Katholische Kirche in Tientsin.
Mitten in Tientsin, an den Ufern des breiten, lebhaften Stromes, erhebt sich seit Ende der neunziger Jahre wieder die katholische Kathedrale, welche in dem berüchtigten Aufstand des Jahres 1870 von fanatischem Pöbel am 21. Juni zerstört worden war. Mit ihr wurden damals das französische Konsulat und das Kloster der Lazaristen verbrannt, die Priester, Nonnen und eine Anzahl anderer Europäer wurden in grausamster Weise ermordet. Die chinesische Regierung wurde veranlaßt, den Hinterbliebenen eine Entschädigung von zwei Millionen Taels zu zahlen und die zerstörten Gebäude wieder zu errichten, aber es hat beinahe drei Jahrzehnte gebraucht, bis diese Gebäude vollendet waren. Heute erheben sich vor der imposanten Kathedrale auf einer gemauerten Plattform noch zwei offene Pavillons, welche steinerne kaiserliche Schutztafeln bergen, zur Verhinderung ähnlicher Angriffe seitens des fremdenfeindlichen Pöbels. Von dem vielgerühmten Wirken des langjährigen Vicekönigs von Tschihli, Li-Hung-Tschang, sieht man in Tientsin ebenso wie in der Provinz nur wenig. Er hat seine Thätigkeit hauptsächlich der Einrichtung von Verteidigungsmitteln zugewendet, wohl in Vorahnung des Krieges mit den Japanern; er hat die Kriegsmarine von China geschaffen, die Festungswerke an der Mündung des Peiho und weiter stromaufwärts anlegen lassen, das Arsenal gebaut, eine Kriegsschule, sogar ein Hospital gegründet; während früher der Frachtenverkehr zur See zum weitaus größten Teile durch Schiffe unter fremdländischen Flaggen vermittelt wurde, ist es ihm zu danken, daß eine chinesische Dampfergesellschaft, die China Merchant Company, fast ebensoviele Frachten Tientsins befördert wie die englischen Schiffe; Li hat auch die Telegraphenverbindung mit Peking und anderen Inlandstädten, ferner die Eisenbahn nach den Kai-ping-Kohlenminen zu stande gebracht. Aber für die Hebung des Wohlstandes im Volke ist nur wenig geschehen. Vielleicht besaß er die Macht und die Mittel nicht, um jene Werke zu schaffen, die Tientsin, Peking und der ganzen Provinz vor allem andern not thun: die Eisenbahn nach Peking, die Vertiefung und Ausbesserung des immer mehr verfallenden großen Kanals, dieser einzigen Landverkehrsroute mit dem Süden, dann die Entwässerung der Provinz, die Regulierung des Peihoflusses.
Die großen Katastrophen, welchen der Wohlstand der Provinz zum Opfer gefallen ist, hätten doch zur Lehre dienen sollen, daß vor allem für ein Kanalsystem zur Entwässerung der Tiefebenen zu sorgen war. Millionen und Millionen Menschen waren durch die Ueberschwemmungen jahrelang brot- und erwerbslos geworden; statt viele Millionen Goldes zum bloßen Lebensunterhalt dieser Menschenmassen zu opfern, hätte man diese Arbeitskräfte zur Herstellung der erforderlichen Kanalisierung heranziehen sollen; sie wären zu spottbilligen Preisen zu haben gewesen. Nicht für den Krieg allein war zu sorgen, sondern auch für den Frieden, für den Handel, und dieser ist durch das allmähliche Verseichten des Peiho unendlich bedroht. Aehnliche Verhältnisse lagen vor zwei Jahrzehnten an der Mündung des Mississippi vor; ganz wie der Peiho zeigte sein Stromlauf vielfache Windungen, und seiner Mündung lag eine Schlammbank vor. Wenige Millionen Dollars haben hingereicht, die störendsten Flußkrümmungen im Unterlaufe abzuschneiden, den Flußlauf dadurch zu verkürzen, das Gefälle zu vergrößern und so zu ermöglichen, daß in derselben Zeit eine erheblich größere Wassermenge abfließt; so wurde die Ueberschwemmungsgefahr für die Uferländer des Mississippi verringert. Statt die Barre an der Mündung dieses Stromes mühsam auszubaggern, hat sie Kapitän Eads durch den Strom selbst wegreißen lassen, indem er bis nahe an die Barre die reißenden Wassermassen des Mississippi durch weit über die Meeresküste hinausreichende künstliche Dämme zusammenhielt. Aehnliches hätte mit erheblich geringeren Kosten auch am Peiho geschehen können; nicht nur von der Ueberschwemmung von 1889 wäre das Land verschont geblieben, auch die elenden Schiffahrtsverhältnisse wären dadurch wenigstens zum großen Teile beseitigt worden. Erst dem jetzigen Nachfolger Lis bleibt es vorbehalten, die Eisenbahn nach Peking zu bauen, und die Reise nach der nur hundertzwölf Kilometer entfernten Reichshauptstadt, die bisher mühsam in zwei Tagen zurückgelegt werden konnte, beansprucht jetzt kaum vier Stunden. Aber die Regulierung des Peiho und des ganzen Flußnetzes steht noch in weitem Felde. Erfolgt sie einmal, so wird Tientsin einen weiteren und noch größeren Aufschwung erfahren als seit seiner Eröffnung für den Fremdenverkehr im Jahre 1858.
Handschrift und Siegel von Li-Hung-Tschang.
Die Straße der Gesandtschaften in Peking.