Eine sonderbare Begebenheit bot den Anlaß dazu:

Vom Nachmittagsspaziergang zurückkehrend, ging ich den hohen Damm entlang, der die Straße der Vorstadt, in deren Zeile die Wohnung des Regierungsraths lag von tief gelegenen Wiesen auf der anderen Seite trennte. Der vorüberfließende Strom überfluthete das flache Gelände; die Wiesen bildeten das Schlittschuhlaufgebiet der Stadt. An jenem Tage lag tiefer Schnee; die Eisbahn aber war glatt gefegt und wimmelte von fahrendem Volk.

Das Haus, in welchem der alte Graumann wohnte, lag etwas von der Straßenflucht zurückgerückt; ein Vorgarten befand sich davor, und in diesem Vorgarten sah ich, indem ich näherkam, zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, damit beschäftigt, einen Schneemann zu bauen. Je lauter von der Eisbahn her das Gewirr und Gelärm vergnügter Stimmen ertönte, um so stiller ging es auf dieser Seite zu, wo die beiden Kleinen, offenbar armer Leute Kinder, emsig und wortlos ihrem Werke oblagen.

Der weiße Mann war schon so ziemlich fertig; zwei Kohlenstücke waren als Augen in seinen Kopf gesteckt; mit schwarzer Kohle war ihm eine Nase und ein Mund gezeichnet, und aus dem Munde ragte, eine Cigarre andeutend, ein Stück Holz. Aus dem Hause wurde ein Besen geholt und ihm in den linken Arm gegeben. Und nun schien das Werk vollendet. Brüderchen und Schwesterchen standen bewundernd davor. Nur eins noch fehlte; Meister Schneemann hatte noch keine Kopfbedeckung. Eine flüsternde Berathung der Geschwister, und dann lief der Junge abermals ins Haus, um das fehlende Bekleidungsstück zu holen.

Im Augenblick aber, als er den Platz verließ, erschien von der Eisbahn her eine Schar von Knaben, die Schlittschuhe über den Arm gehängt, in ihrer Mitte, gewissermaßen den Kern bildend, zwei auffallend hübsche, aber dreist blickende, dunkeläugige und dunkellockige Burschen von etwa elf oder zwölf Jahren, die Jedermann in der Stadt kannte, weil es die Söhne eines der reichsten und angesehensten Kaufleute des Orts und einer überaus zärtlichen Mutter waren, »die die Rangen«, wie man sich in der Stadt zuflüsterte, »kolossal verzog«. Immer sah man die Beiden zusammen und als Dritten im Bunde stets einen großen, gelb-weißen Bernhardiner, den der Vater ihnen geschenkt hatte, und der sie auf Schritt und Tritt begleitete. Auch heute war der Hund mit ihnen auf der Eisbahn gewesen, und mit der dicken Schnauze im Schnee wühlend trabte er der Schar voraus.

Sobald nun die Jungen den Damm erstiegen hatten und des Schneemanns drüben ansichtig geworden waren, entstand ein jauchzendes »Halloh«, und im nächsten Augenblick war der ganze Schwarm vom Damm herab, über die Straße hin, am Stacketenzaun des Vorgartens, mitten unter ihnen der Bernhardiner, der sich auf den Hinterbeinen aufgerichtet hatte und die Vorderpfoten auf den Zaun aufstützte.

Anfänglich begnügte man sich damit, den Schneemann, der einige Schritt weit vom Stackete entfernt stand, schweigend zu bewundern; bald aber wurde das langweilig, und die beiden Anführer griffen in den Schnee, machten sich Schneebälle, die Anderen folgten ihrem Beispiel, und im nächsten Augenblick eröffnete sich ein Bombardement von Schneebällen auf den weißen Mann.

»Nicht schmeißen! Nicht kaput machen!« schrie das kleine Mädchen, das allein auf dem Platze war, aber ein höhnendes Gelächter erstickte ihren Ruf, denn gerade jetzt hatte ein wohlgezielter Wurf die Cigarre aus dem Munde des Schneemannes geschleudert, und im nächsten Augenblick hatte er nur noch ein Auge.

