Ein Stöhnen durchschütterte ihn. Wie ein alter Baum sah er aus, den Sturmwind schüttelt, als wenn er ihn brechen wollte.
»Und am nächsten Tage« – aber er vollendete den Satz nicht. Vom Stuhl, auf den er niedergesunken war, sprang er auf. »Aber das kann ich nicht erzählen! Kann ich nicht erzählen!« Im Zimmer stürmte er auf und ab. »Wie er an der Thür stand, an der Thür des Zimmers, wo sie ihn hinein getragen hatten, den Kleinen, in seinem Bett. Wie er hinein wollte und nicht hinein konnte, weil die Thür von innen verriegelt war. Wie er an der Thür klinkte und hinein wollte, mit Gewalt. Bis daß wieder die alte Köchin kam und ihn am Arme nahm und zurückzog und sagte: ›Mach doch keinen solchen Lärm. Es darf ja kein lautes Wort gesprochen werden im Haus.‹ Wie er dann stehen blieb auf dem Flur, immer die Augen auf der Thüre und sein Schluchzen verschluckte und seine Thränen, daß ihm ein Geschmack im Munde wurde und in der Kehle, als wenn er Gift hinunter würgte. Und wie die alte Köchin immer wieder kam und versuchte, ihn von der Stelle fortzubringen und wie er nicht fortzubringen war, sondern auf den Küraß zeigte und den Helm und den Säbel, die er den ganzen Tag nicht aus den Händen ließ, und sagte: ›Ich muß ihm doch seine Sachen wieder bringen, seine Sachen wieder bringen.‹ Worauf dann die Alte sagte: ›Ach laß doch die Sachen; was soll er denn damit? Er weiß ja von nichts mehr etwas.‹ Worauf es ihm erst ganz klar wurde, wie es um den kleinen Bruder stand, und daß er ihn vielleicht nie wieder sehen würde. Und so kam es auch. So geschah es auch. Aber das Alles kann ich nicht mehr erzählen! Was ich keinem Menschen erzählt habe, das habe ich Ihnen erzählt. Aber das kann ich nicht, das können Sie nicht verlangen! Sechzig Jahre lang hat das Alles begraben gelegen da drinnen in mir. Sprechen muß der Mensch. Nicht nur zu sich selbst; wenn er immer nur zu sich selbst spricht, das macht verrückt. Sprechen muß der Mensch zu einem anderen Menschen. Sechzig Jahre lang habe ich keinen gefunden, – Sie sind ein weicher Mensch, ein guter Mensch, ein feiner Mensch, – zu Ihnen habe ich gesprochen. Darum habe ich das Grab aufgebrochen, worin die alten Geschichten liegen, die schrecklichen Geschichten. Nun sind sie wieder wach geworden, die Todten wieder lebendig geworden. Nun ist es wieder da, und ich wieder drin, mitten drin, in der Hölle! In der Hölle! Und das Wort ist wieder da – hier in meinen Ohren – das gräßliche, das er nachher mir gesagt hat, der Mann von Stein, der Mann von Eis – ›Daran, daß Dein kleiner Bruder gestorben ist, daran – bist –‹, und der Schrei ist wieder da, mit dem die Mutter sich dem Manne entgegen warf, als er das sagte – mit einem Gesicht – wie ich es nie an ihr gesehen – so verzerrt, so – so – gar nicht mehr das Gesicht meiner Mutter, meiner sanften, süßen Mutter – wie sie den Arm gegen ihn ausstreckte, ganz lang: ›Es ist nicht Dein Kind nur, sondern meines auch! Und meinem Kinde das Leben vergiften – das sollst Du nicht! das darfst Du nicht! das – das –‹, und wie sie dann – krach – zur Erde fiel, ganz starr, ganz weiß, wie mit einem Schlage, bevor Jemand sie aufzufangen vermochte, – das Alles erzähle ich Ihnen nicht, erzähle ich nicht. Wie soll ein Mensch das erzählen, ein Mensch von Fleisch und Blut, – wie kann er das? Aber zeigen will ich Ihnen – kommen Sie mit –, Ihnen, dem ich Alles gesagt, Ihnen will ich zeigen, was kein Mensch gesehen, – kommen Sie mit.«
Er nahm die Lampe auf, die auf dem Tische stand, und wandte sich nach dem Schlafzimmer. Als er bemerkte, daß dort bereits eine Lampe stand, setzte er jene wieder nieder. »Kommen Sie.« Er schritt mir voran; ich folgte ihm. Indem ich aufstand, fühlte ich, daß mir die Glieder so schwer geworden waren, daß ich Mühe hatte, mich zu erheben.
