»Sie kommen zur rechten Zeit,« sagte er. »Nu mal gleich hinauf und Kaffee gekocht! Aber ordentlich, eine ganze große Kanne voll! Hier sind zwei Herrschaften, die welchen haben wollen. Nicht wahr, meine Herrschaften? Wir wollen Kaffee haben?« Dabei faßte er die Kleinen unters Kinn und hob ihre blassen, verfrorenen Gesichter empor. Die beiden Kinder sahen ihn mit aufgerissenen Augen staunend an. »Und dann zum Bäcker,« fuhr er zu der Wirthschafterin fort, »oder vielmehr nicht zum Bäcker, zum Conditor, über die Brücke, an der Ecke, Sie wissen ja, und Kuchen geholt, für eine ganze Mark; da haben Sie eine Mark. Hier sind zwei Herrschaften, die Kuchen haben wollen. Nicht wahr, meine Herrschaften, wir wollen Kuchen haben?« Wieder wurden die beiden kleinen Gesichter emporgehoben. Der Bruder sah die Schwester, die Schwester den Bruder an. Dann richteten sich beider Augen auf den unbegreiflichen alten Mann, und ein schüchtern-verschämtes, beinahe mißtrauisches Lächeln stieg in den Gesichtern auf und färbte ihre Wangen mit leiser Röthe. War es ein Traum, was sie erlebten? War das »der alte, böse Regierungsrath«, von dem man im Hause nur flüsternd sprach, weil das ganze Haus sich vor ihm fürchtete? Der alte Graumann hatte den Ausdruck in den Kindergesichtern bemerkt. Er winkte der Wirthschafterin, daß sie sich auf den Weg machen sollte, dann drehte er sich wieder zu mir herum.

»Sehen Sie,« sagte er halblaut, »so ist das nun mit dem Menschen. So verprügelt, daß er es gar nicht glauben kann, daß man ihm einmal was Gutes thun will. So trampeln sie auf einander herum, diese Menschen, diese Canaillen; so läßt Einer den Andern neben sich verkommen und erfrieren, bis daß er ein Eiszapfen wird!« Plötzlich trat er wieder auf die Kleinen zu. »Seid Ihr Schneemänner? Nein, Ihr seid doch keine Schneemänner. Seid Ihr kleine Menschen? Ja, Ihr seid doch Menschen! Das wißt Ihr doch, daß Ihr Menschen seid?« Die Kinder brachten keinen Laut hervor; die Freudigkeit war von ihren Gesichtern wie weggewischt. Jetzt, wo er so polternd auf sie einsprach, Dinge, die sie nicht verstanden, war es doch wieder der alte, böse Mann, zu dem sie furchtsam emporschauten.

Der alte Graumann legte seine beiden großen Hände auf die kleinen blonden Köpfe; seine dicken Finger trommelten leise auf ihrem Haar. Es war eine unbehülfliche, beinahe hülflose Bewegung. Was sie Alles zu sagen hatten, die schweren fingernden Hände! Wie wenn Jemand auf einem stummen Klavier spielt, so sah es aus, dem er Musik entlocken möchte, und das keine Töne von sich gibt. Was er Alles zu sagen haben mochte, der alte Mann, der über die beiden Kinderhäupter hin in die Ecke des Flurs starrte, mit einem so in sich versunkenen, so in das eigene Innere gerichteten trostlosen Blick? Ich konnte die Augen nicht von ihm lassen. Was er Alles zu sagen hatte und nicht sagen konnte, weil er in lebenslanger Einsamkeit gewissermaßen die Sprache verlernt hatte, so daß sie nur noch stoßweise, in gewaltsamen Ausbrüchen, beinah im Gebrüll herauskam, den Hörer im Zweifel lassend, ob Haß oder Liebe, Zorn oder Güte aus ihm sprach!

An der Flurwand stand eine Bank, und auf diese ließ der alte Graumann sich niederfallen, indem er die Kinder zu sich heranzog. Er drückte ihre Stirnen an seine Schläfen, zur Rechten den Knaben, zur Linken das Mädchen; zwischen den beiden kleinen Köpfen hing sein großer, grauer, schwerer Kopf herab.

Er sprach zu den Kindern, aber weil diese lautlos blieben und keine Antwort hervorbrachten, war es wie ein murmelndes Selbstgespräch.

»Das ist Dein Bruder? Nicht wahr? Und das ist Deine Schwester? Also seid Ihr Geschwister. Habt Ihr Euch lieb? Ja, nicht wahr, Ihr habt Euch lieb. Alle Menschen müssen sich lieb haben. Aber Geschwister, das ist noch was besonderes, die müssen sich noch mehr lieb haben. Werdet Ihr daran denken? Ja, nicht wahr, Ihr werdet daran denken.«

Er hob das Haupt empor; wieder erschien der dumpfe, trostlose Blick von vorhin. »Geschwister, die sich nicht lieb haben, die kommen in die Hölle.« Und da er nach diesen Worten verstummte, auch Niemand anders sprach, entstand eine Stille, in der das düstere Wort nachzuzittern schien, das er da eben ausgesprochen hatte.

Die Hausthür klappte, die Wirthschafterin kam zurück, mit einer großen Kuchentüte in den Händen. Der alte Graumann erhob sich.

»Jetzt wollen wir Kaffee trinken gehen,« sagte er. Seine schweren Augen gingen zu mir herüber. »Trinken Sie vielleicht auch eine Tasse mit?«

Es würde mir unmöglich gewesen sein, nein zu sagen. »Gern, Herr Regierungsrath,« erwiderte ich. Er hielt mir plötzlich die Hand hin. »Danke Ihnen.« Und ich fühlte meine Hand mit einem Druck erfaßt, wie ich mich eines gleichen kaum zu erinnern vermochte.