Jetzt kam der kleine Bruder aus dem Hause zurück. Von der Schwester, die schon nah am Weinen war, auf das Unheil aufmerksam gemacht, das ihrem Kunstwerk drohte, besann er sich nicht lange, steckte dem Schneemann wieder die Cigarre in den Mund, das ausgeschossene Kohlenauge wieder in den Kopf, stülpte ihm die alte, große Mütze, die er mitgebracht hatte, auf den Kopf; dann griff auch er in den Schnee, und klatsch – hatte der eine von den Angreifern einen Schneeball mitten im Gesicht.

Das gab dem »Ulk« eine neue Wendung; ein Schneeballkampf entstand, und es dauerte nicht lange, so war der arme kleine Bursche da drinnen im Vorgarten so mit Würfen und Schüssen zugedeckt, daß er mit dem Schwesterchen, das er an der Hand nahm, bis an die Hausthür flüchten mußte; für den Schneemann gab es nun keine Rettung mehr; das ausdrucksvoll gemalte Gesicht war bald nur noch eine unförmliche Masse, und alle Anstrengungen der Angreifer richteten sich darauf, ihm die Mütze, die immer noch nicht herunter wollte, vom Kopfe zu schießen. Endlich war »der große Wurf gelungen«, ein Schneeball hatte die Mütze getroffen, ein zweiter, dritter schlug an der gleichen Stelle ein; ein Triumphgeschrei erhob sich, und in das Geschrei der Knaben mischte sich das tiefe, vergnügte Gebell des Bernhardiners. Der Hund wollte auch dabei sein und sollte es auch. Im Augenblick, als die Mütze vom Kopfe des Schneemanns herabglitt, packte einer von den beiden wilden Burschen den Bernhardiner am ledernen Halsband, und indem er auf die Mütze zeigte, die dunkelfarbig vom weißen Schnee abstach, rief er: »Allons, apporte, Nero! Apporte!« Mit gellendem Jubel wurde der Gedanke aufgenommen; »apporte, Nero, faß' Nero!« Der Hund, von allen Seiten angefeuert, gebärdete sich wie rasend und machte die verzweifeltsten Anstrengungen, über den Stacketenzaun hinüber zu kommen. »Wir müssen ihm helfen,« hieß es; sämmtliche Knaben vereinigten ihre Hände unter dem Leibe des Hundes, und indem sie das schwere, mächtige Thier emporhoben, verschafften sie ihm die Möglichkeit, hinüber zu gelangen. Ein letztes, aufgeregtes Geblaff, und dann, halb selber springend, halb geschleudert, flog der Bernhardiner über den Stacketenzaun in den Schnee des Vorgartens, in dem er sich überschlug. Im nächsten Augenblick stand er hochaufgerichtet an dem Schneemann, in den er seine breiten Pfoten einschlug, während er mit dem Maule nach der Mütze schnappte, die auf der Schulter des Schneemanns liegen geblieben war. Jetzt aber, aller Furcht vor etwaigen Schneebällen vergessend, kam der kleine Junge wieder nach vorn gerannt. Die Mütze war offenbar die eines erwachsenen Mannes, wahrscheinlich die seines Vaters, die er sich, während der Vater außer Haus war, eigenmächtig geholt hatte. Wenn sie in den Zähnen des Hundes entzwei ging, standen dem kleinen Kerl die bedenklichsten Folgen in Aussicht. In voller Verzweiflung warf er sich daher dem Hunde entgegen, um die Mütze zu retten. Aber es war zu spät; der Hund hatte sie schon gepackt, und nun griff der Junge zu, um sie dem Thier wieder zu entreißen. Ein Ringkampf entstand zwischen beiden, zum brüllenden Ergötzen der Burschen draußen, die vor Entzücken über ihr gelungenes Thun jauchzten und quietschten. Der Bernhardiner, nicht bösartig von Natur, aber tollpatschig, wie solche große Hunde sind, mochte glauben, daß der Knabe mit ihm spielen wollte; je mehr der Gegner an der Mütze zog, um so fester packte er sie mit den Zähnen. Beide Kämpfer drängten sich in den Schneemann hinein; der Schneemann kam ins Wanken, und plötzlich, wie ein Schneeberg, fiel er über sie, beide für einen Augenblick unter seiner Masse begrabend.