Die Frau war tot und hin, das wußte er ja, aber das Mädchen, das seit dem Abende verschwunden war, wo war das Mädchen geblieben?
Jeden Vormittag, bevor er seinen Herrn herausließ, ging er durch das Dorf und jeden Vormittag trat er bei den alten Leuten ein.
»Wißt ihr's immer noch nicht, wo daß euer Mädchen ist?«
Die alten Leute zitterten am ganzen Leibe.
»Nein, gnädiger Herr Johann, nischte wissen wir.«
Das war die Antwort, die ihnen die Franzel eingelernt hatte, und währenddem saß diese auf dem Heuboden, unter dem Heu versteckt, zitternd wie Espenlaub.
Anna war fort. Im Morgengrauen des Tages, der auf die schreckliche Nacht folgte, war sie, von der Franzel begleitet, zu Fuß nach der Eisenbahnstation gegangen. In der Tasche ihres Kleides hatte sie ihr Portemonnaie und in diesem ein paar Groschen Geld gefunden. So war sie nach Breslau zurückgelangt und hatte bei dem Onkel und der Tante wieder angeklopft. Wo sollte sie sonst bleiben? Und nun saß sie, eine verheiratete Frau, da, wo sie als Mädchen gesessen hatte, in wahrhaft jammervollem Zustande. Wie eine Prinzessin ausgezogen, war sie wie eine Bettlerin zurückgekommen.
Dem Onkel und der Tante hatte sie erklären müssen, warum sie kam; schweren Herzens hatte sie es gethan, denn indem sie die Ereignisse jener Nacht andeutungsweise enthüllte, war ihr, als beginge sie einen Verrat an dem unglücklichen, trotz allem immer noch tief geliebten Manne.
Der Onkel hatte nun mit einemmal »von vornherein gewußt und vorhergesagt, daß die ganze Geschichte Blödsinn sei und schlimm endigen würde«. Er gab sich kaum die Mühe, Anna zu verheimlichen, wie lästig ihre Anwesenheit ihm war, die er noch dazu, um nicht ins Gerede der Leute zu kommen, vor aller Welt verschweigen mußte. Der Zustand wurde mit der Zeit schier unerträglich. Da eines Tags kam aus Fahrenwald ein Brief für Anna, mit plumpen Schriftzügen zusammengefügt, ein Brief von der Franzel.
Im Dorfe war es ruchbar geworden, wie der Baron Tag für Tag stundenlang am Rasenplatze saß, in die Allee blickend, wie er am Abend mit dem Lichte in der Hand durch die Zimmer lief und nach seiner Frau suchte und nach ihr rief. Dies alles berichtete ihr die Franzel.