Naht die Zeit des Auskriechens der Würmer, so werden die Papierbogen auf reine Bambusmatten gelegt und diese in Fächer eingeschoben, die sich ringsum an den Wänden des Raupenhauses hinziehen. Diese Fächer sind ebenfalls aus Bambus angefertigt, weil Bambus geruchlos ist und die Raupen nach der Meinung der Chinesen Gerüche nicht vertragen können. Wenn nur die guten Zopfträger diese vortreffliche Eigenschaft ebenfalls besäßen! Das Reisen in China und der Aufenthalt in den Städten wäre dann unendlich viel angenehmer.
Es ist erstaunlich, welche Mengen an Maulbeerblättern die neu ausgekrochenen Würmchen vertilgen können. Sie sind kaum ein viertel Centimeter lang und von der Dicke eines Menschenhaares, aber dabei fressen sie sich in die saftigen grünen Blättchen hinein, daß es eine wahre Freude ist. Ursprünglich sind sie von schwarzer Farbe; während der zweiunddreißig Tage ihres Raupendaseins werden sie aber immer heller, bis sie schließlich eine schmutzigweiße Farbe zeigen und die Länge eines kleinen Fingers erreicht haben. Ihre einzige Lebensaufgabe scheint es zu sein, möglichst viel zu fressen, und die Chinesen behaupten, daß sie in einem Tage zwanzigmal ihr eigenes Gewicht an Maulbeerblättern verzehren. Alle fünf Tage setzen sie mit ihrem Fraß aus und geben sich dem Schlafe hin, während dessen sie sich häuten. Am zweiunddreißigsten Tage werden in den Raupenhäusern lose Strohbündel aufgehängt und auf jedes derselben sechzig bis siebzig Raupen gesetzt. Die Strohhalme geben ihnen den Halt, um sich einzuspinnen, und nach fünf Tagen haben sie sich aus den zartesten Seidenfäden ihren Sarkophag gesponnen. Ließe man sie darin ruhig schlafen, so würden sie am zehnten Tage als Schmetterlinge ihre Auferstehung feiern.
Landbewohner.
Dies ist natürlich keineswegs die Absicht der Seidenzüchter. Kaum sind die Cocons fertig gesponnen, so werden sie von den Strohhalmen abgelöst, auf Bambusmatten gelegt und der Hitze von Holzkohlenfeuern ausgesetzt, welche die Puppen tötet. Nun werden die Cocons in heißes Wasser gelegt, um die Seide zu lockern, und die Fäden mittels primitiver Mittel abgewickelt. Nur in Shanghai, Macao, Canton und Tschifu haben bisher europäische Filaturmaschinen zum Aufwinden der Coconfäden Anwendung gefunden. Wären diese in China ebenso allgemein eingeführt wie in Europa oder in Japan, das auch hierin die Europäer nachgeahmt hat, so würde die chinesische Seide noch viel mehr begehrt werden und größeren Wert besitzen, als jetzt, aber wem gelänge es, die Chinesen dazu zu bringen? Sie sind all diesen, von den europäischen Barbaren stammenden Neuerungen abhold, und wie ihre Großväter und Väter, so arbeiten auch sie heute noch in der althergebrachten Weise. Ich habe Bauernhäuser besucht, deren Inwohner nicht nur die Maulbeerbäume auf ihrem Grund und Boden pflegten und Seidenwürmer großzogen, die Weiber wickelten auch die Seide von den Cocons, spannen die Fäden und webten die Stoffe auf den ursprünglichen Webstühlen, die vielleicht seit Jahrhunderten schon in ihren Familien sich von einer Generation auf die andere vererbt haben.
Dabei sind die Stoffe fester, dauerhafter als jene, die auf europäischen Maschinen angefertigt werden, allein die letzteren sehen hübscher und gefälliger aus, und deshalb wetteifern sie mit chinesischen Stoffen in China selbst. Es giebt in dem ganzen großen Vaterlande der Seide heute noch keine einzige von Chinesen geleitete Seidenfabrik nach europäischem Muster. Selbst die kaiserliche Seidenfabrik in Nanking, die ich auf meiner Fahrt den Jangtsekiang aufwärts besuchte, hat noch keinen Dampfbetrieb, und die schweren herrlichen Brokate für die kaiserliche Familie, welche in Peking das Entzücken der europäischen Gesandten erwecken, werden auf den plumpen chinesischen Webstühlen gerade so wie um Christi Geburt hergestellt.
