»Siehst du nun,« sagte er, »wie es mir ergangen ist; dreißig Jahre bin ich alt geworden, und heute ist der erste Tag, da ich lebe. Siehst du, es ist wunderbar, wie sich einem das ganze Leben in einem Augenblick zusammendrängen kann: solch ein Augenblick ist es für mich gewesen, als ich den Alten zu Boden gekriegt hatte und auf ihm kniete. In dem Augenblick – ich kann's mir nicht anders erklären – ist der Bann gebrochen gewesen, der mich dreißig Jahre lang gehalten hat. Der Alte, siehst du, war mir gewissermaßen von meinem Vater vermacht; darum ist er von meiner Kindheit an fortwährend um mich gewesen und ich habe wie an etwas Unfehlbares an ihn geglaubt. Und weil er sich vom ersten Tage an eingebildet hat, daß er zum Wärter eines Wahnsinnigen bestellt wäre, so ist es ihm allmählich zur fixen Idee geworden, daß ich wahnsinnig sei und nichts andres sein dürfte.«

Von der schrecklichen Vorstellung überwältigt, schwieg er. Dann preßte er sie leise mit dem Arm.

»Mir ist das alles in dem einen Augenblick klar geworden. Kannst du es dir vorstellen?«

An seine Schulter gelehnt, mit ihm dahinschreitend, drückte Anna seine Hand.

»Ja, vollkommen,« erwiderte sie, »das was sich in dir geregt hat, war die Gesundheit, die sich wider die Krankheit wehrte, die man ihr aufzwingen wollte. Du warst vernünftig und bist bewacht worden von einem Wahnsinnigen. Nun aber wollen wir leben!«

Es war, als wenn ein frischer Lebensquell in ihr aufgesprungen wäre; in der Stunde, da sie auf der Schwelle des Todes gestanden und ihr Gatte sie ins Leben zurückgerissen hatte, war sie zur Lebensgefährtin ihres Mannes gereift.

Sie betraten das Schloß.

An den Wänden hingen die zerschmetterten Spiegel, das Glas bedeckte noch jetzt den Fußboden, Annas Schlafgemach stand noch in der Unordnung, in der es sich befunden hatte, als sie damals das Schloß verließ – ein Bild der Verwahrlosung und Verwüstung.

Anna blieb stehen und faßte ihren Gatten an beiden Händen.

»Eberhard,« sagte sie, »wir müssen zu einem Entschluß kommen. Dein Vater hat dir den alten Diener vermacht; er hat geglaubt, dir einen Segen damit zu bereiten – du hast erfahren, was es gewesen ist. Siehst du, wie soll ich's dir sagen, ich meine, man kann nur leben, wenn sein Leben einem gehört; und dein Leben hat dir bis heute nicht gehört. Du hast es wie ein Erbteil empfunden, das zur Hälfte dir, zur andern Hälfte deinen Vorfahren gehörte. Komm und laß uns überlegen, wie wir's anfangen, daß wir nun wirklich unser eigenes Leben leben.«