Es fiel mir ein, was man mir vom Weinkeller des Herrn Kurzer erzählt hatte und von der Figur der Löwenreiterin in dem Keller.
»Herr Regierungsrath üben die Kunst vielleicht selbst aus?« fragte ich.
Ein dumpfes Knurren, beinahe ein Fauchen war die Antwort.
»Wissen Sie nicht, daß ich Beamter gewesen bin? Beamter in Preußen und Kunst machen! Ja! Nicht wahr?« Er schlurfte mit weiten Schritten im Zimmer umher. Dann blieb er stehen. »Wenn ich nicht Beamter gewesen wäre – aber wer's einmal ist, der wird's nicht wieder los. Einmal vielleicht« – Abermals verstummte er, und wieder erschien der schwere, trostlose Blick, den ich schon öfters an ihm bemerkt hatte. Dann schlug er mit der Hand durch die Luft, als wenn er etwas abthun wollte, irgend eine Erinnerung.
»Sie sind Referendar?« fragte er nach einiger Zeit.
»Wollen also auch Beamter werden.« Er zuckte mit den Achseln, er wiegte das Haupt. »Dann darf Ihnen so etwas« – er warf die Hand nach den Bildern hin – »eigentlich gar nicht gefallen. Liegt seitab vom Weg. Gibt's nicht, darf's nicht geben! Scheuklappen an den Kopf und vorwärts und geradeaus! Nicht rechts noch links gesehen! Vorwärts und geradeaus! Immer die Leiter 'rauf! Immer die Leiter 'rauf! Und das ein Lebenlang« – er fing wieder an auf- und abzugehen, und seine Worte verloren sich in einem unverständlichen Gemurmel, das fast wie Grunzen klang.
Inzwischen war der Kaffee fertig geworden. Die Wirthschafterin räumte behutsam die Mappen von dem großen Tische, der in der Mitte des Zimmers stand und setzte die dampfende Kanne, Tassen und Teller auf.
»Jetzt Kaffee, Kinder, Kaffee!« rief der alte Graumann. Er nahm das kleine Mädchen unter die Arme, setzte es auf einen Stuhl und rückte den Stuhl an den Tisch. Desgleichen den Jungen. Die Wirthschafterin schenkte ihnen die Tassen voll.
»Und jetzt einstippen, Kinder!« sagte er. Er schob ihnen den Kuchenteller zu, und als er sah, daß die Kinder zu schüchtern waren zuzulangen, steckte er jedem von ihnen ein Stück Kuchen in die Hand. Nun kam die Sache in Gang. Ich stand in der dunklen Ecke des Zimmers. Plötzlich faßte mich der alte Mann beim Arm. Mit einem Blick, als sollte ich leise sein, deutete er mit dem Kopfe nach dem Tische hin, an dem die Kleinen saßen, ihren Kuchen in den Kaffee tauchten und eifrig und immer eifriger zu essen begannen. Seine Lippen bewegten sich, so leise, daß ich ihn kaum verstand: »Wie das aufthaut! Wie das 'rauskommt aus dem Boden! Wie das Mensch wird!« Als wenn er ein Wunder gewahrte, so blickte er zu den Kindern hinüber. Das kleine Mädchen hatte ausgetrunken. Noch bevor die Wirthschafterin ihm zuvorkommen konnte, war der alte Graumann heran und schenkte ihr die Tasse wieder voll. Dann setzte er sich selbst an den Tisch, den Kindern gegenüber. Das Licht der Hängelampe fiel auf sein Gesicht; sein großes, plumpes Gesicht leuchtete.