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GRÖSSERES BILD]

Im Vergleich zu Shanghai treten alle anderen europäischen Städte Ostasiens in den Hintergrund, Singapore, Penang, Hongkong, Batavia, Manila, Yokohama, Kobe, Nagasaki. Manche darunter sind schöner, größer, behaglicher, keine aber hat einen ähnlich entwickelten Handels- und Schiffsverkehr, eine so aufgeweckte liberale, energische, vergnügungslustige Bevölkerung.

Es sind freilich weder architektonische Wunder noch großartige Schöpfungen nach unseren Begriffen, die man hier zu sehen bekommt, denn man darf ja nicht vergessen, daß Shanghai in China liegt. Aber die Menschen, die aus allen Ländern und Weltteilen hierher in das flache, sumpfige, ungesunde Tiefland an der Mündung des Jangtse verschlagen wurden, haben sich ihre neue Heimat, dieses europäisch-chinesische Babel, überraschend schön und behaglich und zweckmäßig eingerichtet.

Ueberraschend, das ist das rechte Wort. Ich hatte mir die Handelsmetropole Chinas als eine lebhafte, lärmende Geschäftsstadt mit großen Warenlagern und Quais und Schiffsbureaus, mit chinesischen Arbeitern und chinesischem Schmutz vorgestellt, etwa so wie Hongkong. Als ich aber meine erste Promenade auf dem Bund von Shanghai machte, fühlte ich mich eher in einem europäischen Badeort, etwa einem nordischen Nizza, so elegant, so vornehm und durchaus europäisch zeigt sich Shanghai von der Flußseite her. Auf etwa zwei Kilometer zieht sich dieser Bund dem Ufer entlang, eine von hohen Laubbäumen beschattete, vorzüglich gehaltene Straße mit schönen Fahrwegen auf beiden Seiten. Der Raum zwischen dieser Straße und dem Flußufer wird durch weite Rasenflächen, Baumgruppen und den vorerwähnten Stadtpark eingenommen, während auf der anderen Seite, die Fronten gegen den Fluß gewendet, die Paläste des Handels sich erheben. Würden nicht an den Thoren auf kleinen Schildern die Namen solcher Weltfirmen wie Butterfield & Swire, Jardine Matthison & Co., Siemssen & Co., Melchers & Co., Sassoon & Co., Deutsch-asiatische Bank, Hongkong- und Shanghaibank und andere zu lesen sein, man würde in jedem einzelnen dieser langen Reihe von Palästen viel eher vornehme Privatresidenzen vermuten, so schön und behaglich erscheinen sie, so wohlgepflegt sind die kleinen ihnen vorgelagerten Gärtchen, so absolut gar nichts sieht man von den wenig ansprechenden Einzelheiten des Großhandels. Ich bin während meines ersten vierzehntägigen Aufenthaltes in Shanghai den Bund mehrmals täglich auf- und abgewandert, aber niemals sah ich auch nur einen Warenballen, einen Dockarbeiter, einen Frachtwagen in dieser merkwürdigen Straße. Und doch wechseln hier im Jahre Hunderttausende von Tonnen Waren die Hände, werden von hier in jeder Woche zahlreiche Dampfer nach Indien, Japan, den Philippinen und Sundainseln, nach Europa und Amerika, nach dem nördlichen China, Korea, Ostsibirien und den Jangtse aufwärts tausend Meilen weit bis nahe nach Tibet expediert. Alles geht hier merkwürdig still und glatt vor sich; in den großen Geschäftsbureaus herrscht ein vornehmer Ton, eine gewisse weltmännische Eleganz, grundverschieden von den Verhältnissen, an die man zu Hause gewöhnt wurde. Im Verkehr mit den Geschäftsleuten erhält man den Eindruck, als hätte man es mit lauter wohlhabenden, wohlsituierten Gentlemen zu thun, welche das Geschäft eben nur als Sport betreiben. Obschon Shanghai nicht nur der Waren-, sondern auch Geldmittelpunkt von China ist, und eine stattliche Zahl von Banken hier ihren Sitz haben, giebt es doch keine Börse. Der ganze Börsenverkehr