Man braucht im Reiche der Mitte gar nicht weit zu wandern, um zur Erkenntnis zu kommen, daß neben Thee die Seidenzucht die wichtigste Industrie und die einträglichste Erwerbsquelle der Zopfträger bildet. Millionen der chinesischen Landbevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, beschäftigen sich hauptsächlich mit der Zucht der Seidenraupen, Millionen mit Spinnen und Weben der Seidenstoffe, und wollte man die Geldsummen nennen, welche die fleißigen Bauern der mittleren Provinzen im Laufe des letzten Jahrhunderts allein durch diese kleinen unscheinbaren weißen Würmer verdient haben, man müßte zu Milliarden greifen. Werden doch alljährlich allein nach Europa und Amerika Seide und Seidenwaren im Werte von etwa zweihundert Millionen Mark ausgeführt, und diese bilden nur einen Bruchteil der Unmassen Seide, welche die Chinesen für Kleidung und Opferzwecke jährlich selbst verbrauchen. In Peking allein werden von dem Sohne des Himmels und den kaiserlichen Prinzen jährlich Tausende von Stücken der kostbarsten Seidenstoffe im Werte von Hunderttausenden verbrannt, um den Göttern und den eigenen Ahnen wohlgefällig zu sein. Quadratmeilen Landes könnten mit den von fleißigen Händen angefertigten Seidenstoffen bedeckt werden, und alle diese Massen rühren von der kleinen Seidenraupe her. Kein Wunder, daß die Chinesen diesen Tierchen die größte Sorgfalt, die aufmerksamste Pflege angedeihen lassen und sie mit solcher Auszeichnung, ja Ehrfurcht behandeln, als wären es lauter Mandarine mit roten Hutknöpfen. Gerade so wie die Mandarine ihre eigenen strengumschlossenen und bewachten Yamen (Amtslokale) haben, so besitzen auch die Seidenraupen ihre eigenen Häuser, fern von jedem Straßenverkehr, von jedem Lärm gelegen, geschützt gegen Zug und Wind, gegen Kälte und übergroßes Licht. Die Chinesen, die sie zu pflegen haben, essen keinen Knoblauch und keine Zwiebel, weil den Tierchen der Geruch unangenehm sein soll; sie kleiden sich viel reinlicher und waschen sich vor dem Eintritt in das Raupenhaus die Hände; innerhalb des Hauses aber ist Singen, Pfeifen, lautes Sprechen streng verboten. Wenn überhaupt gesprochen wird, so darf dies nur im Flüsterton geschehen. Wie beneidete ich häufig die Seidenraupen um ihre köstliche Nachtruhe! Was herrschte in den chinesischen Städten, die ich besuchte, für ein Höllenlärm! Schreien, Schießen, Gongschlagen, Trompeten die ganze Nacht hindurch! Wir Menschen mußten leiden, und diese kleinen Dingerchen, die ja nur unsertwegen überhaupt gezüchtet werden, können ruhig schlafen! Was wurde ich bei meinen Wanderungen durch die Chinesenstädte von zerlumpten, aussätzigen, verkrüppelten Bettlern belästigt, und ich mußte es geduldig ertragen. Wehe aber diesen Bettlern, wenn sie sich einem Raupenhause auch nur nähern sollten! Mit Stöcken werden sie davongejagt. Selbst kerngesunde Menschen dürfen ein derartiges Heiligtum nur betreten, wenn sie sich mit Wasser, in dem Maulbeerblätter liegen, besprenkelt haben. Wo das Wasser fehlen sollte, müssen sie vor dem Eintritt Sand auf ihr Haupt streuen, ähnlich den Mohammedanern, denen es auch gestattet ist, ihre Waschungen vor dem Gebet statt mit Wasser mit Sand vorzunehmen. Man könnte glauben, die Seidenraupe sei der Gott der Chinesen. In ihren Tempeln verkehren sie mit derselben Gleichgültigkeit wie auf der Straße; sie wickeln sogar Geschäfte dort ab und spielen in den Tempelhöfen Theater. Die Raupenhäuser aber sind geheiligt; niemand darf sie während der Trauerzeit um einen Anverwandten betreten, und auch Frauen, die einen Zuwachs in ihrer Familie erwarten, sind von dem Besuche ausgeschlossen.

