Auch in industrieller Hinsicht wächst Shanghai seit dem Frieden von Shimonoseki, hauptsächlich deshalb, weil den Chinesen die freie Einfuhr von Maschinen in die Vertragshäfen abgezwungen wurde. Im Jahre 1896 allein entstanden in Shanghai vierundzwanzig neue Seidenfilaturen, an denen sich auch Chinesen mit bedeutendem Kapital beteiligten. Die Erschließung des Stromgebietes des oberen Jangtsekiang, der nicht mehr zu hemmende Handelsverkehr mit den Provinzen des Innern sichern Shanghai einen glänzenden Aufschwung, der durch Kriege und Unruhen nur zeitweise unterbrochen werden kann.

Europäische Republiken in China.

Seit einigen Jahren ist auch das Deutsche Reich Besitzer kleiner Landstrecken in den Vertragshäfen Hankau und Tientsin geworden. Deutschland folgte mit dieser Landerwerbung dem Beispiel Englands, Frankreichs, Nordamerikas und Portugals, welche Staaten schon seit Jahrzehnten in verschiedenen Teilen Chinas, hauptsächlich in der Nähe der offenen Häfen Konzessionen, d. h. Gebietsabtretungen von seiten Chinas erlangt haben, deren älteste an der Mündung des Cantonflusses gelegen sind: Hongkong und Macao. Freilich zählt die ganze Insel Hongkong mit ihrer Hauptstadt Victoria nur achtzig Quadratkilometer, Macao nur zwölf Quadratkilometer Grundfläche, eine Messerspitze voll im Vergleich zu den elf Millionen Quadratkilometern des chinesischen Landbesitzes; allein diese beiden Gebiete wurden England und Portugal unbedingt abgetreten und bilden eigene, von China vollständig unabhängige Kolonien unter europäischer Verwaltung.

Abgesehen von Hongkong und Macao sind jedoch in der Mehrzahl der drei Dutzend den Europäern geöffneten Häfen europäische Settlements, d. h. Ansiedelungen, zu finden, deren Grund und Boden entweder von der chinesischen Regierung an die eine oder andere auswärtige Macht bedingungslos abgetreten, oder gegen Zahlung einer Miete für neunundneunzig Jahre verpachtet wurde; in einigen Häfen verständigten sich die europäischen Ansiedler mit den chinesischen Ortsbehörden bezüglich der käuflichen Erwerbung einer Landstrecke für ihre Wohnungen und Geschäftshäuser, in anderen Häfen, wie z. B. in Futschau, giebt es überhaupt kein eigenes europäisches Settlement, sondern die Europäer wohnen zerstreut mitten unter den Chinesen.

Praktisch, wie die Engländer in allen Kolonialsachen sind, und eingedenk der Thatsache, daß fünfundsechzig Prozent des ganzen chinesischen Außenhandels in ihren Händen liegen, waren sie auch diejenigen, welche sich gleich zu Anbeginn die weitestgehenden Vorteile zu sichern wußten, und die weitaus große Mehrzahl der fremdländischen Ansiedelungen in China befinden sich auf englischen Konzessionen. Ihnen zunächst kommen die Franzosen mit ihren Konzessionen in Shanghai, Canton, Hankau, Tientsin. Allein die Franzosen haben es nicht verstanden, ihre durch blutige Kriege in China erworbenen Vorteile auszunützen. Die fremden Kaufleute verschiedener Nationen, vor allem die Deutschen, zogen es vor, sich in den englischen Konzessionen anzusiedeln, und selbst die Mehrzahl der französischen Kaufleute entzog sich der Willkür und dem Absolutismus ihrer eigenen Behörden, so daß beispielsweise von den in Shanghai ansässigen Franzosen die größere Zahl in der englischen, nicht in der französischen Konzession wohnt. In Hankau wohnt auf der dortigen französischen Konzession überhaupt nur der Konsul, und in Tientsin hat sich der französische Konsul als Leiter der dortigen Konzession seines Landes durch Eigenmächtigkeiten aller Art so unliebsam gemacht, daß gerade sie und die fortwährenden Reibungen mit den Engländern und Deutschen die Hauptveranlassung zu der Errichtung einer eigenen deutschen Konzession waren.

