Pagode von Hangtschau.

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GRÖSSERES BILD]

Die Chinesen errichten beim Häuserbau eben nur die Grundmauern bis auf etwa einen Meter über dem Erdboden aus Ziegeln oder Stein. Der Rest der Mauern wird aus gestampftem Lehm oder Erde errichtet und darüber aus Balken der Dachstuhl gebaut. Solche Mauern können heftigen Regengüssen und sonstigen Witterungseinflüssen natürlich nicht lange standhalten. Aehnlich wurden auch die Stadtmauern hergestellt. So dräuend sie auch aussehen mögen, sie sind aus Lehm aufgeworfen und nur äußerlich mit einer Lage von Steinen bekleidet, die aber nicht mit Mörtel aneinander gefügt werden. Die zahlreichen alten Tempel, Pagoden, Kaiserpaläste, Lusthäuser und Befestigungstürme, die heute im Umkreis von mehreren Kilometern um die jetzige Stadt in Feldern und Sümpfen liegen, liefern wie gesagt den Beweis, daß Hangtschou einstens vielleicht die überschwänglichen Lobpreisungen Marco Polos und des Ibn Batuta verdient hat. Auf den Inseln des großen Sees Si-Hu im Westen der Stadt erheben sich inmitten üppiger Vegetation derartige verfallene Bauten, deren leichte, elegante Architektur noch heute erkennbar ist. An den Ufern des Tsientangflusses steht die mächtige aus dem zwölften Jahrhundert stammende Pagode der sechs Harmonien, und an der Nordseite des Si-Hu die schlanke, vor nahezu einem Jahrtausend gebaute Pao-Schupagode. Der gewaltigste Bau ist jedoch wohl die ganz aus gebrannten Ziegeln hergestellte Lui-Fung-Ta, d. h. die Pagode des donnernden Felsens, gegen siebzig Meter hoch und aus dem zehnten Jahrhundert stammend.

Indessen Hangtschou geht dank seiner Seidenindustrie neuer Blüte entgegen und hat sich in den letzten Jahrzehnten abermals weit über seine jetzigen Ringmauern ausgedehnt, so daß zwischen den Stadtthoren und dem Tsientangfluß eine neue volkreiche Vorstadt entstanden ist. Wenige Städte Chinas zeigen in ihren geraden, verhältnismäßig breiten Straßen so lebhaften Verkehr; die Kaufläden, die nach den verschiedenen Industrien und Warengattungen beisammen liegen, sind schöner, größer, reichhaltiger, die Menschen sind besser gekleidet, und über der ganzen Stadt liegt ein Anstrich von Wohlstand, denn Hangtschou wird von vielen reichgewordenen Mandarinen und Kaufleuten, von Litteraten und Industriellen bewohnt. Ganze Quartiere werden von den Seidenwebern und Spinnern eingenommen, die Tag für Tag ohne Unterbrechung ihrem Gewerbe nachkommen und sich nur an acht oder zehn Tagen im Jahre, während des Neujahrsfestes, Ruhe gönnen. Gerade so wie in Canton werden auch hier in den kleinen Häusern Pongeeseide, Kopftücher, Stückseide und Brokate in vorzüglichen Gattungen hergestellt, aber während Canton sehr viel für die Ausfuhr nach Europa arbeitet, wird der größte Teil der Erzeugnisse von Hangtschou im Inlande abgesetzt, und die ganze Ausfuhr der Provinz Tschekiang beläuft sich nur auf etwa 400 Pikuls (25000 Kilogramm) im Werte von einer Viertelmillion Taels.

Am meisten Seide wird aus Hankou, im Herzen Chinas am Jangtsekiang gelegen, ausgeführt und ihr Wert erreicht jährlich gegen vierundzwanzig Millionen Mark; beiläufig ebensoviel exportiert Canton; dann folgen der Reihe nach Tschifu und Itschang. Im Jahre 1891 erreichte die Ausfuhr chinesischer Seide nach Europa zweihunderttausend Pikuls, im Jahre 1893 belief sich der Wert der Seidenausfuhr aus siebenunddreißig Millionen Taels oder etwa hundertundvierzig Millionen Mark.

In den nördlichen Provinzen, sowie in der Mandschurei werden die Seidenwürmer nicht allein mit Maulbeerblättern, sondern auch mit Eichenlaub großgezogen. Man läßt die Würmer auf den Bäumen, wo sie sich selbst nähren, und sie bleiben ohne Pflege und ohne Schutz, bis sie sich eingesponnen haben. Die Frühjahrscocons werden nicht eingeheimst; man läßt die die Falter auskriechen, und erst die Herbstcocons bilden die Ernte. In diesen nördlichen Provinzen ebenso wie im Stromgebiete des Jangtsekiang sind die Krankheiten der Seidenraupen, welche in Frankreich und Italien so große Verheerungen unter ihnen anrichten, unbekannt, dagegen sind sie in Tschekiang schon aufgetreten. Trotzdem liefert China unzweifelhaft auch heute noch die beste Rohseide, und sollten die Chinesen endlich die bewährten europäischen Erzeugungsmethoden annehmen, so würde es ihnen leicht werden, den japanischen Wettbewerb aus dem Felde zu schlagen und ihre jetzt schon so großen Einnahmen zu verdoppeln.

Leben, Trachten und Sitten der chinesischen Frauen.

Am ersten Tage meines Aufenthaltes in Canton gewahrte ich in dem Straßengewirr dieser größten Stadt des Reiches der Mitte an einer Straßenbiegung eine junge Chinesin, ihrer Kleidung nach zu schließen, den besseren Ständen angehörig. Auf ihren winzigen Füßchen trippelte sie unbeholfen, auf einen Schirm gestützt, einher, ein seltsames Wesen mit bemaltem Gesicht und üppigem schwarzen Haar, in welchem einige natürliche Blumen steckten.