Hausmusik.

Die Hitze, der odeur chinois, der in dem Raume herrschte, der warme Wein, die Gerüche der Speisen hatten den Aufenthalt für uns zwei Kaukasier geradezu unerträglich gemacht, und wir ermunterten uns gegenseitig durch Zeichen, den Tisch für einige Augenblick zu verlassen. Der Gastherr schien diese Zeichen zu verstehen, denn er selbst stand nun auf und sprach unter einer Verbeugung gegen mich einige Worte, auf welche die ganze Gesellschaft sich von den Sitzen erhob. Endlich! Erleichtert sprangen wir auf unter dem Eindruck, die Sache wäre beendigt. Zeremoniös kam aber der Dolmetscher auf mich zu, um mir zu sagen, der Hausherr wünsche uns Gelegenheit zu geben, die jungen Damen, ausgezeichnete Sängerinnen Cantons, zu hören und ein paar Pfeifen Tobak zu rauchen; dann würden wir das Diner fortsetzen. Welcher Schrecken! Es stand uns also noch eine zweite Auflage Knoblauch und Zwiebel, Oel und Fett bevor! Wir begaben uns in den anstoßenden Raum, wo die Dienerinnen der Dämchen uns die eigentümlichen Wasserpfeifen der Chinesen zu rauchen gaben und langbezopfte Aufwärter schön servierten. Jeder von uns erhielt ein kleines Theetäßchen ohne Henkel, aber wie eben in China alles verkehrt ist, so stand auch das Täßchen nicht auf der Untertasse, sondern die letztere lag umgekehrt auf dem Täßchen und deckte dasselbe zu. Die Aufwärter hoben diesen Deckel auf, schütteten einige graue Theeblätter in das Täßchen, gossen kochendes Wasser darüber und legten die Untertasse wieder auf. Wollten die Gäste den Thee trinken, so faßten sie die heiße Tasse so, daß sie mit den Fingern gleichzeitig die obenliegende Untertasse ganz wenig zurückschoben und so festhielten. Durch den offenen Spalt wurde der Thee mit einem Male ausgeschlürft, während die Theeblätter durch den Deckel zurückgehalten wurden. Sahne und Zucker werden in China zum Thee nicht verwendet, bei der vorzüglichen Qualität der Theeblätter durchaus kein Nachteil.

Als die Sängerinnen ihre monotonen, fortwährend zwischen Dur und Moll einherschwebenden Gesänge unter Guitarrebegleitung abgeleiert hatten, ließ der Gastherr einen chinesischen Taschenspieler seine in der That merkwürdigen Kunststückchen ausführen. Die Abwechselung war uns sehr willkommen, denn das pehng, pehng, pit, pit, pit des Guitarregezupfes war nicht länger zu ertragen. Gern hätten wir uns nach den Vorführungen des Taschenspielers verabschiedet, um dem zweiten Teil des Diners zu entgehen, aber der Gastherr ließ uns durch den Dolmetscher sagen, er hätte gerade für dieses zweite Diner einige chinesische Delikatessen, Schwalbennestsuppe und Haifischflossen, zubereiten lassen, und so folgten wir denn wieder der bezopften Gesellschaft in den Speisesaal. Es war zehn Uhr, und während der ganzen folgenden Stunde wurden uns wieder ein Dutzend Gänge der verschiedensten Art vorgesetzt: Entenzungen, Schweinsmaul, Garnelen mit Knoblauch und Zucker zubereitet, kleine Fischchen mit eingemachten Fichtenzäpfchen, geröstete Lilienwurzeln, Fischhirn mit Pilzen und anderes. Wo das Englisch meines Dolmetschers zur Erklärung der Speisen nicht ausreichte, zeichnete er mir die betreffenden Dinger auf eine Papierserviette. Eine fade schmeckende Speise, die wie Kalbskopf nach Schildkrötenart zubereitet aussah, wurde mir endlich als die berühmten Schwalbennester bezeichnet; beim nächsten Gang bekamen wir in kleinen Schälchen eine schwärzliche Gallerte vorgesetzt, in welcher dunkelrote Eidotter staken; die Gallerte, von der ich ein Stück mit einem Stäbchen aufspießte, schmeckte uns doch so sehr nach Schwefelwasserstoffgas, daß ich mich desselben sofort wieder entledigte; mein Nachbar zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe, der Dolmetscher machte ein wichtiges Gesicht und meinte: „vely good, that vely old egg” „sehr gut, das sehr altes Ei” (ich schreibe vely und nicht very, weil der Chinese das r nicht aussprechen kann und statt r stets l anwendet). Sehr altes Ei! Ich erfuhr die Zubereitung dieser Eier aus einem chinesischen Kochbuch. Vielleicht ist sie unseren Köchinnen von Nutzen: Aus Holzasche, Kalk, Salz, Wasser und einigen aromatischen Kräutern wird ein dicker Brei bereitet, in welchen die frisch gelegten Eier gelegt und darin unter hermetischem Verschluß vierzig Tage lang aufbewahrt werden. Dann sind sie schon genießbar, aber je länger sie liegen bleiben, desto besser werden sie nach chinesischen Begriffen, gerade so wie unsere Weine, und ein mehrere Jahre altes Ei ist das Nonplusultra einer Delikatesse. Solche Eier waren es, die wir vorgesetzt bekamen!

