Die beiden Kleinen trappelten die Treppe hinauf, uns voraus; wir folgten. Und im nächsten Augenblicke also stand ich in dem geheimnißvollen Raum, den das Gemunkel und Geflüster der Stadt wie die Behausung eines bösen Geistes umschlich.
Einer solchen aber sah die Wohnung keineswegs ähnlich; im Gegentheil. Ich hatte selten eine so zum Verweilen einladende Ausstattung gesehen, und das kam daher, daß die Wände von oben bis unten mit Bildern bedeckt waren. »Kupferstiche« hatte die Wirthschafterin in der Stadt verbreitet, aber ich erkannte, daß es keine Kupferstiche, sondern Radirungen waren, und auf Tischen und Stühlen lagen große Mappen, anscheinend mit ähnlichen, noch nicht eingerahmten Blättern gefüllt.
Der Dämmer, der im Zimmer herrschte, ließ mich zunächst nur einen allgemeinen Ueberblick gewinnen. Erst nachdem die Wirthschafterin die große Hängelampe angezündet und noch mehr Licht gebracht hatte, wurde es mir möglich, das Einzelne genauer zu erkennen. Es waren Alles Stücke von künstlerischem Werth, einige von älteren, die Mehrzahl von neueren Meistern, vorwiegend Landschaften, dann auch ganz phantastische Sachen, mit der zartesten Empfindung, mit dem feinsten Verständniß ausgewählt und zusammengestellt.
So etwas hier in der Stadt, an welcher der große, warme Strom der Kunst vorüberging in weiter, weiter Ferne, kaum vernommen und kaum gesehen! Ich war völlig verblüfft. Als ich mich umsah, stand der alte Graumann hinter mir. Er war unhörbar herangetreten; seine Augen ruhten auf mir.
»Gefallen sie Ihnen?«
»Ja,« versetzte ich; »ich hätte nie geglaubt, daß ich hier am Orte so etwas finden könnte.«
Ein grimmiges Lächeln huschte um seine Mundwinkel, als hätte er sagen wollen: »Das glaube ich«, aber er sagte nichts, sondern ließ den Blick schweigend neben dem meinigen über die Bilder wandern.
»Eine schöne Kunst,« sagte er nach einiger Zeit; »finden Sie auch?«
»Sie meinen – das Radiren?« Er nickte.
»Eine tiefe, stille, einsame Kunst,« fuhr er, wie in Gedanken zu sich selbst sprechend, fort. »Ganz, wie ich mir immer gedacht habe, daß Kunst eigentlich sein muß. So vor seinem Brett sitzen; erst das Bild sich herbeiholen aus seiner Phantasie; dann das Bild ausführen, Strich, Strich nach Strich, so voll Andacht, voll Liebe, voll Liebe. Und darüber Alles vergessen, was da draußen vor unseren Fenstern vorbeiläuft, das ganze Menschenvolk, das da draußen umherstrampelt, in seinen Alltagsgedanken und Eintagsgedanken« – er brach ab.