Darauf nun, am nächsten Tage, was der erste Weihnachtsfeiertag war, kamen die Schulkameraden, mit denen sie sich verabredet hatten, daß sie zusammen »Pascher und Grenzer« spielen wollten. Der Schnudri hatte seine Kürassieruniform angelegt, denn es machte ihn doch ungeheuer stolz, sich so zeigen zu können. Für den Anderen aber, als er sah, wie die Jungen sich erstaunten, als sie den Kleinen mit der Uniform sahen und nicht ihn, für den war das ein fürchterlicher Augenblick. Sie fragten ihn ja nicht geradezu, aber er las es doch in ihren Augen: »Warum hast denn Du sie nicht gekriegt?« Erklären konnte er ja nichts; dazu hätte er Dinge erklären müssen, die er selbst kaum verstand. Darum, wie nun ein allgemeines, verlegenes Schweigen entstand, ging ihm wieder die Scham über den Leib, vom Kopf bis zu Füßen, daß er blutroth wurde. Ihm war, als wenn man ihn mit der Faust auf den Kopf geschlagen hätte, so daß er den Kopf gar nicht erheben konnte. Und so zogen sie denn ins Feld hinaus und waren alle ganz still.

Als sie hinausgekommen waren, blieben sie alle stehen, als wenn sie sich berathen wollten, aber Niemand wußte etwas zu sagen. Alle sahen auf die beiden Brüder, namentlich den Aelteren, was der sagen würde, weil er es doch immer war, der bei den Spielen Alles angab; aber weil der nichts sagte, sagte auch kein Anderer etwas.

Endlich fragte Einer: »Aber, wer soll denn nun General sein?« Darauf zeigte der Aeltere auf den Kleinen und sagte: »Na, wer? – Da steht er ja.« Das sagte er aber nicht in gutem Sinne, sondern aus Bosheit, weil es ihm wie ein Hohn vorkam, daß der Kleine der Anführer sein sollte und weil er wußte, daß die Anderen es auch so aufnehmen würden. Und so war es auch. Denn der Schnudri war ja beinah der kleinste und schwächste von Allen. Darum erschien es den übrigen Jungen wie eine Beleidigung, daß er sie kommandiren sollte. Und außerdem erschien es ihnen überhaupt ungerecht, daß er solch eine schöne Uniform bekommen sollte. Denn unter den Jungen war es eine allgemeine Ansicht, daß der Kleine ein verzogenes Muttersöhnchen wäre, weil sie doch nicht wußten, daß er krank war. Oder, wenn sie es gewußt hätten, würden sie vermuthlich doch keine Rücksicht darauf genommen haben. Denn darin sind ja die Jungen wie die Thiere in einer Herde; wird ein Stück krank, so gehört es nicht mehr zu ihnen. Aber Rücksicht darauf nehmen – das giebt es nicht.

Darum, als der Andere gesagt hatte: »Da steht er ja«, wurde ein allgemeines Gemurmel unter den Jungen, und der Eine, der vorhin gefragt hatte, sagte: »Na, das wäre mir auch ein schöner General.« Und wie er das gesagt hatte, wurde aus dem Gemurre ein allgemeines Gejohle, und der Kleine stand ganz verdonnert mitten unter den Anderen, weil er merkte, daß sie alle gegen ihn waren, und weil er doch auch fühlte, daß er zu schwach war, um sie anzuführen. Und wie er so dastand und den Kopf hängen ließ, trat Einer auf ihn zu und sagte: »Weißt Du, was Du thun solltest? Deine Uniform solltest Du ausziehen, und sie Deinem Bruder geben; denn für den paßt sie doch viel besser als wie für Dich.« Darauf stimmten alle die Uebrigen mit »ja! ja!« dem bei. Der Kleine aber verzog das Gesicht, als wenn er zu weinen anfangen wollte, und drückte die Hände über der Brust zusammen, wie um seinen Küraß fest zu halten, weil er doch um alle Welt die schöne Uniform nicht hergeben wollte. Der Andere aber, wie er gehört hatte, was für ein Vorschlag gemacht worden war, und daß der Schnudri die Uniform hergeben sollte für ihn – mit einem Mal kam ihm ein Gedanke, und er sagte: »Jetzt will ich Euch sagen, was wir spielen wollen: Rebellion! Der Hans also ist der General, und wir Anderen sind die Soldaten. Und die Soldaten also machen Rebellion gegen den General. Und der General will ihnen entwischen, und die Soldaten verfolgen ihn. Und dazu kriegt er zwanzig Schritte Vorsprung. Und wenn er bis da oben auf den Berg rauf kommt« – in der Mitte der Ebene war nämlich ein Hügel – »dann hat er gewonnen. Wenn er aber vorher eingeholt wird, dann haben die Soldaten gewonnen, und dann wird dem General seine Uniform weggenommen.«

Das war denn ein Vorschlag, der sofort zündete. »Ein famoses Spiel! Ein famoses Spiel!« Feuer und Flamme waren sie gleich alle mit einander. Aber Höllenfeuer war es, und von dem Teufel angezündet, der einstmals dem Kain zugeflüstert hatte: »Schlage deinen Bruder Abel todt.« Wenn er hinauf kam bis auf den Berg, dann sollte ihm seine Uniform gehören dürfen – jawohl – aber sie wußten, daß er nicht hinaufkommen würde, daß sie ihn vorher einholen und berauben und vergewaltigen würden, den armen, schwachen, kleinen Kerl.

