Ein Geknurr war die Antwort gewesen. »Glaub' ich selber. Habe Ihnen ja den Brief gezeigt; haben es gehört, wie's Einem geht, wenn man den Menschen die Wahrheit sagt, daß sie Neidhämmel sind. Zum Hause schmeißen sie Einen 'raus. Denn sie fühlen, daß man recht hat, und weil sie's fühlen, wollen sie's nicht Wort haben. Natürlich. Wenn man unter Kranken steckt, darf man von der Krankheit nicht sprechen; ist nicht angenehm, wenn man daran erinnert wird. Denn krank sind die Menschen allesammt, und ihre Krankheit, wissen Sie, wie die heißt? Der Neid.«

»Es wird doch aber Ausnahmen geben,« hatte Herr Kurzer einzuwenden gewagt; aber ein Lachen – »Sie wissen ja, so ein recht höhnisches, beinahe teuflisches« – war von dem alten Graumann gekommen. »Ausnahmen« – und damit hatte er sich wieder zu seinem Burgunder gesetzt, »wie soll's denn Ausnahmen geben, wenn die ganze Welt aufgebaut ist auf dem verfluchten Gesetz: Seid neidisch auf einander! Was einem Andern gehört, gehört nicht mir; und daß es nicht mir gehört, sondern einem Andern, das ist nicht recht, und darum ist der Andre mein Feind. Das ist die Weltordnung, diese – diese famose, von der die Prediger von den Kanzeln erzählen. Haben Sie's einmal angesehen, wenn man Spatzen füttert? Da werfen sie einen Brocken hin – surr, ist ein Sperling da. Noch einen Brocken – rutsch, kommt ein zweiter. Was thut der erste? Von seinem Brocken, an dem er herum pickt, läßt er los und fährt über den zweiten her, warum? Bloß damit der andere Spatz nicht auch etwas abbekommt. Die Canaille! Wenn die Menschen so etwas sehen, lachen sie. Schämen sollten sich die Menschen, statt zu lachen, sollten sich sagen, daß sie's genau so machen wie die Spatzen, aber ganz genau! Sind Sie einmal durch einen Wald gegangen? Haben Sie's gesehen, wie das Gestrüpp und das Unterholz aufwächst und sich breit macht zwischen den hohen Bäumen? Sie denken: das macht sich so von selbst, das ist eben die Natur. Jawohl ist's die Natur, aber in der Natur steckt der Teufel. Neidisch ist das Unterholz auf die hohen Bäume und möchte sie am liebsten ersticken. Würde sie auch ersticken, wenn der Mensch sich nicht darüber hermachte und das Unterholz kappte. Ja, der Mensch – dem Gestrüpp gegenüber hat er ein Einsehen, aber wenn man ihm sagt: seht in Euch selber hinein, rodet es aus, was da drinnen bei Euch wächst, das Wucherzeug, die Wasserpest, dann schmeißen sie Einen zum Haus hinaus. Herr Kurzer, ich bin Beamter gewesen, bin lange Zeit Beamter gewesen, viel zu lange. Ich habe es zu nichts gebracht. Nicht einmal das haben sie mir gegönnt, daß sie mir den ›Geheimrath‹ gegeben haben. Warum? Soll ich's Ihnen sagen? Weil ich ein Esel gewesen bin mein Leben lang, ein Dummkopf; weil ich auf meinem Weg immer zur Seite gesehen habe, was sich da neben mir begab, statt daß so ein tüchtiger Beamter, verstehen Sie, so ein Streber, immer mit Scheuklappen seinen Weg gehen muß, immer nur vorwärts sehen muß, vor sich hin und hinauf, damit er hübsch vorwärts kommt. – Aber ich will Ihnen etwas sagen, Herr Kurzer: wenn sie so an mir vorbei avancirt sind, mit so einem halb mitleidigen Lächeln, weil ich immer hinter ihnen geblieben bin, bewundert habe ich sie nicht und beneidet um ihre Orden, mit denen sie klunkerten, auch nicht. Denn in meiner Dummheit bin ich klüger gewesen als sie und habe etwas gewußt, was sie Alle nicht gewußt haben, daß sie krank sind, Einer wie der Andere, neidisch, der Eine auf den Anderen, und weil ich nichts gewollt habe, bin ich nicht neidisch gewesen.«

Und nach diesen Worten war der Herr Regierungsrath wieder stumm geworden, hatte vor sich hingesehen und dann mit einer Stimme, »gerade als wenn er aus dem Grabe heraus spräche«, gesagt: »Ich habe es mir abgewöhnt.«

Was er damit hatte sagen wollen, vermochte Herr Kurzer nicht anzugeben. Es hatte so ausgesehen, als wenn sich der alte Mann an etwas erinnerte, an etwas, das vor langer Zeit einmal geschehen war, vielleicht damals, als er noch ein Kind war; denn plötzlich war er dann auf die Kinder gekommen.

