An den Sehenswürdigkeiten chinesischer Städte, an Tempeln, Pagoden und Ehrenpforten, hat sich der Europäer gewöhnlich bald satt gesehen, denn der großen Mehrzahl nach sind sie von einem ewigen Einerlei. Kam ich im Reiche der Mitte in eine mir noch unbekannte Stadt, so bangte mir gewöhnlich schon vor dem Confuciustempel oder der Pagode, die ich besichtigen sollte. Was wirklich interessant wäre, wie die Kaiserpaläste und Ahnentempel in Peking, ist nicht zugänglich, und wo diese Kaiserpaläste und Tempel wirklich zugänglich wären, wie in Nangking, sind nur noch traurige Ruinen davon übrig.
Weit interessanter als diese Bauten in den chinesischen Städten ist das Leben und Treiben ihrer Einwohner, darunter vor allem die chinesische Industrie. Gewöhnlich ließ ich mich von einem Dolmetscher zuerst in die Geschäftsstraßen führen, wenn die engen, dunklen, feuchten Gäßchen der meisten Städte den Namen Geschäftsstraßen überhaupt verdienten. Allerdings war ich selbst dort viel mehr der Gegenstand der Neugierde, als es die Chinesen für mich waren. Solange ich mich mitten durch das rege Gewühl und Gedränge fortbewegte, beschränkte sich mein neugieriges Gefolge gewöhnlich auf etwa ein Dutzend Personen; blieb ich irgendwo stehen, so verdoppelte sich der mich umdrängende Menschenhaufe, und begann ich gar durch meinen Dolmetscher zu fragen oder zu feilschen, dann schrieen die bezopften Straßenjungen vor lauter Verwunderung und lockten noch die Menschen aus den Seitengäßchen herbei. In der ersten Zeit war mir diese schmutzige, zerlumpte Gesellschaft in hohem Grade lästig, aber später gewöhnte ich mich daran. Bei solchen Gelegenheiten kam mir immer der erste Chinese in den Sinn, den ich als kleiner Junge in Europa gesehen habe. War ich ihm dort etwa nicht ebenfalls nachgelaufen? Wurde er nicht durch böse Gassenjungen geneckt und beim Zopfe gezupft und ausgelacht? Jetzt zahlten seine Landsleute mir diese Neugierde zurück.
Im Kaufladen.
In Canton kümmern sie sich um die Europäer wenig mehr. Canton, diese größte Stadt des Reiches der Mitte, ist an Europäer schon seit dreihundert Jahren gewöhnt, man sieht ihrer dort viel mehr als in anderen Städten Chinas, und das Gefolge beschränkt sich gewöhnlich nur auf ein halbes Dutzend Menschen, die man sich hier auch leichter vom Leibe halten kann. Dazu ist Canton das Paris, oder ich möchte lieber sagen das Neuyork von China, Peking ist sein Washington. Canton ist der Hauptsitz der chinesischen Industrie; Hunderttausende sind dort mit der Anfertigung von Waren beschäftigt, die auf zahllosen Dschunken und Kanalbooten, auf dem Rücken von Mauleseln oder Lastträgern durch das ganze Reich geführt werden; in Canton sind die geschicktesten Arbeiter, die reichsten Kaufleute, die schönsten Läden, und wohin ich auch kam, nach Städten in Nord und Süd, in den Industrievierteln fand ich mit geringen Abweichungen doch nur den Abklatsch des industriellen Lebens von Canton. Es ist in dieser Hinsicht die erste Hauptstadt Chinas, alles andere Provinz.
Gerade wie es in vielen Städten Europas der Fall ist, so sind auch in den chinesischen Städten die einzelnen Industrien gewöhnlich in bestimmten Quartieren zu finden; hier eine Gasse, vielleicht ein bis zwei Kilometer lang, gefüllt mit Goldarbeiterläden, die sich dicht aneinander reihen, so daß ich oft gar nicht wußte, ob ein Schaukasten zu dem einen oder dem anderen Laden gehörte; bog ich um eine Straßenecke, so befand ich mich vielleicht im Viertel der Fächerfabrikanten, in der nächsten Straße in jenem der Möbeltischler, und so ging es weiter.
