In den ersten Tagen meines Aufenthaltes in China konnte ich mich an den nach chinesischer Art zubereiteten Thee gar nicht gewöhnen. Machte ich bei Chinesen Besuche oder besorgte ich Einkäufe, so wurde mir stets ein Täßchen Thee vorgesetzt. Ein bezopfter, mandeläugiger Mongole brachte die Täßchen herbei, legte einige Theeblätter hinein, goß kochendes Wasser darauf und deckte dann jedes Täßchen mit der umgekehrten Untertasse zu. Nach einigen Minuten nahm mein Gastgeber gewöhnlich seine Tasse in die Rechte, schob mit dem Zeigefinger derselben Hand die Untertasse ein wenig zurück, um beim Trinken die Theeblätter nicht in den Mund zu bekommen, und schlürfte dann mit Wohlbehagen die gelblich-grüne klare Flüssigkeit. Bei meinem ersten ungeschickten Versuche entschlüpfte die Untertasse meinen Fingern und zerbrach, ich verbrannte mir die Hand und Zunge und fand den Thee dazu auch noch abscheulich. Bei den folgenden Versuchen ging es schon besser, und nach einer Woche begriff ich vollkommen, daß man Thee nach Chinesenart trinken muß. Dann ist er ein wahres Labsal. Wenn die Chinesen so wenig geistige Getränke genießen und unseren Wein, unser Bier gar nicht kennen, so mag dies großenteils den erquickenden, belebenden Eigenschaften ihres ausgezeichneten Thees zuzuschreiben sein. Dasselbe kann von den Indiern und Japanern gesagt werden. Beide Völker übernahmen den Thee von den Chinesen und sind auch in Bezug auf den Theebau ihre größten Wettbewerber geworden. Ungeheure Mengen indischen und japanischen Thees gelangen heute auf den Weltmarkt, in England und seinen Kolonieen trinkt man fast ausschließlich nur indischen, in Amerika großenteils japanischen Thee, aber der beste bleibt doch der chinesische.

In der Umgebung von Canton bekam ich keine Theepflanzung zu sehen, denn Thee wird in China erst weiter nördlich, hauptsächlich im Stromgebiet des Jangtsekiang gebaut. Bei Ningpo, einem der den Europäern geöffneten Häfen, gedeiht er am besten, und dort war es auch eine meiner ersten Unternehmungen, die Theepflanzungen der Umgebung zu besuchen. Es war Anfang Mai, und wie bei uns, so ist auch dieser Monat in China der schönste. In den Reisfeldern unten am Flusse prangten die kleinen Pflänzlein im herrlichsten Grün; weiter oben am Fuß der Berghänge stand das Getreide schon kniehoch, vermengt mit Mohnblumen und rotblühendem Klee; und die Berge bis hinauf zu den Gipfeln zeigten den wunderbarsten Azalienschmuck. Hier und da, in der Umgebung der weitverstreuten kleinen Bauernhöfe, erhoben sich Gruppen mächtiger Weiden- und Kampferbäume mit ihren dunkelgrünen buschigen Kronen. Dickstämmige Wistarias, diese schönsten und beharrlichsten aller Schlingpflanzen, wanden sich an den Baumstämmen empor, ihre Zweige umklammerten die Zweige der Bäume, und zwischen deren Laub prangten ihre lila Blütentrauben in ungezählten, erdrückenden Massen.

Der Gesang von Drosseln erfüllte die Luft ganz so wie bei uns, und die warme Frühlingssonne beschien ein so herrliches Landschaftsbild, wie ich es in China gar nicht erwartet hätte. Ihre Strahlen spiegelten sich tausendfach in den scharf umgrenzten Wasserflächen der Reisfelder wieder und glitzerten in dem Flusse, dessen Ufer die üppigste Vegetation zeigte. In den kleinen, von wohlgepflegten Gemüsegärten umgebenen Dörfchen und Höfen, die ich auf meiner Wanderung passierte, zeigten sich nur wenige Menschen. Die ganze Bevölkerung war draußen auf den Feldern bei der Arbeit.

Pagode in Wutschang im Jangtsethale.

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GRÖSSERES BILD]

