»Das habe ich gesehen! Mit meinen eigenen Augen gesehen!«
»Herr Regierungsrath,« – wiederholte die Dame, und sie bemühte sich, ihren Worten den scharfen und kühlen Ton zu geben, mit dem man im Weltverkehr Ungebildeten den Unterschied zwischen ihnen und den Gebildeten klar macht, »Ihren Behauptungen stehen die Worte meiner Söhne entgegen, und meine Söhne lügen nicht.«
Der Alte ließ sein bekanntes, beinah teuflisches Lachen hören. »Vielleicht interessirt es Sie, gnädige Frau« – und er machte abermals seine höhnische Verbeugung –, »zu erfahren, daß Ihre Herren Söhne lügen wie gedruckt.«
»Sie irren sich! Meine Söhne lügen nicht, Herr Regierungsrath!« Das Taschentuch wurde aus dem Pelzmuff gerissen und fuchtelte in zuckenden Bewegungen in der Luft herum. Der alte Graumann trat so nahe an den Stacketenzaun heran, als er vermochte. »Gnädige Frau,« – und er bohrte die großen, runden, glühenden Augen in das aufgeregte Gesicht der Frau, – »Sie hören, daß ich es Ihnen sage, und ich bin ein alter Mann, und« –
»Und das sind meine Söhne, und meine Söhne sind anständiger Leute Kind und lügen nicht, und Sie –« die Stimme der Frau, die beinah zum Ueberschnappen gestiegen war, brach ab.
»Und ich?«
»Und Sie – Sie müssen mir das nicht übel nehmen, Herr Regierungsrath, alle Welt weiß das – Sie – sind ein aufgeregter alter – Mann.«
In diesem Augenblick trat ich heran. Ich hatte den Wortwechsel vom ersten bis zum letzten Worte mit angehört. Ein Gefühl sagte mir, daß ich eingreifen mußte, wenn etwas Unangenehmes auf offener Straße vermieden werden sollte.
»Erlauben Sie einem Unparteiischen das Wort, gnädige Frau, der, vom Zufall geführt, den Vorgang von Anfang bis zu Ende mit angesehen hat.«
Die Augen aller Kriegführenden richteten sich in überraschtem Schweigen auf mich.