wird einfach beim Mittagscocktail an der Bar des Shanghaiklubs abgewickelt. Vor zehn Uhr morgens sind nur wenige Geschäftsbureaus geöffnet; mittags erscheinen vor den meisten elegante Equipagen, welche die Herren Prinzipale nach Hause oder in einen der Klubs bringen; nachmittags wird wieder zwei bis drei Stunden gearbeitet, und das Tagwerk ist vollbracht, wenigstens was das Geschäft betrifft. Ich hatte gehofft, den Kleinhandel und etwas von dem großen Warenverkehr Shanghais in den vom Bund landeinwärts führenden Seitenstraßen zu sehen, aber auch dort ist wenig davon zu merken. Diese Seitenstraßen sind auf über hundert Meter nur Fortsetzungen des Bunds, und darüber hinaus beginnt der chinesische Stadtteil, jedoch keineswegs mit dem ekelerregenden Hongkonger Schmutz. Die Straßen behalten auch im chinesischen Viertel ihre beträchtliche Breite und auffällige Reinlichkeit, und hat man das Chinesenviertel durchfahren, so gelangt man wieder in hübsche, wohlgepflegte, schattige Avenuen, wo halb verborgen in großen schattigen Gärten hübsche moderne Villen stehen. Nur in der eigentlichen, mit einer Ringmauer umgebenen Chinesenstadt und teilweise auch in der französischen Konzession sieht man die engen und schmutzigen Gäßchen, welche jede Stadt Chinas kennzeichnen. Wer das chinesische Shanghai sehen will, muß sich dort hinein bemühen, denn in der europäischen Stadt ist davon fast gar nichts vorhanden. Chinesen sieht man hier nur als Kutscher, Rickshaw Boys und als Angestellte oder Diener in den Handlungshäusern. Die japanische Rickshaw, eigentlich Jinrickshaw, hat sich auch in Shanghai eingebürgert, und ich glaube, es sind davon nicht weniger als tausend vorhanden, kleine zweiräderige, einsitzige Wägelchen, zwischen deren Deichseln statt Pferden kräftige, dickwadige Chinesen laufen. Noch ein anderes merkwürdiges Vehikel verirrt sich zuweilen aus der Chinesenstadt auf den Bund: ein Schubkarren mit einem großen Rad und Sitzen auf beiden Seiten desselben. Für wenige Pfennige gönnen sich die Chinesen auf derlei Schubkarren das Vergnügen des Fahrens. Sie setzen sich auf eine der beiden Sitzbänke, und der kräftige Kuli schiebt sie rasch, wie eine Ladung Steine, nach ihrem Bestimmungsort. Zuweilen werden diese Schubkarren auch von zwei Passagieren, gewöhnlich Frauen, gleichzeitig benutzt, und man muß über die Kraft der Kulis staunen. Hat ein chinesischer Diener irgend ein Gepäckstück zu befördern, ein Bauer ein Schwein auf den Markt zu führen, eine Mutter ihr krankes Kind nach dem Hospital zu bringen, flugs wird ein Schubkarren requiriert, Gepäckstück, Schwein oder Kind auf die eine Seite angebunden, auf der andern Seite selbst Platz genommen und fort geht es im Laufschritt nach dem Ziele. Von Europäern werden diese Schubkarren niemals benutzt, und selbst die in Japan so beliebte Jinrickshaw scheint bei der eleganten Welt Shanghais etwas verpönt zu sein. Damen benutzen sie selten, dagegen sind die Rickshaws bei den Chinesinnen beliebt. Eines Tages sah ich zwei derselben in einer Rickshaw sitzen, und sie näher betrachtend, gewahrte ich zu meiner Ueberraschung an ihnen blondes, in langen Zöpfen herabfallendes Haar, blaue Augen, kaukasische Gesichtszüge. Blonde Chinesinnen! Aber das ethnologische Wunder wurde mir bald erklärt. Die Fräuleins der schwedisch-protestantischen Mission halten es für ihre Zwecke entsprechender, sich in chinesische Gewänder zu kleiden. Ich sah deren später noch andere in den Uferstädten des Jangtsekiang. Auch die Missionare tragen fast ausschließlich die chinesische Tracht.

