Der Jubel da draußen, den dieses Schauspiel hervorrief, artete zu einem wahrhaft höllenmäßigen Lärm aus, und in den Lärm mischte sich das Zetergeschrei des kleinen Mädchens, das jetzt auch herangekommen war und sich, unter strömenden Thränen, bemühte, den Bruder zu befreien, der prustend, selbst wie ein kleiner Schneemann aussehend, unter der Lawine hervorgekrochen kam.

In diesem Augenblick jedoch erscholl ein Laut, der sowohl den Freudenlärm wie das Zetergeschrei jählings verstummen machte. Auf dem Balkon seiner Wohnung, der sich über dem Hauseingange befand, war der alte Graumann erschienen. Und mit einer Stimme, die wirklich furchtbar, wie die eines angeschossenen Bären, klang, brüllte er in den Kampf hinunter.

»Ihr Schlingel, Ihr infamen,« schrie er zu den Jungen hinüber, die draußen am Stacketenzaun standen, »was macht Ihr da? Wollt Ihr gleich Euren Köter fortrufen, Euren verfluchten!«

Die Erscheinung des alten Mannes, der sich, blauroth vor Zorn im Gesicht, über die Brüstung des Balkons gebeugt hatte, und der Ton seiner Stimme wirkten so erschreckend, daß für einen Augenblick allgemeine Stille eintrat und die von Winterluft und Aufregung glühenden Gesichter der Knaben erblaßten. Dann aber, von den beiden Rädelsführern ausgehend, erhob sich ein höhnisches Flüstern und Kichern, »der olle Graumann! der olle, verdrehte Graumann!« Ob das Gekicher bis zu ihm hinauf drang, vermag ich nicht zu sagen; jedenfalls aber richtete sich der Alte plötzlich auf, und indem er die Glasthür des Balkons schmetternd hinter sich zuwarf, verschwand er im Innern seiner Wohnung. Kaum eine Minute darauf kam er durch die Hausthür unten wieder zum Vorschein, eine große Lederpeitsche in den Händen, mit der er sich sofort, unter wüthenden Hieben, auf den Bernhardiner stürzte. Der Hund stieß ein klägliches Geheul aus, und mit eingezogenem Schweif floh er rund um den Garten, von dem alten Graumann unablässig verfolgt.

Aus dem, was als ein Spaß begonnen hatte, schien jetzt bitterböser Ernst werden zu wollen. Die Jungen draußen, namentlich die beiden Besitzer des Bernhardiners, geriethen auch ihrerseits in eine wilde Erregung, und als der Alte jetzt dicht am Stacket vorbei kam, schrie ihn der eine der beiden Buben, indem er wüthend beide Fäuste ballte, kreischend an: »Herr Graumann, ich werde es meinem Vater sagen, wenn sie unseren Hund schlagen! Sie dürfen unseren Hund nicht schlagen, Herr Graumann! Und ich werde es meinem Vater sagen!«

Der alte Mann blieb jählings stehen, und mit einer schweren Bewegung drehte er das Gesicht zu dem Jungen herum. »Deinem Vater wirst Du es sagen? Du rotznäsiger, frecher, infamer Schlingel! Erst werde ich mit Dir ein Wort sprechen, Du –« und mit den Worten griff er über den Zaun hinweg, nach dem Kragen des Jungen, der sich nur durch einen schnellen Sprung vor dem Griffe zu retten vermochte.

»Ihr Canaillen,« donnerte der Regierungsrath, indem er dicht an den Zaun herantrat, »das, was Ihr verdient, das ist die Karbatsche!«

Er schwang auch wirklich die Peitsche empor, als wenn er mitten unter die Knabenschar hineinhauen wollte, und bei der Aufregung, in der er sich befand, würde er sein Vorhaben sicherlich ausgeführt haben, wenn nicht in diesem Augenblick eine Frauenstimme ertönt wäre, die seinen erhobenen Arm langsam niedersinken ließ. Es war die Mutter der beiden »Rangen«, die heraus gekommen war, ihre Söhne von der Eisbahn abzuholen, und die sie nun hier in einem solchen Conflict vorfand.

»Aber Herr Regierungsrath« – die ohnehin energische Stimme der Dame klingelte förmlich in gellender Erregtheit –, »ich würde es doch nicht für möglich gehalten haben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, daß Sie auf offener Straße mit der Peitsche nach meinen Knaben schlagen!« Der alte Graumann verneigte sich mit höhnischer Beflissenheit, indem er die grüne Sammetkappe lüftete, die er auf dem Kopfe trug: »Und ich würde es nicht für möglich gehalten haben, gnädige Frau, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, daß sich Ihre Musjehs von Söhnen auf offener Straße wie Strolche und Einbrecher benehmen würden.«

»Wie – Einbrecher?« Die Dame brachte es beinah mit einem Schrei hervor, indem sie fragend die Augen auf ihre Jungen richtete. Jetzt drängten sich diese an die Mutter, und indem der Rückschlag der bisherigen Aufregung eintrat, brachen sie in Thränen aus. »Es haben welche einen Schneemann gebaut,« berichteten sie, »und ihm eine Mütze aufgesetzt, und die Mütze ist heruntergefallen, und dann ist Nero über den Zaun gesprungen und hat die Mütze apportirt.«