Als Anna dieses las, als sie erfuhr, wie er nach ihr verlangte, traf es sie wie ein Vorwurf ins Herz. Sie kam sich wie eine Pflichtvergessene vor, die von ihrem kranken Manne davongelaufen war, statt bei ihm auszuharren. Ein Entschluß stand in ihr auf, von dem sie zu niemand ein Wort sagte – am nächsten Morgen war sie lautlos aus dem Hause des Onkels und der Tante verschwunden.


Es war um die Mittagsstunde. Die Sonne stand hoch, und im Sonnenschein saß Eberhard von Fahrenwald, in Decken gehüllt, auf seiner Bank. Ihm gegenüber, wie immer, der Alte als Aufpasser. Plötzlich sah dieser, wie der Baron, die Augen in die Allee gerichtet, aus der einen Ecke der Bank in die andre rutschte. Er schlug ein paarmal mit dem Stock in die Erde, als wollte er dem da drüben sagen, »nimm dich in acht, ich passe auf«.

Aber der Baron achtete nicht auf ihn.

Das war doch keine Täuschung, was er da eben gesehen hatte, daß da hinten eine Gestalt in hellem Kleide hinter den Büschen des Parks entlang und hinter den Eichbaum geschlüpft war, hinter dem sie sich jetzt verbarg?

Und diese Gestalt – war das nicht –?

Und jetzt bog sich ein Hutrand hinter dem Baumstamme vor, ein gelber Hutrand, und unter dem Hutrande ein Gesicht –

Gerade aufgereckt wie eine Eisenstange stand er von der Bank auf – in demselben Augenblick trat die Gestalt hinter dem Baume hervor und breitete beide Arme aus –

»Anna!!« – Es war Eberhard von Fahrenwald, der den Schrei ausgestoßen hatte, aber es hatte geklungen, wie wenn zehn Männer aufschrieen.

Jetzt aber kam der Alte in Sprüngen über den Rasenplatz heran. Ein Blick in die Allee – ein momentanes Erstarren – dann ein Geifern und Knirschen wie von einem tollen Hunde. Die Allee entlang, gerade auf den Rasenplatz zu kam eine geschritten – und diese eine war sie – die Tote! Jählings, bevor Eberhard, der immer noch wie in Erstarrung dastand, es verhindern konnte, stürmte der Alte, mit gesenktem Haupte, auf die Allee zu, Anna entgegen. Den Stock hatte er wie zum Schlage hoch erhoben, ein Gebrüll ertönte aus seinem Munde. Anna war unwillkürlich stehen geblieben, jetzt wandte sie sich um und fing an, die Allee zurückzulaufen. Endlich war Eberhard zu sich gekommen und zum Bewußtsein dessen, was sich begab. Mit einem Ruck schleuderte er den dicken Ueberzieher ab, den ihm der Diener heute früh angezogen hatte. Dann kam er gestreckten Laufes hinter dem Alten her.