Ein Haus gleicht dort dem andern: das untere Stockwerk wird ganz von dem Geschäft eingenommen, das von der einen Hauswand zur anderen offen steht, um das in den düsteren Gäßchen an und für sich spärliche Licht einzulassen; im oberen Stockwerk sind die Wohnungen, und vor jedem Hause baumeln die roten, gelben, goldenen oder schwarzen langen Schilder herab, ein Wald von Schildern, der jeden Ausblick verhindert, das Sonnenlicht ausschließt und die Gäßchen selbst in ewige Dämmerung hüllt, während die Schilder darüber glitzern und glänzen. Man denke sich nur sämtliche Firmentafeln des Wiener Grabens oder der Berliner Friedrichstraße, statt an den Häusern befestigt, vor denselben von Stangen der Länge nach herunterbaumeln! Unten in den Gäßchen ein ewiges Gewoge und Getriebe, ein Lärmen, Schreien, Stoßen und Drängen, ein Hin- und Herzerren, Schieben und Drücken von Zehntausenden bartloser, langbezopfter, halbnackter Gestalten, alle auf der Jagd nach Erwerb, alle im Kampf ums Dasein. Rechts und links in den kleinen finsteren Gewölben aber wird gehämmert und geklopft, gesägt und gefeilt, ohne Unterlaß vom Morgengrauen bis zur anbrechenden Dunkelheit. Ueberall wird so emsig gearbeitet, als gälte es, Bestellungen auszuführen, die unbedingt am Abend fertig sein müssen. Welcher Fleiß! Welche Unermüdlichkeit des Schaffens!
In diesen Industrievierteln Cantons wie anderer chinesischer Städte sah ich niemals die Menschen rasten und ruhen, ausgenommen, sie lagen still und tot unter dem weißen Leinentuche, aufgebahrt in denselben Läden, in denen sie ihr ganzes Leben in Arbeit verbracht hatten. Aber in den Läden ringsum wurde dabei doch rastlos geschafft, obschon niemand wußte, ob nicht die Arbeit unter seinen Händen die letzte war, ob nicht der tückische Tod sich ihn als nächstes Opfer ausersehen hatte. Wanderte ich durch diese Straßen, Kampfer im Munde und ein mit Kampfergeist getränktes Taschentuch vor der Nase, so vergaß ich über dieser Emsigkeit des Schaffens selbst die furchtbaren Verhältnisse, die eben in Canton herrschten. Ich war der einzige Spaziergänger, der einzige Müßiggänger unter all diesen Zehntausenden und hätte mich selbst hinsetzen mögen, um mitzuthun. Betrachte ich heute die Dutzende von Sachen, die ich auf meinen Spaziergängen in den chinesischen Städten erworben habe, dann sehe ich im Geiste auch die Arbeiter vor mir, die sie verfertigten, diese halbnackten, schweißtriefenden, emsigen Gestalten, wie sie stumm, ihrer Arbeit vollständig hingegeben, auf dem feuchten Boden kauern, und der höchst eigentümliche Geruch, der all den Industriestädten Chinas eigen ist, haftet auch meinen Fächern und Stickereien, Stoffen und Gerätschaften noch heute an. Entfalte ich eine der herrlichen Stickereien, so ist bald mein ganzes Zimmer mit diesem berauschenden modrigen Duft geschwängert, ein Gemenge von Opium-, von Sandelholz- und Theegeruch. Er ist unangenehm, bedrückend, ich möchte sagen furchteinflößend. Er erinnert an Grüfte. Es sind ja in der That Grüfte, in denen die großen Massen der Chinesen arbeiten, und auch ihre Arbeit ist furchteinflößend. Wie, wenn diese Hunderte von Millionen fleißiger Menschen ihre althergebrachten Werkzeuge fortwürfen und zu unseren modernen Arbeitswaffen, zu unseren Maschinen, griffen? Wie, wenn ein industrieller Li-Hung-Tschang den rastlosen Fleiß, die Fertigkeit dieser größten Arbeiterarmee der Welt gegen die unserige, europäische, ins Feld führte und in China Hunderte von Fabriken, von Hochöfen und Gießereien schaffen sollte? Was würde dann aus uns?