Diese Gebräuche sind durch Jahrtausende geheiligt, wie so viele andere in dem blumigen Reiche der Mitte. China ist ja die eigentliche Heimat der Seidenraupe, von wo sie ihren Weg nach anderen Ländern Ostasiens und nach Europa genommen hat. Die Gattin des Kaisers Huang-Li war es, die im 26. Jahrhundert vor Christi Geburt als erste die Seidenraupe nährte und mit ihren zarten Fingern die Seidenfäden von den Cocons haspelte. Sie wird darum auch in ganz China unter dem Namen Yuen-fi als Göttin der Seide hoch verehrt.

In Peking ist ihr ein innerhalb der verbotenen Kaiserstadt gelegener Tempel geweiht, und dort werden ihr alljährlich einmal von der ersten Kaiserin (der Sohn des Himmels hat deren nämlich zwei) und ihrem ganzen Hofstaate Opfergaben dargebracht. In feierlichem Aufzuge begeben sie sich nach dem Yuen-fi-Tempel. In dem Tempelgarten angelangt, schneiden sie eigenhändig Blätter von den Maulbeerbäumen, wozu die Kaiserin eine goldene Schere verwendet, während die Hofdamen solche aus Silber haben. Mit diesen Blättern füttern sie die Seidenraupen im Innern des Tempels; dann werden ihnen von den Priestern Cocons dargereicht, von denen die hohen Damen die Seide abwickeln. Ob es ihnen gelingt, die zarten Fäden wirklich unversehrt auf die Spule zu bringen, ist zweifelhaft, denn diese Arbeit erfordert ungemein viel Übung; aber sie geben wenigstens dem Lande ein gutes Beispiel, das auch überall befolgt wird. Das Coconfest gehört zu den großen Feiertagen des chinesischen Jahres, und wie in Peking, so wird es auch in den Provinzen von den Mandarinen und den Beamten in feierlichster Weise begangen.

Indessen, die gute Yuen-fi und ihre Schützlinge, die Seidenraupen, werden erst seit ein paar hundert Jahren so sehr verehrt. Als im Jahre 1260, unter der Yuandynastie, Baumwolle von Indien her in China eingeführt wurde, verdrängte diese durch ihre Wohlfeilheit die Seide immer mehr. Die Seidenindustrie verfiel, und zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts wurde noch gerade so viel Seide erzeugt, als der kaiserliche Hof für seine Opferfeste und die Mandarine für ihre Kleidung bedurften. Erst die Europäer waren es, die die Seidenzucht in China wieder zu Ansehen brachten, denn die europäischen Damen fanden bekanntlich an den kostbaren, reizenden Seidenstoffen besonderen Gefallen, und da der Bedarf von den europäischen Seidenzüchtereien nicht befriedigt werden konnte, so bestellten die europäischen Händler Seidenstoffe in China.

Die Industrie entwickelte sich immer mehr, die vielen Millionen Silber, welche die Europäer den Chinesen für ihre Seide bezahlten, brachten erneuten Wohlstand unter die letzteren, so daß sie sich bald selbst wieder in kostbare Seidenstoffe kleideten. Statt der Kaiserin Yuen-fi sollten also die Chinesen eigentlich die europäischen Damen als Göttinnen verehren und in ihren Tempeln Bildnisse von Europäerinnen aufstellen, die sich an Liebreiz und Schönheit gewiß mit der vorsündflutlichen Kaiserin messen können und denen auch von Rechts wegen der Dank der Zopfträger gebührt. Jetzt wird Seide wieder in allen Provinzen des eigentlichen Chinas, vornehmlich in Schantung, ja sogar in der fernen Mandschurei hergestellt, und auf meiner Reise nach Korea fand ich, daß die Seidenkultur auch dort Eingang gefunden hat. Die beste chinesische Seide aber wird in der Provinz Tschekiang hergestellt, und die Hauptstadt derselben, Hangtschou, ist gleichzeitig das Lyon von China, die Metropole der Seidenindustrie.