»Ja, die Kinder,« hatte er wieder angefangen, »wenn man solch ein Kind ansieht – es ist doch so etwas Schönes. Das glaubt noch an einen ›lieben Gott‹, weiß noch nichts von all' dem Dreck, durch den man patschen muß, wenn's nachher ins Leben geht, Streberei, Kriecherei, Heuchelei, und wie die Teufelseier alle heißen. Und sehen Sie, Herr Kurzer« – und dabei hatte er den Arm des Herrn Kurzer zwischen seine Finger gepreßt, als wenn er ihm den Knochen zerdrücken wollte – »sehen Sie, Herr Kurzer, neidisch ist das darum doch. So ist der Mensch! Neidisch sind solche Würmer auf einander auch schon! Schenkt man Einem was, so sieht's nicht auf das, was es bekommen hat, sondern nach dem, was das Andere gekriegt hat; und wenn ihm das schöner erscheint und besser gefällt, dann geht der Teufel in ihm los. Das, was ich nicht habe, das gerade möchte ich bekommen haben. Und da sitzt man nun vor solch einem kleinen Geschöpf, solch einem armen, kleinen Ding und sieht, wie das Gift in ihm zu kochen anfängt, und wie das Pflänzchen krank wird, weil es die Krankheit eingesogen hat und angeerbt, die aus dem Boden kommt, aus dem es wächst, der Welt, die so schön eingerichtet ist, der – der schlechten, schändlichen, verfluchten Welt! Und über das Alles sieht man in die Zukunft hinaus, wenn das Kinderpflänzchen einmal ausgewachsen sein wird und ein Strunk geworden sein wird, ein dicker, grober, knotiger Strunk. Dann wird es gerade sein wie all' die Strünke, die vor ihm gewesen sind, so hart, daß man Andere damit todtschlagen kann. Und das Alles muß man mit ansehen und kann nichts thun, es zu ändern; denn wenn man es ändern will, dann kommen die Erwachsenen und schmeißen Einen zum Hause hinaus. Sie haben den Brief gehört, Herr Kurzer – schmeißen Einen zum Hause hinaus!«

Ueber diesem Gespräch, berichtete Herr Kurzer, war es mittlerweile spät geworden, der Weihnachtsabend angebrochen. Durch das Kellerfenster hindurch sah man in dem gegenüberliegenden Hause bereits einen flammenden Lichterbaum. Da hinüber hatte der Herr Regierungsrath gesehen, mit einem Ausdruck im Gesicht, meinte Herr Kurzer, daß man recht gefühlt hätte, was für ein einsamer alter Mann er eigentlich war. Dann hatte er gesagt: »Sie werden nun wohl auch Ihren Keller zuschließen und bei sich zu Hause aufbauen wollen, Herr Kurzer; darum will ich nur gehen.« Und damit war er aufgestanden, und Herr Kurzer hatte ihm geholfen, den Mantel anziehen. Und als er schon den Mantel angezogen und den Hut in der Hand hatte, war er noch einmal stehen geblieben und in Gedanken versunken.

»Weil ich jetzt also den Kindern nichts mehr schenken soll,« hatte er gesagt, »will ich Ihnen etwas lassen, Herr Kurzer. Wenn Sie wollen, können Sie's wegschmeißen: Erfahrung, Herr Kurzer! Darauf, daß der Mensch Erfahrung macht, darauf kommt es an!« Und indem er so sagte, hätte der Herr Regierungsrath die Hand, darin er den Hut hielt, emporgehoben und ausgesehen – »gradezu feierlich,« meinte Herr Kurzer.