Ein Spiel nannten sie das, – und es war kein Spiel, sondern etwas Ernsthaftes, Furchtbares, Gräßliches, ein Stück Menschenniedertracht, die sich einen unschuldigen Mantel umhing, wie sie das immer thut, weil sie sich schämt und fürchtet vor dem Gottesauge dadrinnen in der Seele; Neid, höllischer, verdammter, verfluchter Neid, der sich Spiel nannte, während er in Wirklichkeit die Jungen, so, wie sie waren, in Wölfe verwandelte, in habgierige Bestien. Und daß so etwas vorging, daß er plötzlich umgeben und umringt war wie von Wölfen, das muß er gefühlt haben, der kleine Junge; das sah man seinem Gesicht an, wie er umhersah, so kläglich, wie er nach seinem Bruder sah, seinem großen Bruder, ob ihm der nicht zu Hülfe kommen würde. Aber der – von dem ging ja die ganze Geschichte aus; und in dessen Seele war jetzt wahr und wahrhaftig der Teufel los, daß er nichts Anderes mehr denken konnte, als daß die Uniform, nach der er sich so rasend gesehnt hatte, ihm nun für einige Zeit wenigstens doch gehören würde, doch!

Darum sah man dem Kleinen an, wie ihm die Sache unheimlich wurde, und wie er dicht am Weinen war, und wie er am liebsten gar nicht mitgespielt hätte, sondern fortgegangen und weit davon gewesen wäre, weit davon. Aber das Alles war nun nicht möglich, und die Jungen würden ihn auch gar nicht davon gelassen haben. Sondern sie sagten ihm: »Hier, wo wir jetzt sind, bleibst Du also stehen. Wir gehen jetzt zwanzig Schritt zurück. Dann wird gezählt eins – zwei – drei – und bei drei fängst Du an zu laufen, nach dem Berge hin, und wir hinterher.« Und damit so ging der ganze Haufe von ihm fort, zurück, und indem sie gingen, zählten sie laut ihre Schritte, bis daß sie zwanzig gezählt hatten; und alsdann so machten sie wieder Kehrt, und Einer zählte ganz laut eins – zwei – drei. Und im Augenblick, als das »Drei« heraus kam, fing die ganze Meute an zu laufen, zu laufen – und Jeder schrie, so laut er schreien konnte: »Fangt den General! Fangt den General!« Und wenn in dem Augenblick ein Erwachsener vorübergegangen wäre und es mit angesehen hätte, dann, in der Art, wie die Erwachsenen über die Kinder denken, würde er wahrscheinlich gesagt haben: »Sieh' Einer, wie die munteren Jungen sich amüsiren«, – und nicht geahnt würde er haben, daß das, was er für ein Vergnügen hielt, in Wahrheit ein Wettlauf war um Leben und Tod. Ja! Um Leben und Tod! Denn wie er die Meute losbrechen sah, fing auch der Kleine zu laufen an, so schnell die kleinen Beine vermochten. Aber gleich bei den ersten Schritten muß er gefühlt haben, daß es eine verlorene Sache war, daß sie ihn einholen würden. Wie er das Geschrei hinter sich hörte, muß es ihm gewesen sein als käme eine Indianerhorde hinter ihm drein, die ihm die Kopfhaut abziehen würde, so daß ihn die Todesangst ergriff und die Verzweiflung. Darum gleich nach den ersten Schritten fing er an zu schreien, ganz gellend, ganz kreischend. Was es war, konnte man nicht verstehen, aber es klang, als wenn er »nein! nein! nein!« schrie. Sie sollten ihm das nicht thun, sollten nicht so gegen ihn sein. Aber natürlich hörte Keiner darauf, sondern die Hetzjagd ging weiter. Der Helm flog ihm vom Kopfe. Wie er zur Erde rollte, waren gleich drei, vier darüber her, aber der Andere stieß sie alle fort; Keiner außer ihm sollte den Helm haben und die Uniform. Er setzte sich den Helm auf; und dann mit einem »Hussah« weiter und wie ein wildes Thier hinter dem Kleinen her. Denn wie ein toller Hund, so war er gerade, der nichts mehr von Allem weiß, was er früher gescheut und geliebt hat, sondern nach Allem schnappt und beißt. Die Uniform! die Uniform! Das war das Einzige, was er noch denken konnte und fühlen. Wie eine Fackel, die ihm der Teufel vor die Augen hielt, so war das. Und darauf, wie der Kleine die Schritte immer näher hinter sich hörte und das keuchende Laufen und die Stimmen, die schon ganz heiser geworden waren von dem rauhen Geschrei, blieb er plötzlich stehen, lief nicht weiter, blieb stehen, gab Alles verloren, warf sich zur Erde, ganz platt, streckte beide Arme von sich und drückte das Gesicht in das feuchte, graue, kalte Wintergras. In dem Augenblick waren sie über ihn her, und allen voran der Andere, der Bruder über den Bruder.

