Frau aus dem Volke.
Die Chinesen, die ihr begegneten, blickten sie spöttisch an, einige riefen ihr mir unverständliche Worte zu, andere verhöhnten sie durch Gebärden. Die Chinesin aber ließ alle Vorübergehenden unbeachtet.
Das zarte Geschöpf interessierte mich, denn ihr unschuldsvoller Gesichtsausdruck und ihre Scheu sagten mir, daß sie unmöglich eine Jüngerin Aphrodites sein könne. Mein Dolmetscher, den ich darüber befragte, bestätigte meine Vermutung. „So geht es den Frauen immer”, fügte er hinzu, „wenn sie sich ohne Begleitung auf die Straße wagen. Anständige Frauen sollen bei uns das Haus nicht verlassen, und thun sie es, so lassen sie sich in geschlossenen Sänften tragen, oder sie nehmen Begleiterinnen mit.”
„Aber die vielen Frauen, die wir hier in den Straßen sehen”, frug ich weiter, „bleiben doch unbeachtet? Kein Mensch scheint sich um sie zu kümmern.”
„Weil sie arm sind, nur Arbeiterinnen und Frauen aus dem Volke. Aber Damen dürfen sich so nicht sehen lassen: das ist gegen die Sitte.”
Thatsächlich fand ich während meiner folgenden Reisen und Aufenthalte in größeren Städten diese Bemerkungen bestätigt. Der Gegenstand war so interessant, daß ich überall trachtete, so viel als möglich darüber zu erfahren. Auf vielen früheren Reisen hatte ich beobachtet, daß nichts so richtig auf den Kulturzustand eines Volkes schließen läßt, als die Stellung der Frau. In China ist diese Stellung nicht so tief, als es den Anschein hat. Die Mißachtung der Frau ist nur äußerlich und durch althergebrachte Formen eingeimpft. In Wirklichkeit spielt sie vielleicht eine ebenso wichtige, wenn nicht wichtigere Rolle und ist geachteter und einflußreicher als bei so manchem anderen Volke, dessen Kulturzustand für höher angesehen wird als jener der Chinesen. Der Fremde, der länger in China weilt, wundert sich in der ersten Zeit, den Chinesen niemals in der Gesellschaft ihrer Frauen und Töchter zu begegnen. Empfängt der Chinese zu Hause, so bleiben die weiblichen Mitglieder seiner Familie unsichtbar; giebt er Diners, so nehmen nur Männer, zuweilen auch Courtisanen daran teil, niemals die Frauen; besucht er das Theater, so werden die Frauen in einer abgesonderten, den Männern unzugänglichen Galerie Platz nehmen; fährt er an einem besonderen Festtage spazieren, so geschieht dies ausschließlich nur in Gesellschaft von Männern; die Frauen fahren in einem anderen Wagen und zu anderer Zeit aus. Bei Familienfesten, Hochzeiten und dergleichen bewirtet der Hausvater die Männer, seine Gattin die Frauen. Ja, es ist unter den Chinesen sogar ein Verstoß gegen die gute Sitte, nach dem Befinden der Frau überhaupt nur zu fragen, geschweige denn ihr einen Besuch abzustatten oder die (stets rote) Visitenkarte bei ihr zu hinterlassen. Im gesellschaftlichen Verkehr werden die Frauen vollständig ignoriert, als wären sie gar nicht vorhanden, obschon die Chinesen unter sich ein sehr ceremoniöses, höfliches Volk sind. Das einzige weibliche Wesen, das im Gespräch unter Bekannten beachtet wird, ist die Mutter. In einem fremden Hause erkundigt sich der Besucher nach dem Alter und dem Befinden aller männlichen Bewohner. Er fragt nicht: „Wie geht es Deinem Vater?” sondern in wörtlicher Uebersetzung: „Ausgezeichneter Bejahrter, welches ehrenwerte Alter?” d. h. „wie alt ist Dein Vater?” Der Vater des Hausherrn wird von Besuchern als der ausgezeichnete Ehrenwerte oder der ehrwürdige große Fürst bezeichnet; der Sohn nennt seinen Vater Majestät der Familie oder Fürst der Familie; der verstorbene Vater heißt der frühere Fürst. Will aber ein Gast der Mutter des Hausherrn (niemals der Frau) seine Aufmerksamkeit bezeugen, so sagt er: „Ausgezeichnete Langlebigkeit Halle bezeuge für mich Wunsch Ruhe”. Die drei ersten Worte deuten die Wohnung der Mutter an. Spricht ein Chinese mit einem näheren Bekannten von dessen Frau, so nennt er sie die ehrenwerte Dame oder Deine Bevorzugte; spricht er aber von seiner eigenen Frau, so bezeichnet er sie mit den Worten „tsien nui”, d. h. die Geringe der inneren Gemächer oder auch die Närrische der Familie. Selten dringt ein Fremder bis in die Frauengemächer seines Gastfreundes.
Unter solchen Umständen ist es ungemein schwierig, aus eigener Anschauung etwas über das Leben und die Stellung der Frauen in der besseren Gesellschaft der Chinesen zu erfahren; der Fremde wird sie im Theater, im Wagen oder in der Sänfte, dann bei festlichen Aufzügen oder in Tempeln sehen können, aber er kann nicht mit ihnen sprechen; die einzigen Auskünfte über sie kann er nur von Dolmetschern, von katholischen Missionären, welche vermöge ihres Berufes in das Familienleben der Chinesen näheren Einblick erhalten, und endlich von aufgeklärten, an den Umgang mit Europäern gewöhnten Chinesen selbst erhalten, wie es deren in den Hafenstädten, besonders in Shanghai, viele giebt. Ich habe diese Quellen nach Thunlichkeit benutzt und mir überdies die bezüglichen Stellen des in ganz China anerkannten Buchs der Gebräuche übersetzen lassen; einen tiefen Einblick in das Frauen- und Familienleben gewährt überdies ein äußerst interessantes Buch eines neueren chinesischen Schriftstellers, Luhtschau, genannt der weibliche Lehrmeister. In seiner Vorrede sagt er von den Frauen:
Chinesische Mädchentypen.