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GRÖSSERES BILD]

„Im Gespräch soll eine Frau nicht dreist und geschwätzig sein, sondern streng sich danach halten, was recht ist; ob sie ihrem Gatten einen Rat erteilt, oder ihm Vorwürfe macht, oder ihre Kinder unterrichtet, sie muß immer die Etikette beobachten, ihre Erfahrungen unterwürfig vorbringen.... Das Betragen der Frau soll streng, ernst und nüchtern sein, sich aber doch den verschiedenen Gelegenheiten anpassen, z. B. im Bedienen ihrer Eltern, im Empfangen oder Begrüßen ihres Gatten, beim Aufstehen oder Niedersetzen. Wenn in gesegneten Umständen oder in Trauer, oder bei der Flucht vor dem Kriege, soll sie durchaus anständig sein. Die wichtigsten Beschäftigungen eines Weibes sind die Zucht des Seidenwurmes und das Weben von Stoffen; die Zubereitung und das Austeilen der Speisen für die Haushaltung, dann das Vorbereiten der Opfergegenstände; danach können Studien und Lektüre die Zeit ausfüllen.”

Dieser Abschnitt aus dem Werke Luhtschaus sagt in wenigen Worten sehr viel, und was die Hauptsache ist, seine Vorschriften werden von der großen Menge der Frauen Chinas streng eingehalten. Es kann kaum sittsamere, keuschere und tugendhaftere Frauen geben, als es die Chinesinnen sind, sittsam im Betragen wie in der Kleidung. Im Gegensatz zu den Japanerinnen zeigt sich die Chinesin unter allen Verhältnissen stets vollkommen bekleidet, von der Fußspitze bis zum Halse; selbst unter den untersten Ständen, unter den Bootsleuten Cantons oder den Theearbeiterinnen Hankaus, bleiben höchstens die Füße und Unterarme unbekleidet.

Wie kleidet sich die Chinesin? Das ist gewiß für europäische Damen ein sehr interessantes Kapitel, zumal jetzt, wo die Schöpfer der Damenmoden wohl ihr ganzes Erfindungstalent aufgebraucht haben, wo die ganze Geschichte der Mode von der Jetztzeit bis zum Altertum und vom Altertum bis zur Jetztzeit mehrmals durchprobiert, wo alles bisher Erdachte schon mehrmals hervorgeholt, eingeführt und wieder abgesetzt wurde, wo nichts mehr übrig bleibt, als zu den Moden der letzten Jahre zurückzugreifen; denn mit jedem Jahre, mit jeder Saison wechseln die Damenmoden zum Schrecken aller Gatten und Familienväter. Wo kann man noch etwas Neues, nicht Dagewesenes hervorholen? Die Toiletten der Negerinnen und Indianerinnen sind selbstverständlich ausgeschlossen, die Gewänder der Bewohnerinnen Indiens und Japans entsprechen nicht dem europäischen Geschmack, also vielleicht China? Ich glaube nicht, daß unsere Damen an der Tracht der Chinesinnen besonderen Gefallen finden dürften, ebensowenig wie die letzteren an unseren Moden Gefallen gefunden haben. Beträgt die Bevölkerung Chinas wirklich vierhundert Millionen, so giebt es dort beiläufig zweihundert Millionen Evatöchter, also um vierzig Millionen mehr als in ganz Europa. Aber unter diesen zweihundert Millionen hat es bisher keine gegeben, welche die Tracht der europäischen Damen angenommen hätte, ja, ich habe in China keine einzige Chinesin gesehen, die auch nur ein Hütchen, ein Stiefelchen, einen Handschuh oder Strümpfe nach europäischem Muster getragen hätte. Ein ähnliches Beharren an althergebrachten Trachten, eine ähnliche Standhaftigkeit habe ich bisher bei keinem Volke angetroffen. Auf meinen Reisen sah ich zahlreiche Negerinnen, Indianerinnen, Mulattinnen, Frauen der Indier, Javaner, Malayen, Siamesen, Japaner, Birmaner, selbst der Araber in europäischen Frauentrachten. Noch zahlreicher waren jene, welche wenigstens einzelne Kleidungsstücke, vor allem Strümpfe, Schuhe und Hüte angenommen haben. Nicht daß diese europäischen Kleidungsstücke ihrem Aussehen zuträglich gewesen wären, im Gegenteile, bei keiner einzigen von den Tausenden des bunten Völkergemisches, das mir vorschwebt, hat ein europäisches Kleidungsstück je eine Erhöhung ihrer weiblichen Reize, eine Verschönerung ihres Aussehens zur Folge gehabt. Anderseits kann merkwürdigerweise die Europäerin, besonders jene der germanischen Rassen, die Tracht irgend einer anderen Rasse, ausgenommen der Negerinnen und Indianerinnen, die, sagen wir, zu geringfügig ist, anlegen, sie wird dadurch an eigentümlichem Reiz nur gewinnen. Nur eine Frauentracht macht darin eine Ausnahme: gerade jene der Chinesin, die unschönste, die ich unter den Frauentrachten der einzelnen fremden Völker kennen gelernt habe. Von den Chinesinnen werden die Erfinder der europäischen Damenmoden wohl kaum jemals etwas holen. In einer Hinsicht ist dies sehr bedauerlich, und diese ist die Beharrlichkeit, mit welcher die Chinesinnen an der althergebrachten Tracht festhalten. Wie ihre Urgroßmütter, so kleiden sie sich auch heute noch, und so werden sich voraussichtlich auch ihre Enkelinnen kleiden. Die Chinesin hat so wenigstens Gelegenheit, ihre Kleidungsstücke auszutragen, sie braucht sie nicht nach einjährigem Gebrauch wieder beiseite zu legen. Sie kann ihren Geist, ihre Mittel, ihre Zeit nützlicheren Dingen zuwenden als der leidigen Mode.

