde überall von den zahlreichen Priestern gebetet; gefühl- und gedankenlos murmelten sie stehend ihre Gebete zu den großen vergoldeten Götzen empor, die grotesk mit verschränkten Beinen auf den Altären sitzen. Der Stadtpräfekt hatte diese allgemeinen Gebete angeordnet, um den Dämon aus der Stadt zu treiben, und den Göttern wurden außerdem reiche Sühnopfer dargebracht. Eine andere Verordnung der Regierung befahl, daß die langen grotesken Ruderboote der alljährlichen Drachenfeste, die gewöhnlich nach der Festzeit in den Schlamm des Perlflusses versenkt werden, wieder auszugraben seien, um damit Rundfahrten auf dem Flusse zu unternehmen, denn ihnen wird besondere Kraft zur Teufelsvertreibung zugeschrieben. So begannen denn gerade während meines Besuches der Stadt die Fahrten dieser Drachenboote im Distrikt des Ostthores, ohne selbstverständlich irgendwie zu helfen. Aber das merkwürdigste Mittel zur Vertreibung der Pest erfand doch die Regierung, ein Mittel, das selbst in den Annalen des himmlischen Reiches nur selten vorkommt und ein grelles Streiflicht auf den Aberglauben und die Geisterfurcht der Chinesen wirft. Das chinesische Jahr ist nicht wie das christliche ein festes Jahr. Die Monate werden nach dem Monde gemessen, und in jedem dritten Jahre wird willkürlich nach irgend einem der zwölf Monde ein dreizehnter Monat eingeschoben. Der Jahreswechsel jedoch richtet sich nach der Sonne. Neujahr fällt jedesmal auf den ersten Neumond, nachdem die Sonne in das Sternbild des Aquarius eingetreten ist, also nach unserer Zeit auf bestimmte Tage zwischen dem 21. Januar und 19. Februar. Im Jahre 1893 fiel das chinesische Neujahr beispielsweise auf den 17. Februar; nun ist der Neujahrstag in China das größte Fest des ganzen Jahres und wird überall in der lärmendsten Weise gefeiert, alle Schulden müssen vor dem Neujahrstage getilgt werden, es wird den Göttern geopfert und von den Wahrsagern das Glück des neuen Jahres erforscht. Da nun das Jahr 1894 bisher einen so unglücklichen Verlauf hatte, so erließ die Regierung eine Proklamation, derzufolge der erste Tag des bevorstehenden vierten Monats als neuer Neujahrstag allgemein gefeiert werden müsse, um die übrigen Monate des Jahres in ein glückliches Jahr zu verwandeln. Der Erlaß ist vom 2. Mai christlicher Zeitrechnung datiert und in den englischen Blättern Hongkongs vom 4. Mai 1894 zu lesen. Aber die Leute starben trotz des dekretierten neuen Jahreswechsels, ja die sibirische Pest griff immer mehr um sich, das benachbarte Hongkong wurde zu einem ihrer Hauptherde, und von dort wurde sie durch die Schiffe im Laufe der Jahre nach Afrika, Australien, Indien und sogar bis ans Mittelmeer verschleppt. Nur den strengen sanitären Maßnahmen ist es zu danken, daß man nicht auch in Europa die Bekanntschaft dieser schrecklichen Epidemie gemacht hat.

Vor dem Polizeirichter.

Gerichtspflege.