Keiner von Allen dachte mehr ans Spielen; Keiner sprach ein Wort. Wie eine Herde von stummen Thieren zogen sie nach der Stadt zurück. Es war ein grauer, nebeliger Wintertag. Kein Strahl von Sonne, auch keine Ahnung davon. Wie sie nun in die Nähe der Stadt kamen und die Stadt vor ihnen lag und der graue Himmel über den Dächern, den Ziegeldächern, auf denen die rothen Ziegel ganz rostbraun aussahen vor Alter, so daß Alles in einander verschwamm, so öde, so grau in grau – wie er das Alles sah – da war es ihm – da überkam es ihn – als wenn da etwas Todtes vor ihm läge – wie ein todtes Gesicht, das er früher gekannt, das ihm zugenickt und gelächelt hatte, und das nun gestorben war und die Augen auf ihn richtete, erloschene, in denen nie wieder Licht sein würde, nie wieder. Und nicht wie ein Gesicht nur – wie ein großer, stummer, todter Leib, so sah es aus, daß er denken mußte, so müßte es aussehen, wenn die Mutter vor Einem läge, kalt, stumm und todt. So war ihm zu Muth; und so stark fühlte er das, so furchtbar, daß er nicht weiter gehen konnte, sondern stehen bleiben mußte. Und dabei schlugen der Küraß und der Helm und der Säbel, die er in den Händen trug, an einander, und gaben einen leisen Klang, beinah wie eine ferne, ferne Glocke. Und da war es ihm, als wäre irgendwo, wo er sie nicht sehen konnte, eine Uhr, eine große Uhr, und als schlüge die Glocke in der Uhr mit einem Tone, wie er nie einen gehört, so tief, so dumpf, so schwer. Und heute, da sechzig Jahre um sind seit dem Augenblick, weiß ich, wo die Uhr war, die er damals nicht sehen konnte – in seiner Seele – und was die Uhr damals schlug: Schicksal, Schicksal, Schicksalstunde.

Eine solche Angst war in ihm, solch' ein Grauen, daß er am liebsten gar nicht in die Stadt zurück und nach Hause gegangen wäre, sondern in die Welt, irgend wohin – vielleicht noch lieber in den See, in das kalte Wasser hinunter und den Tod. Ja – so war ihm, so war ihm zu Muthe. Aber die Sachen des Kleinen, die ihm in den Händen wie Blei lagen, weil er sie dem Kleinen genommen hatte, geraubt, gestohlen, er mußte sie doch zurück bringen an den Kleinen. Darum mit den Anderen ging er in die Stadt, und als sie in die Stadt gekommen waren, wandte er sich in der Richtung, wo das Haus der Eltern lag. Als er aber an die Straße kam und das Haus von ferne sah, packte ihn das Grausen wieder so, daß er nicht darauf zu gehen konnte, sondern umkehrte und in eine Nebenstraße ging und aus der in eine andere und wieder in eine andere, immerfort, die ganze Stadt entlang, wie sinnlos, wie betäubt, wie ein verwildertes Thier, das vom Hofe gelaufen ist und sich nicht wieder zurück getraut. Essen und Trinken – Hunger und Durst – danach fragte er nicht, daran dachte er nicht, davon wußte er nichts. Erst als es dunkler und immer dunkler, zuletzt fast ganz dunkel wurde, und weil er doch nicht auf der Straße bleiben konnte in der Nacht, und weil er so müde geworden war, daß er kaum mehr gehen konnte, sondern beinahe hingefallen wäre und liegen geblieben auf dem Pflaster, schlich er nach Hause, ganz langsam, leise, ganz leise. Und nun hatte er sich vorgestellt, wenn er in die Nähe von dem Hause käme, dann würde darin ein Lärmen und Toben sein, und bis auf die Straße hinaus würde er die Stimme hören, vor der er sich so fürchtete, die Stimme des Vaters, die mit dem Tone, den er kannte, mit dem schrecklichen Tone durch das ganze Haus donnerte: »Wo steckt der Bengel? Wo bleibt er?« Und als er nun an das Haus heran kam, lag das Haus so dunkel, so still, und kein Laut war rings herum zu hören, kein Laut. Eigentlich hätte ihm das ja lieb sein müssen – aber dennoch war es ihm nicht lieb, sondern – er wußte selbst kaum, warum – unheimlich, unheimlich.