Man darf aber nicht etwa glauben, es gäbe in China große Maulbeerplantagen, Massenkultur in Seidenraupen, Spinnereien und Webereien mit Dampfbetrieb. Die chinesische Industrie bewegt sich in anderen Bahnen. Gerade so, wie zur Zeit der Gattin des Kaisers Huang-Li, liegt auch heute noch die ganze Seidenzucht in den Händen der Bauern. Der Arbeitsteilung, Vereinfachung der Arbeit durch Maschinen, Neuerungen und Verbesserungen ist der Chinese schwer zugänglich. Wie unsere Bauern ihre eigenen Kartoffeln und gelben Rüben in ihren Gärtchen pflanzen, so pflanzt auch jeder Bauer in Tschekiang seinen Reis und Thee und zieht seine Seidenraupen, die letzteren nicht etwa allein der Seide, sondern auch der Nahrung wegen. Sind nämlich die Cocons abgebrüht und die Seidenfäden abgewickelt, so werden die Larven den Cocons entnommen und als Leckerbissen verzehrt.

Da nun für die Raupenzucht Maulbeerbäume unerläßlich sind, so findet man deren auch auf den meisten kleinen Landgütern, wo immer nur ein Plätzchen vorhanden ist, auf dem weder Reis noch Thee gepflanzt werden kann. Es giebt aber auch zahlreiche größere Maulbeerpflanzungen, in die die jungen Bäumchen gewöhnlich im Dezember in Abständen von etwa zwei Meter voneinander gepflanzt werden. Man läßt sie nicht zu Bäumen emporwachsen wie bei uns, sondern schneidet sie bis auf fünfzig Centimeter Höhe, und dieses fortwährende Beschneiden giebt ihnen ein Aussehen, wie es beiläufig unsere Weidenbäume zeigen, mit dicken Knollen am oberen Ende des Stammes, an dem zahlreiche Schößlinge hervorsprießen. Die Bäume werden fünfzig bis sechzig Jahre alt, und würde man sie wachsen lassen wie die wilden Maulbeerbäume, so besäßen sie in diesem Alter eine Höhe von zwanzig bis fünfundzwanzig Meter.

Für die Zucht der Seidenraupe werden natürlicherweise nur die größten und vollkommensten Cocons verwendet. Schon am ersten Tage, nachdem der weibliche Falter sich durch die seidene Hülle des Cocons gebohrt und das Licht der Welt erblickt hat, legt er gewöhnlich mit musterhafter Pünktlichkeit die Eier. Man setzt ihn für diesen Zweck auf einen großen Bogen groben Papiers, in den nördlichen, kälteren Provinzen wohl auch auf ein Stück Stoff, und auf diesem sieht man bald gegen fünfhundert winzige Eierchen. Diese Papierbogen oder Stoffe werden nun sorgfältig in reines Wasser getaucht und auf horizontale Bambusstangen zum Trocknen aufgehängt. Dort bleiben sie den Sommer und Herbst über bis zum Dezember und werden dann in ein reines, staubfreies, sonniges Zimmer auf den Boden gelegt. Im Februar werden die Eierbogen nochmals dadurch gewaschen, daß man sie eine Zeit lang mit lauwarmem Wasser übergießt; dies geschieht teilweise auch, um ein möglichst gleichzeitiges Auskriechen der Raupen zu erzielen. In manchen Gegenden bewahren die Chinesinnen die Eierbogen an ihrem Körper, um den Eiern die natürliche gleichmäßige Wärme zu teil werden zu lassen, oder sie legen sie auch zwischen die Untertücher ihrer Betten.