Aber es giebt doch eine Stadt in dem großen Reiche, wo man wirklich von einer großartigen, ausgebreiteten Seidenindustrie sprechen kann, wo gegen hunderttausend Menschen jahraus jahrein Stoffe weben, während in der Umgebung dieser Stadt noch eine gleich große Zahl von Arbeitern ihren Lebensunterhalt durch die Seidenweberei verdienen. Es ist Hangtschou. Obschon nur zwei Tagereisen von Ningpo, einem der großen Vertragshäfen Chinas entfernt, und leicht zu erreichen, wird es von Europäern nur selten besucht. Und das mit Unrecht, denn Hangtschou, die Hauptstadt der Provinz Tschekiang, ist eine der bedeutendsten und interessantesten Städte des Reiches der Mitte, bei den Chinesen hochberühmt seit undenklichen Zeiten. Sogar in Europa erlangte Hangtschou während einiger Zeit eine gewisse Berühmtheit, die es den überschwänglichen Schilderungen des großen Weltfahrers Marco Polo verdankte. „Sie hat hundert Meilen in der Runde”, so schreibt er, „und hundertsechzigtausend Häuser; dazu dreitausend Bäder, zwölftausend steinerne Brücken, jede einzelne bewacht von zehn Soldaten, und so hoch, um ganze Flotten durchzulassen; jede der zwölf Handwerksgesellschaften besitzt zwölftausend Häuser.” Nirgends hat Marco Polo etwas gesehen, wie diese „edelste der Städte, die großartigste und schönste der Welt”. Aber auch andere spätere Reisende, darunter der arabische Ahasverus Ibn Batuta, schwärmen von Hangtschou in ähnlicher Ueberschwänglichkeit. Die Chinesen sagen: „Um glücklich zu sein, muß man in Sutschou geboren sein und in Hangtschou leben”, und ein ähnliches Sprichwort der Zopfträger lautet: „Der Himmel über uns, Sutschou und Hangtschou auf Erden”.
Thatsächlich war Hangtschou schon zu Beginn der christlichen Zeitrechnung eine große Stadt und von 1127 bis 1278 die Hauptstadt des chinesischen Reiches mit zwei Millionen Einwohnern. Heute entspricht es freilich weder seiner eigenen Vergangenheit, noch den begeisterten Schilderungen der früheren Reisenden, aber es ist dennoch eine der sehenswertesten Städte von China. Wer es besucht, darf allerdings auf Dampferfahrten, Hotels und andere europäische Bequemlichkeiten, wie sie heute sogar schon tausend Kilometer den Jangtsekiang aufwärts im Herzen von China zu treffen sind, keinen Anspruch machen. Er muß von Ningpo aus in einem chinesischen Kanalboot die Reise unternehmen, will er nicht auf kantigen Maultierrücken und elenden holperigen Wegen landeinwärts reiten und in einem chinesischen Hotel übernachten, was auch nicht gerade zu den Annehmlichkeiten des Lebens zählt. Hangtschou liegt am Nordufer des breiten Tsientangflusses, nahe seiner Mündung in die Bucht von Hangtschou. Der Fluß wird auf Fährbooten übersetzt, welche jedermann, vom Mandarin erster Klasse bis zum letzten Bettler, zur freien Verfügung stehen. Diese Fährboote sind eine Eigentümlichkeit Hangtschous, ein Beispiel chinesischer Wohlthätigkeit. Bei dem ungeheuren Verkehr zwischen der immer noch eine Viertelmillion Einwohner zählenden Provinzialhauptstadt und ihrem großen Seehafen Ningpo würde eine geringe Abgabe den Inhabern der Fährboote, ob nun Regierung oder Privatunternehmer, reiche Einnahmen verschaffen, Hunderttausende von Taels jährlich. Allein die vornehmen Herren von Hangtschou, die Gilden und reichen Kaufleute dieser Stadt, sowie von Ningpo schossen ein beträchtliches Kapital zusammen, aus dessen Zinsen etwa dreißig Dschunken unterhalten und zur kostenfreien Verfügung der Reisenden gestellt werden.
Schon an dem seiner wilden Springfluten wegen berüchtigten Fluß zeigt sich Hangtschou viel großartiger als so manche andere noch volkreichere Chinesenstadt. Mächtige Mauern und Wälle mit hohen kanonengespickten Thoren umgeben die Stadt, und über diese ragen zahlreiche Pagoden und Tempel empor, schöner, prächtiger, höher als irgendwo in China. Sie sind die einzigen Ueberreste aus der nunmehr viele Jahrhunderte zurückliegenden Glanzzeit der Stadt. Damals lagen sie in der Mitte derselben, heute aber erheben sich viele in den Reisfeldern und Maulbeerpflanzungen der Umgebung, weit außerhalb der jetzigen Ringmauern. Wie die früheren, weit ausgedehnteren Ringmauern, so sind auch viele Tausende von Häusern und Palästen der Zeit zum Opfer gefallen. Die Chinesen bauen aber nicht wie die Griechen, die Römer und Aegypter es gethan, aus Stein, sondern aus Lehm, und nur für die wenigsten Bauten, hauptsächlich Pagoden und Ehrenpforten, verwenden sie Quadern. Welch herrliche alte Städte würde China sonst besitzen! Was könnte es im Reiche der Mitte für Roms und Athens geben! Am verderblichsten war für die Größe und Blüte von Hangtschou der furchtbare Aufstand der Taipings um die Mitte des Jahrhunderts, und heute noch sind die trostlosen Spuren dieses verderblichsten aller Bürgerkriege selbst in der inneren Stadt nicht verwischt.