Nach etwa zweistündigem Marsche erreichte ich ein größeres Dorf, und jenseits desselben zogen sich auf weite Strecken die ersten Theepflanzungen hin, durchwegs kleine Felder mit den eigentümlichen, hagedornartigen Theesträuchern bedeckt. Man war eben an der ersten Ernte, und auf dem Wege hinauf begegnete ich zahlreichen Landleuten, welche, meinen Gruß mit freundlichem Tschin-tschin erwidernd, die frischgepflückten Blättchen in großen Körben heimtrugen, Männer, Frauen und Kinder, alle gleich gekleidet. Sie trugen ein dunkelblaues, loses Baumwollhemd mit weiten Aermeln und ebensolche Beinkleider, die bis etwas unter die Knie reichten. Die Männer hatten auf ihren mehrfach gewundenen Haarzöpfen große Strohhüte sitzen, Frauen und Mädchen aber trugen ihr üppiges schwarzes Haar sorgfältig gekämmt und mit frischen Blumen geschmückt. Hier war es auch, wo ich zum erstenmale wirklich hübsche schlankgewachsene Chinesinnen sah. Ihre Gesichter waren gebräunt und nicht wie jene ihrer Schwestern in den Städten bepudert und bemalt; ihre unteren Gliedmaßen und ihre nackten Unterarme zeigten runde pralle Formen. Paarweise trippelten sie einher, auf ihren Schultern Bambusstäbe tragend, von denen die schweren Körbe, mit Theeblättern gefüllt, herabhingen. Kamen sie an mir vorbei, so schlugen sie verschämt die Augen nieder und wandten ihre Gesichter mit verlegenem Lächeln ab. In den Pflanzungen selbst ließen sie sich durch mein Kommen nicht in ihrer Arbeit stören. Emsig streiften sie mit ihren kleinen Händchen die Blätter von den Zweigen und warfen sie in die Körbe auf ihrem Rücken. Hunderte von Mädchen, ja selbst Kinder von fünf oder sechs Jahren, waren so mit dem Einheimsen der Blätter beschäftigt, denn in einer Woche mußte die Ernte beendigt sein. Sie ist ja die beste und kostbarste der drei oder höchstens vier Ernten, welche der Theestrauch jährlich liefert. Die Blättchen sind Ende April und Anfang Mai fleischiger, wohlriechender als die nachfolgenden und zeigen eine zarte weiße Behaarung, welche wahrscheinlich der Grund war, warum man in Europa den Thee dieser Ernte irrtümlich als Blütenthee bezeichnet. Die Blüten selbst werden nicht zur Theebereitung verwendet. Sie sitzen auf den Spitzen der buschigen, etwa meterhohen Sträucher und sind weißlich, geschmack- und geruchlos. Im Herbst entwickelt sich die Frucht, eine Kapsel mit drei kleinen Bohnen, aus welchen die Sträucher gezogen werden.

Mit dem Abstreifen der frischen grünen Blätter ist die Arbeit des Theebaues nicht etwa beendet. Freilich erfordert der Theestrauch keine besondere Düngung oder Bearbeitung des Bodens; lehmiger und sandhaltiger Boden, dazu Sonnenlicht und eine hinreichende Menge Regen ist alles, was erforderlich ist. Aber dennoch hat der Theebauer den größten Teil des Jahres mit seiner Pflanzung zu thun. Aus den Samenkörnern werden zuerst Sprößlinge gezogen und diese, sobald sie einige Monate alt sind, in die Pflanzungen selbst versetzt, wo sie in langen Reihen mit etwa anderthalb Meter breiten Abständen voneinander stehen. Zwischen sie werden noch allerhand Gemüse gepflanzt. Nach dem zweiten Jahre pflegt man in manchen Gegenden (der Thee ist in dem ganzen, zwei Millionen Quadratkilometer umfassenden Stromgebiet des Jangtsekiang verbreitet) die Blätter schon zu pflücken, doch ist die Pflanze erst im sechsten Jahre ausgewachsen und liefert dann bis zu ihrem achtzehnten oder zwanzigsten Jahre zwei bis vier Ernten jährlich. Läßt man die Stauden wachsen, so erreichen sie drei bis fünf Meter Höhe; sie müssen also jährlich beschnitten werden, um das Pflücken der Blätter zu erleichtern.

Dieses Pflücken kann nur an warmen, sonnigen Tagen erfolgen, und deshalb beeilten sich die Mädchen und Kinder so sehr, als ich zwischen ihnen durch die Pflanzungen wanderte. Wie mir mein Dolmetscher erzählte, waren sie schon seit Morgengrauen an der Arbeit. Kaum gönnten sie sich Zeit, um ihren gekochten Reis und ihr Gemüse zu verzehren; dann arbeiteten sie sich wieder ihre kleinen Händchen blutig und blickten mitunter ängstlich auf, um zu sehen, ob nicht Wolken im Anzuge wären, deren Entladung ihre Ernte verderben würde. War ein Korb mit den glänzenden fleischigen Blättchen gefüllt, dann sprang wohl ein Mädchen darauf und stampfte die Blätter mit ihren nackten Füßen fester zusammen, und konnte nichts mehr hineingepreßt werden, so wurde rasch ein Bambusstock durch die Handhabe gezogen, die Last auf die Schultern gehoben, und fort gings in raschem Getrippel hinab zum Farmhause.

Unten in den verstreuten Höfen und kleinen Dörfchen sind Männer und Frauen mit der Zubereitung der Theeblätter beschäftigt, und bricht die Dämmerung an, dann eilt alles aus den Pflanzungen hinab, um bis Mitternacht die Blätter zu dörren. Ein paar Stunden Schlaf nur sind den jungen Arbeiterinnen gegönnt, dann springen sie wieder zurück in die Pflanzung, und das Tagewerk beginnt von neuem. Ihre einzigen Werkzeuge sind ihre Hände und Füße. Sobald ein Korb Blätter in die Farmhäuser gelangt, so machen sich Frauen und Kinder darüber her, um geschickt die alten und gelben Blätter daraus zu entfernen, die guten Blätter aber auf luftige Bambusgeflechte zu werfen, wo sie bald welken und weich werden, so daß sie mit der flachen Hand leicht zu rollen sind. Diese Arbeit dauert so lange, bis sich an den Blättern rötliche Flecken zeigen. Das Rollen der Blätter heißt im Chinesischen kung-fu, woraus die europäischen Handelsleute Kongu oder Kongo machten. Der als Kongo bezeichnete Thee stammt also nicht etwa vom Kongo, sondern heißt so viel als gerollter Thee.