In den Verträgen der europäischen Mächte mit China ist von diesen Landschenkungen nicht die Rede; die Mächte haben sich nur das Recht der unbehinderten Ansiedlung und des freien Handels ihrer Unterthanen in den offenen Häfen, sowie das Recht der freien Religionsübung und des Reisens durch alle Gebiete Chinas gesichert. Reisende in China bedürfen nur eines von ihrem Konsul ausgestellten und von den chinesischen Behörden visierten Reisepasses; auf etwa vierzig Kilometer rings um die offenen Häfen und für die Dauer von fünf Tagen sind Reisepässe nicht erforderlich; die Chinesen sind also in dieser Hinsicht viel liberaler, als es die Japaner bis 1898 waren, in deren Land Europäer nur mit gebundener Marschroute reisen durften. Die größte Zahl der offenen Häfen Chinas verdanken wir England; fünf weitere wurden durch die Verträge mit Frankreich dem europäischen Verkehr eröffnet, und in dem Vertrag zwischen Preußen und China vom Jahre 1861 erscheinen die wichtigen Häfen Hankau, Tschin-kiang und Kiu-kiang als offene Häfen. Während aber England und Frankreich als Folge dieser Verträge von den Chinesen territoriale Konzessionen erwarben, wurde dies von Preußen in den drei letztgenannten Häfen unterlassen, und die Landerwerbung Deutschlands in Tientsin war überhaupt seine erste in China.

Schon aus dem Gesagten geht hervor, daß die Konzessionen der verschiedenen Mächte in den Vertragshäfen nicht ausschließlich nur den eigenen Unterthanen als Wohnort dienen; ja diese ein bis drei Quadratkilometer großen Gebiete sind nicht einmal den Konsularbehörden dieser Mächte unterstellt, sondern bilden sozusagen kleine Republiken, die gegebenenfalls unter dem Schutze aller Mächte stehen. Aehnlich lagen die Verhältnisse bis 1898 auch in den fünf Vertragshäfen Japans, und diese Republiken sind eine Eigenart Ostasiens, wie sie sonst auf dem Erdball nicht wieder vorkommt. In Ostasien hören die Engländer oder Deutschen dem Chinesen oder Japaner gegenüber auf, Engländer oder Deutsche zu sein; sie, sowie die Amerikaner, Franzosen und Angehörige anderer Nationen, sind glücklicherweise einfach Kaukasier, oder, wie sie von den Chinesen genannt werden, Barbaren. Freilich hat sich England im Vertrag von Tientsin 1858 ausdrücklich ausbedungen, daß kein englischer Beamter oder Unterthan mit dem Worte Barbar bezeichnet werden dürfe, indessen wird dieses Wort doch noch immer, und zwar täglich, von den Chinesen gebraucht.

Das hervorragendste Beispiel dieser europäischen Republiken in China ist Shanghai; dort besaßen ursprünglich die Engländer, Amerikaner und Franzosen eigene streng abgegrenzte Konzessionen, allein die Bevölkerung dieser Fremdenstadt ist so international, und die Interessen sind dabei so gemeinsam, daß die Amerikaner und Engländer ihre Hoheitsrechte aufgaben und die ganze Verwaltung der Bevölkerung selbst überließen, diese gleichzeitig unter den Schutz aller in Peking vertretenen Mächte, d. h. deren Gesandten, stellend. Nur die Franzosen beteiligten sich nicht daran, sondern behielten ihre eigene, unter dem Generalkonsul stehende Verwaltung, obschon, wie gesagt, der größte Teil der französischen Kaufleute außerhalb der französischen Konzession wohnt. Jeder Kaufmann, der eine bestimmte jährliche Steuer zahlt, ist in dieser Republik Shanghai stimm- und wahlberechtigt. In jedem Jahre wird eine öffentliche Versammlung einberufen, welche die Mitglieder des Stadtrats zu erwählen hat. Dieser aus neun Räten und einem Sekretär bestehende Stadtrat ist die oberste, und man könnte beinahe sagen, souveräne Behörde der Republik. Da die Engländer und Deutschen in Shanghai am zahlreichsten sind, so sind sie auch im Stadtrat am stärksten vertreten, obschon es ebensogut vorkommen könnte, daß dort die Franzosen oder Portugiesen die Majorität besäßen. Es handelt sich glücklicherweise in Shanghai nicht um Nationalitäten, ebensowenig giebt es Parteiwesen und Opposition; die tüchtigsten und angesehensten Bürger werden gewählt und wiedergewählt, solange sie ihre Schuldigkeit thun. Unter dem Stadtrat (Municipal Council) stehen die Steuerbeamten, das Ingenieur- und Vermessungsamt, die Sanitäts- und Polizeibehörden, die Feuerwehr und das Freiwilligenkorps. Die einzelnen Komitees des Stadtrats überwachen diese Einrichtungen und legen jährlich in einer allgemeinen öffentlichen Versammlung den Bürgern der Republik Rechenschaft ab, ähnlich wie es in einzelnen Kantonen der Schweiz, z. B. in Unterwalden und Appenzell, der Fall ist.