Indessen, es ist doch alles Geschmacksache auf unserer Erde. Ich forderte meinen Dolmetscher auf, mir die Bemerkungen meines Gastfreundes mitzuteilen, und er antwortete, der letztere hätte gehört, die Europäer äßen Käse aus Milch von Kühen, Eseln und Schafen zubereitet. Sie ließen diese Käse auch so lange liegen, bis sie schimmlig würden und noch viel schlimmer stänken als diese Eier; wie es denn käme, daß wir gerade die alten Eier schlecht fänden. Ich mußte ihm darauf meine Antwort schuldig bleiben.

Nach einigen Suppen, mit wohlriechenden Oelen versetzt und gekochten Nudeln darin, kam eine Speise, die aus dünnen, weichen Knorpeln zubereitet schien und gar nicht so schlimm mundete. Das waren die berühmten Haifischflossen, von denen nicht etwa das Fleisch, sondern nur die weichgekochten Gräten gegessen werden. Die Pausen zwischen den einzelnen Gängen stillten die anscheinend noch immer hungrigen Gäste damit aus, daß sie fortwährend getrocknete Melonenkerne knabberten, die in kleinen Schüsselchen vor ihnen standen, ebenso wie man bei englischen Mahlzeiten mit Salz gebrannte Mandeln knabbert. Eine Speise, die bei großen Banketten in China gewöhnlich auf den Tisch kommt, Fisch in Ricinusöl gebacken, fehlte glücklicherweise diesmal, daß sie aber thatsächlich serviert wird, geht aus den übereinstimmenden Mitteilungen der Chinareisenden hervor. Ich habe vier Jahre später in Tsiho, an der Südgrenze von Petschili, am Hoangho, auch Kuchen vorgesetzt bekommen, die in Ricinusöl gebacken waren[1].

Auch bei diesem Diner bewahrheitete sich das Sprichwort: „Das Letzte ist das Beste”. Es kam in Gestalt einer dampfenden Schüssel gekochten Reises, der uns vorzüglich mundete. Damit war die Mahlzeit beendet. Es war elf Uhr geworden, und wir verabschiedeten uns mit herzlichem „Tschin-Tschin” (Heil, Heil!) von unserem Gastgeber und den übrigen Anwesenden. In unser Hotel zurückgekehrt, ließen wir uns noch eine Flasche Bier und ein Stück Roquefortkäse gut munden, denselben Käse, den die Chinesen so sehr verschmähen, und der bei uns als Delikatesse gilt. Andere Länder, andere Sitten.

Wie ich nachher auch in anderen Städten erfuhr, spielen sich die Festmahlzeiten der Chinesen, auch jene der Regierungsmandarine in Peking, in ähnlicher Weise ab wie das geschilderte. Speisen sie allein oder doch nur in Gesellschaft näherer Freunde, so sind die Mahlzeiten selbstverständlich viel einfacher, ja, es giebt selbst in Ostasien kaum eine Nation, die genügsamer und einfacher wäre wie eben die Chinesen. Nur die Wohlhabenden und die Mandarine gestatten sich zuweilen den Luxus eines derartig großartigen Banketts, dessen Speisen unter gewöhnlichen Verhältnissen hinreichen würden, das Menü für einen ganzen Monat zu füllen.