Die Schnallen, mit denen der Küraß an den Schultern des Kleinen fest gemacht war, schnallte er auf. Das Säbelkoppel, das der Kleine um den Leib hatte, schnallte er ihm ab. Alles rack – rack – rack. Alles mit ein paar Griffen. Alles so rasch, obschon ihm die Hände vor Leidenschaft flogen, wie ein Räuber, der Jemanden überfallen hat und ausplündert. Und dann eben so rasch den Küraß an die eigenen Schultern, das Säbelkoppel um den eigenen Leib. Und dann den Säbel herausgerissen. Und »hurrah« – jetzt war er der General! Und »hurrah«, jetzt hatten sie einen Anführer, wie es sich gehörte. Jetzt konnten sie spielen. Jetzt wollten sie spielen, »Pascher und Grenzsoldat«, gehörig, so daß man sich am Kragen kriegte und raufte und prügelte; denn sie waren Alle wild geworden, wild, wild. Zwar der Kleine lag noch immer an der Erde, die Arme ausgestreckt, das Gesicht ins Gras gedrückt, und schluchzte und wimmerte, daß der kleine Körper gegen den Erdboden stieß. Aber – ach was – das Muttersöhnchen! Es war ihm ja gar nichts geschehen. Er würde sich schon beruhigen und, wenn er sich ausgeheult, aufstehen und nachkommen. Alles war doch ein Spiel; und Spaß muß doch Jeder verstehen. Darum jetzt nur fort von hier und vorwärts, daß wir zum Spiel kommen! Fort – denn ob es den Anderen so ging, wie ihm, daß sie eine Art Grauen fühlten, als sie den Kleinen nicht aufstehen sahen – ich weiß es nicht – aber wahrscheinlich war es so. Wahrscheinlich war es so, daß sie fühlten, sie hätten da etwas gethan, was sie lieber nicht hätten thun sollen, nicht hätten thun sollen.

Und so wurde denn nun losgespielt, so wild und toll und wüthig wie nur möglich. Eine Stunde lang, und noch eine, und immer weiter. Und endlich kam dann eine Pause, und in der Pause ein Umhersehen, ein Hälserecken, ein Fragen von Einem zum Anderen – war denn der Kleine nicht nachgekommen? Nein – der Kleine war nicht nachgekommen. Also in einem Hui ging es nach der Stelle zurück, wo vorhin, – aber die Stelle war leer. Er war nicht mehr da – war fort – wo denn hin? Und darauf, als nach all' dem Lärm und Geschrei eine Stille eintrat, eine ganz lautlose, allgemeine, kam Einer damit heraus – er glaubte – er hätte gesehen, wie der Kleine ganz allein übers Feld gegangen wäre – nach der Stadt zu – nach Hause zu. – Und da mit einem Mal – wie wenn Jemand in einem wüsten Rausch gewesen ist und plötzlich zur Besinnung kommt – so ging es dem Betreffenden, so war ihm zu Muthe. »Nach der Stadt zu wäre er gegangen?« – »Ja! – Als ob er eins getrunken gehabt hätte – ganz taumelig – und die Hände am Kopf.«

Wie ein eiskalter Strom ging es dem Jungen über den Leib und sauste und brauste ihm in den Ohren. Keinen Laut konnte er hervorbringen. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Ohne ein Wort zu sprechen, knöpfte er sich den Küraß ab, und den Säbel ab, nahm den Helm vom Kopf. Nichts vom Spiel mehr; das Spiel war ihm verleidet. Die Uniform, nach der er so wüthend verlangt hatte, sie war ihm verleidet. Am liebsten hätte er sie von sich geworfen, fort. Aber das ging doch nicht; es war doch dem Kleinen sein Eigenthum. Also mußte er sie dem Kleinen wieder bringen, nach Haus. Und indem er das dachte – nach Haus – war ihm, als wenn eine Hand in seiner Brust gewesen wäre, mit langen, eisernen Fingern, die sich um sein Herz legten und sein Herz zusammendrückten, langsam wie eine Schraube.