In den Banken, Geschäftsbureaus, in den Haushaltungen, Gärten, in der Küche und Kinderstube besteht die dienende Welt nur aus Chinesen, und ich glaube nicht, daß in ganz Shanghai ein halbes Dutzend weißer Diener, wenn überhaupt so viele, zu finden sind. Die Kaukasier sind dort nur Gentlemen und Ladies, die Chinesen im Verkehr mit ihnen nur Untergeordnete, treu, zuverlässig, ehrlich, aufmerksam, still und emsig, so daß den Europäern dank ihnen das Leben in Shanghai wirklich leicht gemacht ist. Häusliche Verrichtungen kennen sie gar nicht. Von den Einkäufen für die Küche bis zum Hausreinigen und Stiefelputzen wird alles in der glattesten Weise durch die Chinesen besorgt, welche Kassierer, Stubenmädchen, Köchinnen, Hausdiener, Kutscher, mit einem Worte alles sind. Die Europäer haben deshalb sehr viel Zeit und überdies alle erdenklichen Gelegenheiten, diese Zeit in der angenehmsten Weise totzuschlagen. Selbst in europäischen Großstädten dürfte es nicht mehr Klubs, Gesellschaften, Vergnügungen aller Art geben, und man kommt im Winter und Frühjahr aus diesem Taumel fast gar nicht heraus. Shanghai hat davon vielleicht sogar ein bißchen zu viel, und es würde den jungen Herren besser bekommen, wenn sie von ihren in neuerer Zeit durchaus nicht mehr übermäßig hohen Bezügen etwas zurücklegen würden, statt sie auf Equipagen, Reitpferde, Klubs und Jagden zu verwenden.

An der Spitze der Gesellschaft stehen die Konsularvertreter und Gerichtsbeamten der europäischen Mächte, da ja die europäischen Bewohner Shanghais den chinesischen Gerichten selbstverständlich nicht unterstehen, sondern ihre eigenen Konsulargerichte haben. Die Konsulate Deutschlands, Englands und Frankreichs sind in wahren Palästen untergebracht, und die betreffenden Vertreter üben die Repräsentation mit sehr viel Takt und Eleganz. Die Generalkonsuln Englands und Frankreichs sind gleichzeitig die obersten Behörden Shanghais. England wie Frankreich erhielten nämlich vor einigen Jahrzehnten die Handvoll chinesischer Erde, auf welcher Shanghai steht, als Konzession. Auch die Vereinigten Staaten ergatterten sich eine solche; sie ist aber längst mit der englischen Konzession vereinigt und hat keine selbständige Munizipalität mehr wie diese oder die französische. Ein kleiner Kanal bildet die geographische Grenze zwischen beiden, eine gesellschaftliche giebt es aber längst nicht mehr, denn viele französische Ansiedler, müde der Nörgeleien ihres konsularischen Diktators, sind nach der englischen Konzession ausgewandert, kleinere englische Kaufleute traten auf französischen Boden über, und die ganze Fremdengesellschaft bildet in Shanghai eine einzige Happy Family, wo von Rassenhaß und Nationalitätenhader nichts zu sehen ist. Wohl giebt es einen deutschen, englischen und französischen Klub, der erstere einer der schönsten und gastfreiesten Ostasiens, allein bei Festlichkeiten, Soireen, Musikabenden und dergleichen wird die Gesellschaft geladen ohne Unterschied der Nationen. Kurz vor meiner Ankunft in Shanghai fanden auf dem herrlichen Rennplatz zur Seite des Bubbling Well Road große Wettrennen statt, an denen sich ganz Shanghai beteiligte. Wenige Tage später veranstaltete die Société dramatique française in dem hübschen kleinen Lyceumtheater ganz reizende Amateurvorstellungen in französischer Sprache, zu denen die Deutschen ebensogut geladen waren wie die Engländer; und in Erwiderung des englischen St. George- und des französischen Thalia-Abends gaben wieder einige Tage später die Deutschen eine glänzende Soiree zu Ehren einer eben durchreisenden Künstlerin von Weltruf, bei welcher die großen Säle des Konkordiaklubs mit einer ähnlich internationalen Gesellschaft dicht gefüllt waren und Champagner in Strömen floß. So geht es auch auf den Jagden, Konzerten, auf dem Lawntennisboden, wie bei den Regatten auf dem Wusungstrome zu.