Im ganzen großen Weltreiche herrscht eine merkwürdige Gleichheit der Frauentracht, wie sie sonst in so ausgesprochener Weise nirgends vorkommt. Von der Mandschurei bis Tonkin, von Tibet bis ans Gelbe Meer zeigt der Schnitt der Kleider bei hoch und niedrig nur geringe Unterschiede. Am einfachsten sind wohl die armen Frauen jener Hunderttausende gekleidet, welche in Canton auf dem Perlflusse leben. Ihre Armut, ihr Elend gestattet ihnen keine anderen Kleidungsstücke als ein blaues bis über die Knie reichendes Oberhemd, an der Seite zugeknöpft, und ein Paar blaue Beinkleider aus Baumwollstoff, die bis nahe an die Knöchel reichen. Sie kennen keine regelrechte Kopfbekleidung, und ihre Füße sind nackt. Ebensowenig kennen sie Unterwäsche. Die einzige Koketterie, die sie entfalten, betrifft die gewöhnlich sorgfältige Haarfrisur, welche sie noch mit natürlichen Blumen schmücken; aber die Chinesin flicht ihre Haare nicht in Zöpfe, sondern kämmt sie glatt von der Stirn nach hinten und steckt sie dort, bandartig zusammengeklebt und verschlungen, mit einer langen Stecknadel fest. Jede trägt überdies Ohrgehänge aus milchgrünem Nephritstein (Jade), und jene, welche sich durch Arbeit mühsam einige Mark zusammensparen, legen diese gewöhnlich noch in einem ebensolchen Armring aus einem Stück an. Reichen ihre Mittel nicht dafür aus, so kaufen sie sich wenigstens Ohr- und Armringe aus grünlich-milchigem Glas.

Andere Kleidungsstücke als das Baumwollhemd und die Beinkleider kennen die Frauen und Mädchen der niederen Stände nicht; auch die Feldarbeiterinnen der südlichen Provinzen tragen sie Tag und Nacht. Bei brennender Sonnenhitze schützen sie ihren Kopf durch große Strohhüte, und dann sind sie aus einiger Entfernung von den Männern kaum zu unterscheiden, besonders wenn diese ihren langen Zopf nicht über den Rücken fallend, sondern um den Kopf gewunden tragen. In China, diesem Lande der verkehrten Welt, wo unsere Kultur auf den Kopf gestellt ist, tragen die Männer Zöpfe, nicht die Frauen.

Je höher man in der gesellschaftlichen Rangstufe der Chinesen aufwärts steigt, desto zahlreicher werden die Kleidungsstücke der Frauen. Jene, denen man in den Straßen Cantons, Swataus, Futschaus begegnet, tragen Sandalen oder Schuhe. Ihre Füße und Knöchel sind mit weißen Baumwollstreifen umwunden, welche zuweilen das untere Ende der Beinkleider umfassen. An ihren großen oder vielmehr natürlichen Füßen erkennt man, daß sie umherziehende Tagelöhnerinnen sind, die sich ihren Verdienst heute hier, morgen dort durch saure Arbeit erwerben. Die nächst höhere Stufe, die Frauen der Handwerker und kleinen Händler, sind durch reichlichere Kleidungsstücke und bessere Schuhe erkenntlich, die bei den Chinesen beider Geschlechter niemals aus Leder, sondern stets aus Stoff mit dicken Filzsohlen ohne Absätze bestehen. Gewöhnlich ist die Farbe der Schuhe schwarz. Sind sie blau, so befindet sich ihr Träger in leichter Trauer, sind die Schuhe und mit ihnen auch die Kleidungsstücke weiß, so befindet sich ihr Träger in tiefer Trauer. Nur die Unterkleider sind unter gewöhnlichen Verhältnissen weiß, und der Besitzer derselben zeigt dadurch allein schon, daß er dem Mittelstande angehört. Eine Frau aus diesen Ständen läßt sich schon aus der Ferne als solche durch ihren beschwerlichen, unbeholfenen Gang erkennen, der sich ausnimmt, als ginge sie auf kurzen Stelzen einher. Nähert man sich ihr, so gewahrt man auch die Ursache dieses eigentümlichen Ganges, denn die Füße zeigen sich wie schmale Ponyhufe, mit weißen Baumwollstreifen umwunden und in winzigen Schuhen steckend, die, kaum eine Spanne lang, mit bunten Zieraten und Stickereien versehen sind.

