Das Recht der Uebersetzung wird vorbehalten.

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.


Neid

An den Ufern der Lahn, oberhalb Ems, nicht weit davon, liegt ein Ort, der sich Arnstein nennt. Ein Bach geht zwischen den Häusern entlang; über den Häusern steigt ein Hügel auf, und auf dem Hügel, weit sichtbar, erhebt sich eine prächtige Kirche.

Einmal, vor Jahren bin ich in der Kirche gewesen.

Ein Bild hängt darin, ich glaube, nur ein einziges; und dieses Bild hat es bewirkt, daß ich die Kirche nie wieder vergessen habe, und den Tag, an dem ich die Kirche besuchte.

Nicht, daß es ein besonderes Kunstwerk gewesen wäre – im Gegentheil, eine mittelmäßige Schilderei, vielleicht aus dem siebzehnten Jahrhundert. Aber der Gegenstand! Ein Mann ist im Brustbilde dargestellt. Der Mann ist unbekleidet; Flammen umlodern ihn, zur Rechten und Linken, mit großen, rothen Zungen, so daß er mitten im Feuer zu stehen scheint. Zwei Schlangen ringeln sich über die Schultern des Mannes, zwei große, dicke Schlangen: die eine hat sich in seine Brust verbissen, da, wo in der Brust das Herz schlägt; die andere sperrt den Rachen auf, um gleichfalls hinein zu schlagen in das unbeschützte Fleisch. Gerade weil man dem Bilde ansieht, daß es dem Maler nicht auf die Malerei angekommen ist, sondern auf den Vorgang, wirkt dieser Vorgang so gräßlich. Mit der einen Hand hat der Mann die beißende Schlange gepackt, als wollte er sie von sich losreißen; aber es hilft ihm nichts; das Unthier haftet fest. Und so muß er aushalten in der Höllenqual. Denn daß es Höllenflammen sind, die ihn umlecken, Höllenqualen, die ihn zerreißen, das sieht man seinem Gesichte an, dem fahlen, aschgrauen, das in Verzerrung dem Beschauer in die Augen blickt. Um den oberen Rand des Gemäldes läuft eine Inschrift, ein Distichon in lateinischer Sprache. Ich kann mich des Wortlautes nicht genau mehr erinnern, nur den Inhalt habe ich behalten: »Der Du mich anschaust und fragst, was mich in diesen Höllenpfuhl gestoßen, wisse, es war der Neid.« Invidia – so lautet das lateinische Wort.