»Ich habe den Vorgang, wie gesagt, in allen Einzelheiten verfolgt und muß bestätigen, daß es sich genau so zugetragen hat, wie Herr Regierungsrath Graumann gesagt hat. Der Hund ist nicht von selbst gesprungen; die Knaben haben ihm mit eigenen Händen über den Zaun geholfen und ihn auf die Mütze gehetzt, die der Schneemann auf dem Kopfe trug.«
Eine Stille trat nach diesen Worten ein, als wenn eine Granate geplatzt wäre und Alles sich umsähe, wer verwundet und todt und wer noch am Leben sei. Dann, mit einem Griff, faßte die lautlos gewordene Mutter ihre beiden Söhne an der Hand, drehte sich herum, daß die Schleppe ihres schwerstoffenen Kleides wie ein zorniger Drachenschweif durch den Schnee fegte, und ohne Wort und Gruß, nicht einmal mit einem Kopfnicken, trat sie mit ihren Jungen den Rückzug nach der Stadt zu an. Der alte Graumann sah ihr nach, öffnete die Thür des Gartenzauns, jagte den Bernhardiner, der sich immer noch hinter ihm herumdrückte, zum Garten hinaus, und dann, als er sah, daß auch ich meines Wegs gehen wollte, streckte er mir über den Zaun die Hand hin.
»Bitte, kommen Sie doch herein.«
Ob es nur mein Dazwischentreten in seiner Streitsache oder was es sonst war, das ihn zu der Aufforderung veranlaßte, ich weiß es nicht. Ebenso wenig war ich mir klar darüber, was ich bei ihm sollte und wollte; aber der tiefe Klang seiner Stimme, die von der Aufregung heiser geworden war, hatte etwas Gebieterisches. Ich trat ein.
Im Vorgarten standen die beiden Kleinen, dicht an einander gedrückt, die Mütze in Händen, auf die sie unter stummen Thränen niederblickten. Der alte Graumann nahm ihnen die Mütze aus der Hand. »Hm! Ist wohl kaput gegangen?« fragte er.
»Es is Vatern seine,« erwiderte schluchzend und stockend der kleine Junge, »und wenn Vater nach Haus kommt –« »Dann gibt's Prügel!« ergänzte der alte Graumann, indem er sich zu mir wandte. Er klopfte dem Jungen den Schnee ab, der noch immer, wie ein weißer Ueberzug, an seinem Rock und in seinen Haaren klebte. »Ihr hättet die Mütze von Eurem Vater nicht zu so etwas gebrauchen sollen,« sagte er, indem er sich zu den Kindern niederbeugte; »denn was für die Menschen ist, das ist doch nicht für die Schneemänner, nicht wahr?« Er stand zwischen den Beiden, indem er sie mit dem rechten und dem linken Arme an sich drückte. »Aber laßt nur jetzt das Weinen sein,« fuhr er fort, »Ihr seid nicht schuld dran, daß die Mütze entzwei gegangen ist, das werde ich Eurem Vater sagen, und dann werde ich Vatern eine neue Mütze kaufen, und dann ist Alles wieder gut, und er wird Euch nichts thun.«
Er war mit den Kleinen in das Haus eingetreten. Zu ebener Erde befand sich die Wohnung, in der die Kinder mit ihren Eltern wohnten. Er klopfte; Niemand gab Antwort. Die Thüre war nicht verschlossen; er öffnete, und hinter ihm stehend blickte ich in die leere, ärmliche Behausung.
»Ist denn Eure Mutter nicht zu Hause?« fragte der alte Graumann.
»Mutter is auf Wäsche in die Stadt,« gab das kleine Mädchen mit dünner, piepsender Stimme zur Antwort. Der alte Graumann ließ den Kopf niederhängen, und dann, mit der eigenthümlichen schweren Bewegung, die ich vorhin an ihm wahrgenommen hatte, drehte er das Gesicht zu mir herum; in seinen Augen brannte wieder das finstere Glühen, das ich an ihm kannte. »Sehen Sie,« sagte er mit unterdrücktem Laut, »so ist es nun. Solche Lümmel –« und er deutete mit dem Kopfe nach der Stadt zu –, »das geht nach Hause, und zu Hause zieht ihnen die Frau Mama trockene Stiefel an und trockene, warme Kleider, und dann, statt der Karbatsche, die sie verdient hätten, gibt's Kaffee oder Thee oder womöglich Choc'lade, und das hier muß in die alte, finstre Kabache kriechen, wo nicht Vater und Mutter und Niemand auf sie wartet, und Niemand ihnen einen anderen Rock gibt, und einen Schluck Warmes, und womöglich nachher noch Prügel.«
In diesem Augenblicke trat, den Schnee von den Füßen trampelnd, zur Hausthür die Wirthschafterin des Regierungsraths herein, die von ihren Nachmittagsbesorgungen kam. Ein Freudenschein ging über das Gesicht des alten Graumann.