»Man muß etwas erlebt haben, Herr Kurzer, und das, was man erlebt hat, behalten. Aber nicht im Kopf, verstehen Sie, sondern da, da drinnen im Herzen. Ein Herz muß man haben, das sich erinnern kann. Und daran eben fehlt es bei den Menschen; denn wenn man etwas aufbewahren soll, dann muß man einen Raum haben, wo man es hineinthun kann; wenn man sein Leben mit sich tragen soll im Herzen, muß man ein Herz haben, wo Platz dafür da ist. Und das eben haben die Menschen nicht, sondern ihre Herzen sind wie flache Teiche, wo ihre Strebergedanken drin herumschwimmen wie gierige Fische mit dummen Glotzaugen, die nichts Anderes denken können, als daß sie danach umhersehen, ob nicht irgendwo ein Brocken herunterfällt, den sie aufschnappen können. Nein, Herr Kurzer, nicht wie ein Teich muß das Herz des Menschen sein, sondern wie das Meer. Sind Sie schon einmal am Meere gewesen, Herr Kurzer? – Da werden Sie gesehen haben, daß das Meer nicht die Farbe annimmt von dem Tage, der grade darüber scheint, sondern daß es seine Farbe für sich hat, und daß die Farbe immer bleibt, einen Tag wie alle. Woher erklären Sie sich denn, daß das kommt? Das will ich Ihnen sagen; es kommt daher, daß das Meer immerfort den ganzen Himmel widerspiegelt, bei Tag und bei Nacht, Sonne, Mond und Sterne, heute hell und morgen dunkel, und das Alles, was da immer von oben hinuntersieht, bleibt aufbewahrt in dem tiefen Meere, und davon bekommt das Meer seine gleichmäßige Farbe. Ist der Himmel, der darüber liegt, wie das bei uns da oben im Norden zu sein pflegt, meistens grau, so wird auch das Meer grau; ist er hell und blau, wie da unten im Süden, wird auch das Meer blau. Und so wie mit dem Meere, sehen Sie, so ist es mit den Herzen der Menschen. Denn was der Himmel für das Meer, das ist das Leben für den Menschen, das immer über ihm liegt mit seinen Erlebnissen und Erfahrungen und Schicksalen. Nicht immer nur den heutigen Tag muß man in sich hineinschlucken, sondern alle Tage müssen dem Menschen gegenwärtig sein, die er schon gelebt hat. Und nicht immer zappeln und streben muß man nach dem, was morgen etwa kommen wird, sondern erinnern muß man sich, erinnern, erinnern! Aber damit man sich erinnern kann, dazu gehört, daß man eben ein tiefes Herz hat, so tief wie das Meer. Und daran eben fehlt es bei den Menschen. Und wenn sie solche Herzen hätten, dann stände es besser um die Welt; dann würden sie eine Ahnung davon bekommen, was das eigentlich sagen will, wenn es heißt, daß vor Gott hundert Jahre sind wie ein Tag. Denn das ist ein merkwürdiges Wort, Herr Kurzer, viel merkwürdiger, als die Menschen es sich träumen lassen, die es gar nicht verstehen. Einer hat es einmal verstanden, und das ist der alte Apostel Johannes gewesen, von dem ich Ihnen gesagt habe. Als der alt geworden ist, sehen Sie, da hat Alles vor ihm gelegen, was er jemals erlebt hatte, an sich und an Anderen. Und weil er ein alter Mann geworden war, der sich tragen lassen mußte und wahrscheinlich auch nicht viel mehr sprechen konnte, hat er bei sich überlegt, wie er Alles das, was er gesehen und mitgemacht und erlebt hatte, in ein einziges Wort zusammendrücken könnte, das sie alle verständen, und da hat er kein besseres gefunden, als das, was ich Ihnen gesagt habe: ›Kinder, liebet einander‹. Und er hätte auch kein besseres finden können; denn damit hat er Alles gesagt, was den Menschen noth thut, und was sie heilen kann von ihrer niederträchtigen Krankheit, und es ist wirklich ein schönes Wort gewesen, ein schönes, schönes.«

Und damit hatte der Herr Regierungsrath den Hut auf den Kopf gesetzt und war hinausgegangen, und es hätte ausgesehen, meinte Herr Kurzer, als hätte er vergessen gehabt, daß Herr Kurzer oder sonst noch Jemand auf der Welt gewesen wäre.

Möglicher Weise war es bald nach dieser Unterhaltung des alten Graumann mit dem Weinhändler Kurzer, jedenfalls in einem Winter, als ich seine nähere Bekanntschaft machte.