In dem Schlafzimmer, an der Wand, dem Bette gegenüber, war ein Vorhang von schwerem, dunkelgrünem Stoff. Es fiel mir ein, daß man mir von einem solchen erzählt hatte.
Der Vorhang war geschlossen. Er trat heran, und mit einem Griff schlug er ihn auseinander. Das Licht der Lampe, die unter dem Bilde der beiden Brüder stand, fiel auf die Stelle; an der Wand, im stillen Lichte leise blinkend, hingen die Stücke einer Kinderuniform, einer Kürassieruniform, ein kleiner Helm, ein Küraß, ein Säbel und eine verbogene Trompete, – wie so etwas ausgesehen hatte vor sechzig Jahren.
Keiner Bewegung fähig, wortlos stand ich da. Diese armen, kleinen Ueberbleibsel lang vergangener Zeit, diese Erinnerungszeichen an Dinge und Menschen, von denen auf Gottes weiter Welt nur ein Mensch noch, ein einziger, etwas wußte, – so hatte dieser Mensch sie festgehalten und bewahrt in seinem liebeverlangenden, liebeberaubten, tiefen, unglücklichen Herzen!
Zwischen der Lampe und dem Vorhang, mitten im Zimmer, stand ein Stuhl; auf diesen Stuhl hatte er sich gesetzt, beide Arme auf der Lehne, das Gesicht in die Arme gedrückt, so daß das graue Haupt gerade vor mir war. Eine unwillkürliche Regung erfaßte mich, ich beugte mich nieder und drückte die Lippen auf sein graues Haar. Er blickte nicht auf, er nickte nur, und es sah aus, als hätte er gesagt: »Ja, nicht wahr? Ja, nicht wahr?«
Als ich sah, daß er keine Bewegung machte, aufzustehen, und weil ich fühlte, daß er für heute nichts mehr zu sagen hatte, beugte ich mich zu seinem Ohr. »Lassen Sie mich jetzt gehen,« sagte ich, »aber wenn Sie erlauben, komme ich wieder!« Statt aller Antwort griff er nach meiner Hand, und seine Hand sagte, was sein Mund nicht aussprach: »Komm wieder! Laß mich nicht allein! Komm wieder!«
Geräuschlos verließ ich ihn. Ueber die dunkle Treppe tappte ich mich hinunter. Die Hausthür war geschlossen; ich mußte den Vater der Kinder, durch die ich heute die Bekanntschaft des alten Mannes gemacht hatte, herausklopfen, damit er mir aufschloß. Am Nachmittag war ich gekommen – als ich über die Brücke zur Stadt zurück ging, schlug es von den Thürmen Mitternacht. Tief, dumpf und schwer kam der Klang über das Wasser. Ich blieb stehen. An die Uhr mußte ich denken, von der er mir gesagt hatte, die unsichtbare, die in seiner Seele Schicksal, Schicksal, Schicksalsstunde geschlagen hatte. Ueber das Brückengeländer sah ich hinunter in den winterlichen Strom, auf dessen grauem Rücken die Eisschollen dahin rauschten. Von der Strömung getrieben, stürmten sie, wie ein angreifender Haufen, gegen das Ufer, auf dem die Häuser der Stadt lagen. Aber das Bollwerk stand fest; machtlos prallten sie dagegen, und zerschellend setzten sie ihren Lauf fort. Gegen die Elemente hat der Mensch Schutzwehr und Dämme gefunden – wer schützt den Menschen wider den Menschen? Wer schützt ihn gegen sich selbst? Der Stern, der in Jahrtausenden immer einmal aufgeht aus einem göttlichen Herzen, der heilige Stern, den wir Liebe und Vergebung nennen, wann endlich bleibt er am Himmel, um nicht wieder unterzugehen? Das Wort, das ich heute vernommen hatte, als letzten aus sechzig Jahren qualvoller Erfahrung gekelterten Lebensspruch, wann endlich wird es Gebot für jeden Einzelnen – »Fülle das Herz Deines Nebenmenschen mit Glück?«