»Nu sag mir, Franzel,« sagte am Abende nach der Ankunft die alte Taglöhnersfrau, die in der Zwischenzeit mit ihrem Manne die Obhut über das Schloß geführt hatte und jetzt auf ihm als wohlbestallte Verwalterin eingesetzt war, »nu sag mir. Mit unsrer Frau Baronin – hm?«
Die Franzel nickte und kicherte, und was die beiden sich mit halben Worten unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatten, kam im Juni ans Licht, als in dem Schlafgemache, zu dessen geöffneten Fenstern die Frühlingsluft hereinströmte und der Sang der Vögel hereintönte, unter dem blauseidenen Betthimmel ein reizender, rosiger, kleiner Fahrenwald neben der blassen, glückseligen jungen Mutter lag.
»Daß du doch das Schenken nicht lassen kannst, du Unverbesserlicher,« sagte sie lächelnd zu dem Manne, der glücküberströmt neben ihr stand und soeben einen großen köstlichen, mit einem Brillantenbande zusammengebundenen Blumenstrauß auf ihr Bett gelegt hatte.
»Seit einem Jahr das erste Mal wieder,« entgegnete er, indem er sein Gesicht auf das ihrige niederbeugte und sie mit tiefer Seligkeit auf Mund und Stirn und Augen küßte.
Und wieder einige Zeit später, als der Sommer in voller schwerer Wucht auf der Erde lag, vernahm der Mann, der dort oben in seinem Bette eben vom Schlaf erwachte, einen Ruf von unten, wie den Ruf der Lerche, die zum Leben weckt. Aber es war nicht die Lerche und auch nicht die Nachtigall, und als er ans Fenster stürzte, sah er im Garten dort unten, zwischen den Blumenbeeten wandelnd, seine Frau, seine Anna, die heute zum erstenmal ins Freie gekommen war.
Das Kindermädchen ging hinter ihr, den Kleinen im Kissen tragend; und als am Fenster droben das Gesicht des Vaters erschien, nahm Anna das Kind in ihre Arme. Nicht mit dem Taschentuche wehte sie heute, heute winkte sie mit dem Kinde: »Komm herunter, Eberhard, hier unten ist's wundervoll.«
Und er kam, wie ein Sturmwind kam er hinunter zu Mutter und Kind, und es war, wie sie gesagt hatte – wundervoll – wundervoll.
Ende.
ENGELHORNS
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