»Aengstigen Sie sich nicht,« sagte er, und das Wort kam feierlich aus der Tiefe seiner Brust; in seinen Augen war ein flammendes Leuchten.
Die beiden alten Leute sahen ihn ganz verdutzt an, machten eine verlegene Verbeugung und zogen sich in das Nebenzimmer zurück.
Anna stand noch immer, wo sie gestanden hatte. Als sie sich jetzt mit ihm allein sah, überkam sie die Angst so heftig, daß sie sich nicht mehr zu raten und zu helfen wußte. Sie zog ihr Taschentuch hervor, drückte es an die Augen und fing an zu weinen. Der Baron stand einige Schritte von ihr entfernt und sah ihr schweigend zu.
»Bin ich Ihnen so schrecklich?« fragte er endlich. Der Ton klang wieder so sanft und herzlich, daß sie einigermaßen zu sich selbst kam. Sie steckte das Tuch in die Tasche und schüttelte leise das Haupt.
»Denken Sie denn gar nicht mehr an gestern?« fuhr er fort. »Gestern abend waren Sie doch so – so lieb und gut, denken Sie denn gar nicht mehr daran?«
Er war zu ihr herangetreten und hatte sie an beiden Händen erfaßt; Anna fühlte, wie behutsam er sie berührte, trotzdem vermochte sie noch nicht, das Gesicht zu ihm zu erheben.
Er behielt ihre Hände in den seinigen.
»Gestern abend,« sagte er, »bin ich so glücklich gewesen, und darum bin ich heut so früh wiedergekommen. Bitte, seien Sie doch nicht böse darum. Wenn Sie sich auch vor mir fürchten, dann habe ich ja niemand mehr.«
Seine Stimme war ganz leise geworden.
»Denken Sie doch einmal,« sprach er weiter, »Sie gehen auf der Straße, und indem Sie da gehen, sehen Sie einen Menschen am Wege liegen, dem irgend ein Unglück geschehen ist, und der ruft Sie um Hülfe an. Und Sie könnten ihm helfen, wenn Sie wollten, aber Sie fürchten sich und laufen davon – glauben Sie nicht, daß Sie sich einmal Vorwürfe machen würden, wenn Sie dann erfahren, daß der Mensch zu Grunde gegangen ist?«