Er sah sie mit strahlenden Augen an.

»Den Anfang dazu weiß ich,« versetzte er. »Diese Ahnengalerie, die hier seit Jahrhunderten gehangen hat und jetzt als eine Sammlung Abgeschiedener immer noch mitten in unsren Wohnräumen hängt, lass' ich hinaufschaffen in den oberen Stock. Da mögen sie hängen, als das, was sie sind, als historische Reliquien. Denn die Erinnerung, scheint mir, ist schließlich doch wie ein Leichnam im lebendigen Dasein, und darum ist mir immer zu Mute gewesen, als lebte ich fortwährend in der Gesellschaft von Toten.«

»So ist's recht,« erwiderte sie, »und nun noch eins. Wir können über die Erinnerung an jenen bewußten bösen Abend nicht so hinweg, und wenn wir's mit Gewalt versuchen, werden wir wieder krank. Du hast mich einmal gefragt, ob wir eine Hochzeitreise machen wollten, ich hab's damals nicht gewollt – nun schlag' ich dir vor, Eberhard, wir wollen reisen, und wenn wir wiederkommen, bringen wir die große weite Welt in unsren Seelen mit und schließen uns nicht mehr, wie bisher, in unsrem Schlosse ein, sondern denken und sorgen für die Menschen um uns her – und wenn man für Menschen zu sorgen hat, behält man keine Zeit, sich vor Gespenstern zu sorgen.«

In tiefer Freude schloß er seine junge, kluge, mutige Frau in die Arme.

»Heute nachmittag,« sagte er, »fange ich mit meinen Pflichten an, indem ich den Alten nach Breslau in die Anstalt bringe, und morgen früh reisen wir in die Welt. Reisen wir ganz allein?«

»Nur eine soll uns begleiten,« erwiderte sie lächelnd, »die gute treue Franzel.«

Und so geschah es.

Im August reiste der Freiherr von Fahrenwald mit seiner Gattin ab, und als im Mai des nächsten Jahres der Frühling wieder in das schlesische Paradies herabstieg, kamen sie zum Schlosse Fahrenwald zurück.

Heute stiegen sie nicht am Parkrande aus, heute fuhren sie durch das Dorf, heute gingen sie nicht, einsam wie damals, vor der Welt versteckt, durch den einsamen Park, heute durchschritten sie, Hände schüttelnd, grüßend und lächelnd, die Bewohnerschaft des Dorfes, die sich festlich gesammelt hatte und, den Schulzen an der Spitze, die Herrschaft bewillkommnete.

Der Schritt des Barons war elastisch und frisch, der der jungen Frau Baronin, die an seinem Arme hing, etwas gehemmt, und auf ihrem freundlichen Gesichte lag eine leise schamhafte Röte.