Also klinkte er die Hausthür auf, ganz vorsichtig, ganz leise, und dann auf den Fußspitzen, wie ein Verbrecher schlüpfte er hinein. Und im Hause war Alles dunkel, und so, wie es draußen gewesen war, so war es drinnen, ganz still Alles, daß man keinen Laut hörte, fast todtenstill.

Kein Mensch war zu sehen, nicht der Vater, nicht die Mutter und der Kleine erst recht nicht. Darum tappte er sich über den Flur nach dem Zimmer hin, wo er mit dem kleinen Bruder zusammen schlief; da wollte er hinein, ins Bett und sich verstecken. Im Augenblick aber, als er die Thür ergreifen wollte, kam ein Lichtschein, und den Gang herauf, der nach der Küche führte, kam Jemand, und die da kam, das war die alte Köchin. Sie hatte ein Licht in der Hand, und weil sie gehört haben mochte, daß Jemand da herum schlich, blieb sie stehen und hielt die Hand vor das Licht, damit sie erkennen konnte, wer es war – und wie sie da stand und das Licht ihre Stirn beleuchtete, die so alt und voll Runzeln und Falten war, das sehe ich noch, daß ich es malen könnte, so genau. Darauf, als sie erkannt hatte, wer es war, ließ sie die Hand herab und sagte – und auch das, wie sie sprach, höre ich heute noch ganz deutlich und genau – und sagte – kein Vorwurf war in dem Ton, wie sie sprach, nicht einmal ein Erstaunen, sondern nur etwas so Schweres, als wenn sich die Worte aus ihrem Munde heraus schleppten – und sagte: »Wo bist denn Du gewesen? Weißt Du denn nicht, was hier geschehen ist? Und daß Hänschen im Sterben liegt?«

So sagte sie, und als sie so gesagt hatte, war dem Jungen, als würde ihm ein Nagel, ein ganz langer Nagel vom Kopf herunter durch den ganzen Leib geschlagen und nagelte ihn am Fußboden fest. Und was man den kalten Schweiß nennt, damals in der Stunde habe ich das kennen gelernt.

Darauf, wie ein Rasender wollte er auf und in die Stube der Eltern hinein, aber da faßte ihn die alte Köchin am Arm und sagte, und diesmal sprach sie ganz hastig, ganz flüsternd, ganz angstvoll: »Nein, nein, da darfst Du nicht hinein, Vater und Mutter sind ja da bei ihm drin, und Niemand darf hinein.« Und dann, wie der Junge am Thürpfosten lehnte, selber so starr und steif wie ein Stück Holz, machte sie die Thür zu dem Zimmer auf, wo die Brüder schliefen und leuchtete hinein und sagte: »Geh Du nur jetzt und leg Dich zu Bett, da ist nun nichts mehr zu machen.«

Und als sie so hinein leuchtete und er hinein trat in das Zimmer, da sah er, daß das Bett, in dem der Kleine sonst lag, nicht mehr da war, und an der Stelle, wo es gestanden hatte, war ein leerer Fleck. Und was damals in dem Zimmer war, das ist seitdem in seinem Herzen geworden, ein leerer Fleck. Ein leerer Fleck! Sechzig Jahre sind hingegangen seitdem, und der leere Fleck ist geblieben, nichts hat ihn ausgefüllt; nur ein Schattengesicht, das mich ansieht mit traurigen Augen, an dem kein Leib mehr ist, kein Leben, das mich ansieht in der Nacht, wenn ich nicht schlafen kann!

Dann bewegt es die Lippen, dann hör' ich's: »Kann nicht mehr spielen mit Dir, nicht mehr sitzen mit Dir in der Cajüte und den Arm um Dich schlingen und zuhören, wenn Du erzählst von dem großen Wald und dem Einhorn und den Thieren darin. Nie mehr – nie mehr – –«

Die Erzählung brach ab.

Aus der Ecke hinter mir, von wo die Erzählung gekommen war, kam es hervor; mit schwerem Schritt kam der alte Graumann hervor. Auf einen Stuhl fiel er nieder; auf den Tisch daran ich saß, warf er die Arme, auf die Arme fiel sein graues Haupt. »O Bruder! O Brüderchen! O armer, kleiner Bruder!«