Es ist ein wahres Glück, daß sich die Menschen hier so gut vertragen, denn Organisation auf staatlicher Grundlage ist keine vorhanden, und kein Mensch kann sagen, wem Shanghai eigentlich gehört. Das Zollwesen ist chinesisch, die Munizipien sind englisch und französisch, und an Postämtern giebt es ein deutsches, französisches, englisches, japanisches, chinesisches und Shanghaipostamt für den Lokalverkehr, sechs verschiedene Postämter, jedes mit seinen eigenen Postbeamten und Postwertzeichen. Die Chinesen haben in Shanghai ihr eigenes Militär und nahe der Stadt auch ein großes, vortreffliches Arsenal. Die Polizei des europäischen Stadtteils ist größtenteils auch chinesisch, untersteht aber den Munizipien und hat mit den chinesischen Behörden nichts zu thun. Neben den etwa dreihundert chinesischen Polizisten giebt es aber auch fünfzig europäische und fünfzig indische. Dieses seltsame Gemengsel hält die Ordnung in Shanghai in ausgezeichneter Weise aufrecht, und kommen größere Unruhen vor, bedrohen Rebellen die Stadt, wie es vor einem Vierteljahrhundert geschah, so lassen die Bewohner Shanghais ihre eigene Armee aufmarschieren. Diese besteht aus drei europäischen Freiwilligenkorps, nämlich einer Schwadron Kavallerie, einer Feldbatterie und drei Kompagnien Infanterie, durchweg von Bürgern Shanghais gebildet. Verschiedene Telegraphengesellschaften verbinden diese Stadt mit der Außenwelt, und die Kaufleute lesen morgens beim Frühstückstisch in den vortrefflichen englischen Zeitungen Drahtberichte aus London, Paris, Berlin, Neuyork. Shanghai hat vier englische Tageszeitungen, von denen die North China Daily News die beste ist, dann mehrere Wochenblätter, unter denen der deutsche, vorzüglich redigierte Ostasiatische Lloyd besonders rühmend hervorgehoben zu werden verdient.

Nun sage man noch, Shanghai sei keine europäische Großstadt! Europäisch im wahren Sinne des Wortes. Denn die Chinesen mit ihrer Viertelmillion Seelen leben für sich und vermengen sich, ausgenommen durch die dienende Klasse, niemals mit den Europäern. Ist es nicht wunderbar, daß diese letzteren, so verschiedenen Rassen, Nationen, Gesellschaftsklassen und Berufsarten angehörend, eine so große, schöne Stadt gründen konnten und so einträchtig darin leben? Man wird gewiß fragen, wie viele europäische Einwohner Shanghai besitze. Die Antwort wird vielleicht mehr Staunen erregen als alles andere: nicht mehr und nicht weniger als irgendeine unserer hauptstädtischen großen Infanteriekasernen: sechstausend, das ist alles. Am stärksten sind, wie überall, die Engländer vertreten, und ihnen zunächst kommen nicht nur an Zahl, sondern auch an Einfluß, Wohlstand, Handel und in gesellschaftlicher Hinsicht die Deutschen.

Dabei geht es in geschäftlicher Hinsicht in Shanghai mit Riesenschritten vorwärts. Die Stadt entwickelt sich zusehends, sowohl was die europäische wie die chinesische Bevölkerung anbetrifft. Zwischen 1870 und 1880 nahm die europäische Einwohnerzahl ab, während sie in den fünf auf 1880 folgenden Jahren um fünfzig Prozent wieder zunahm und sich seit 1885 sogar verdoppelte und heute, wie gesagt, sechstausend Seelen erreicht hat. Unter diesen sind über 2000 Engländer, 450 Deutsche, 380 Amerikaner und nur 300 Franzosen, dann 800 sogenannte Portugiesen, größtenteils Mischlinge aus Macao. Der Dampferverkehr erreicht jährlich etwa 6000 Schiffe mit acht Millionen Tonnen, der Wert des Handels tausend Millionen Mark.