Ehrenpforte bei Tsingtschou-fu.
In Arbeit, Erziehung der Kinder und Verwaltung des Hausstandes vergehen die Jahre, und je älter sie wird, desto mehr steigt ihr Ansehen. War ihr Gatte der älteste Sohn der Familie, und sterben seine Eltern, so hat sie die höchste Stellung in der Familie erreicht, ist umgeben und hochgeachtet von den Frauen der jüngeren Brüder, ihren Kindern und Enkeln, die alle unter ihrer Leitung in demselben Häuserkomplex wohnen. Stirbt ihr Gatte aber noch bei Lebzeiten seiner Eltern, und solange sie jung ist, so gilt es nicht für anständig, wenn sie sich einen zweiten Gatten nimmt, und die Fälle einer Wiederverheiratung kommen bei Witwen von Beamten niemals, bei solchen der höheren Stände nur selten vor. Aber ein chinesisches Sprichwort sagt: t’ieu yan hsia, niang yan tschia, wu fa k’o tschy, d. h. will der Himmel regnen und deine Mutter wieder heiraten, so kann sie nichts daran verhindern. Um die althergebrachten Sitten zu wahren und angesehenen Familien die Schande zu ersparen, eine Witwe ihres Hauses in ein anderes Haus übertreten zu sehen, werden standhafte Witwen in China auf eigentümliche Weise belohnt. Ich habe in chinesischen Städten und Dörfern häufig freistehende Thorbogen aus Stein, mit Inschriften bedeckt, wahrgenommen. Ursprünglich dachte ich, sie wären Triumphbogen, zum Andenken an kriegerische Thaten oder tapfere Generale aufgeführt. Aber diese tapferen Generale sind in diesem Falle gewöhnlich standhafte Witwen oder besonders brave Töchter gewesen. Ich kann mit meinem bescheidenen Europäerverstand freilich nicht begreifen, wie es bei einer Witwe besonderer Standhaftigkeit bedarf, nach den gewöhnlich sehr traurigen Erfahrungen der ersten Ehe dem Ansturm neuer Freier zu widerstehen. Aber in China scheint die Sache doch anders aufgefaßt zu werden, denn dieser tapfere Widerstand wird dem Distriktstaotai gemeldet, dieser macht einen Bericht an den Provinzgouverneur, und der letztere sendet ihn sogar an den Kaiser in Peking. Ich fand zuweilen in der Pekinger Staatszeitung Edikte, mit welchen Seine Majestät anordnet, daß der Witwe X. X. oder der braven Tochter Y. Y. in ihrem Heimatsorte ein Triumphbogen zu errichten sei. Wieder die verkehrte Welt. Bei uns sind es große Staatsmänner und Kriegshelden, welchen solche Ehren erwiesen werden, in China Mädchen und Witwen.
Stirbt die gesetzliche Frau eines Mannes, so darf er sich wieder verheiraten oder eine seiner Konkubinen zur ersten Frau erheben, die mit zunehmendem Alter endlich die Herrschaft über den ganzen Familienclan erhält. Ja, sollte sie in dieser höchsten Familienstellung ihren Gatten verlieren, so tritt nicht etwa der älteste Sohn an dessen Stelle als Leiter der Familie, sondern die Mutter bleibt es in unumschränkter Weise bis zu ihrem Tode. Der Chinese sagt, seine legitime Frau sei wie der Mond, die Konkubinen wie die Sterne, und alle drehen sich in ihrem Laufe um die Sonne, den Mann.
Die chinesischen Ehen sind nicht etwa unauflöslich. Die Gesetze nennen sieben Gründe für die Ehescheidung, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse des Reiches der Mitte grell beleuchten. Sie sind: Ehebruch, Unfruchtbarkeit, Eifersucht, Ungehorsam, Diebstahl, Aussatz und Geschwätzigkeit. Auch kann die Scheidung auf gegenseitiges Einverständnis erfolgen. Sollte der Mann bei Ehebruch seiner Frau die Scheidung nicht verlangen, so setzt er sich der Bestrafung durch Stockstreiche aus; sollte sie während seiner Abwesenheit eine neue Ehe eingehen, so wird sie erdrosselt; nur wenn diese Abwesenheit drei Jahre dauert, kann sie nach Anmeldung bei den Gerichten ihre Freiheit erlangen.
Die armen Frauen der höheren Stände haben es kaum viel besser als jene der indischen Zenanas oder der arabischen Harems, und beinahe könnte man sagen, daß die Frauen der untersten Stände Chinas ein günstigeres Los haben, als ihre reichgekleideten, geputzten und geschmückten Schwestern. Sie sind wenigstens nicht an das Haus gefesselt, sie genießen einigermaßen Freiheit. Besonders in Canton und den südlichen Provinzen sah ich sie allen möglichen Berufen nachgehen. Schneiderinnen kauern an den Straßenecken, um Kleider zu flicken; Dienerinnen durchwandern die Gäßchen, um Einkäufe oder Besorgungen für ihre Herrin zu machen; auf dem Flusse und im Hafen verkehren die Frauen ungezwungen, durch keine gesellschaftlichen Formen eingeengt, mit den chinesischen oder fremden Männern. Die ärmsten der Frauen ziehen durch das Gewirre von Gäßchen der Städte, um allerhand Abfälle und Unrat für ihre Schweine zu sammeln. Draußen auf dem Lande sind sie in den Seidenzüchtereien oder auf den Reisfeldern thätig; sie schneiden Gras oder suchen auf den Bergabfällen nach Wurzeln, Zweigen und sonstigem Brennmaterial; Hunderte pflücken Theeblätter an den sich meilenweit hinziehenden kleinen Stauden; überall sind es kräftige, gut gebaute Gestalten, weit größer und stärker als ihre Schwestern in Japan oder Hinterindien. Weiter gegen Norden, in der Umgegend von Swatau oder Amoy, sind sie schon viel seltener; auch am Jangtsekiang und Kaiserkanal genießen sie lange nicht die gleichen Freiheiten wie in Canton.
Mandschurenfrau.