Viele Reisende, die auf ihrer Jagd um den Erdenglobus flüchtig durch Canton oder Shanghai wanderten, berichten, die Unsitte der Verkrüppelung der Füße sei im Abnehmen begriffen. Sie haben eben nur Frauen der untersten Stände gesehen, bei welchen die Fußverkrüppelung überhaupt nicht vorkommt. Aber bei den Frauen der mittleren und höheren Stände findet sie heute gerade so statt wie vor Jahrhunderten. Ja auf meinen Reisen durch die nördlichen Provinzen, vornehmlich in Schantung, habe ich selbst auf den Feldern, in den ärmsten Dörfern keine einzige Frau, kein Mädchen von über zwölf Jahren gesehen, deren Füße nicht verkrüppelt gewesen wären. Je höher die gesellschaftliche Stufe, welcher die Frau angehört, desto mehr werden auch ihre Füße von früher Jugend auf eingezwängt, desto kleiner erscheinen die Füßchen, ja ich habe in China neue sowohl wie getragene Schuhe erworben, die neun bis zwölf Centimeter lang sind. Als ich in einem Schuhladen in Hongkong zum erstenmale derlei Schuhe erblickte, hielt ich sie für solche von zwei- oder dreijährigen Kindern, bis ich erwachsene Frauen mit solchen Schuhen einhertrippeln sah. Hätte man mir dergleichen in Europa erzählt, ich hätte es für unglaublich gehalten. Die winzigen schmalen Füßchen in den hübschen, bunten Seidenschuhen nehmen sich ungemein zierlich und kokett aus, besonders wenn die Damen sitzen oder stehen. Gehen sie, so kann man sich der Gedanken an die Qualen, die sie ausstehen müssen, nicht erwehren, aber hat man Gelegenheit, einen nackten derartigen Fuß zu sehen, dann wird man von Entsetzen erfaßt. Im chinesischen Hospitale von Hongkong zeigte mir der (europäische) Arzt vom Dienste die Füße einer kranken Frau. Die vier kleineren Zehen waren unter der Fußsohle eingebogen, und ihre Nägel erschienen in die Sohle eingewachsen. Die Ferse war nach vorn gezwängt, derart, daß der Abstand zwischen dem fleischlosen Fersenknochen und der Spitze der großen Zehe kaum zwölf Centimeter betrug; und die Wadenknochen waren vollständig fleischlos, nur mit der runzeligen, roten Haut bedeckt.

Das ist chinesische Frauenschönheit, auf welche die Männer den größten Wert legen; das sind Reize, welche die chinesische Braut besitzen muß, wenn sie überhaupt einen Mann finden will. Von einer Abnahme dieses entsetzlichen Gebrauches in China habe ich nirgends etwas vernommen, auf dem Lande wie in der Stadt sind die Kin-lien, d. h. goldenen Lilien (so heißen die verkrüppelten Füße bei den Chinesen), nach wie vor ein Schönheitszeichen, und nur in Hangtschou habe ich erfahren, daß viele dortige Männer in ihren Heiratskontrakten die goldenen Lilien nicht mehr erwähnen, daß sie also die verkrüppelten Füße der Braut nicht mehr vorschreiben. Ich habe mit vielen Chinesen über diese entsetzlichen Martern, welche die armen Frauen ausstehen müssen, gesprochen, aber die meisten lächelten und meinten statt jeder weiteren Antwort, es wäre eben Sitte. Ein aufgeklärter Kaufmann in Shanghai stellte statt aller Antwort die Gegenfrage auf: „Verkrüppeln denn Ihre europäischen Damen nicht auch ihre Füße, verkrüppeln sie nicht ihre Körper, indem sie dieselben ebenso zusammenzwängen wie unsere Frauen ihre Füße?”