Und wie er so stand und gar nicht wußte, was er mit sich anfangen sollte, fühlte er, wie sich von hinten zwei Arme um ihn legten, das waren die Arme der Mutter, und wie sich ein Gesicht an sein Gesicht schob, das war wieder die Mutter, und sie flüsterte ihm ins Ohr, so leise, als ob Niemand außer ihm es hören sollte: »Du bist mein lieber Junge – das weißt Du – nicht wahr?« Aber er regte kein Glied, er konnte nicht, denn zum ersten Mal im Leben war ihm auch die Mutter fremd geworden, und nichts war in ihm als eine Angst und ein kaltes Grausen. Darum, als die Mutter ihm weiter sagte: »Komm mit mir, der Vater erwartet, daß Du Dich bedankst,« setzte er keinen Widerstand entgegen, sondern ließ sich führen, ganz willenlos, ganz mechanisch – ja – mechanisch – denn heute noch fühle ich, wie das war, als er die paar Schritte da hinüberging zu dem langen, schwarzen Mann in dem langen, schwarzen Rock. Wie wenn Einem die Füße eingeschlafen sind, so daß man sie gar nicht fühlt, sondern immer denkt, sie müßten unten Einem abbrechen wie Stücke Holz, so war das.
Der Vater hatte sich in den Armstuhl gesetzt und die Zeitung vorgenommen. Als nun die Mutter mit dem Jungen zu ihm herantrat, ließ er die Augen nicht von der Zeitung, drehte sich auch nicht herum, sondern sagte nur: »Nun?« Darauf sagte die Mutter für mich: »Er will sich bedanken.« Der Vater las in seiner Zeitung weiter und zuckte mit den Achseln, und das sah so aus, als wollte er sagen: »Das glaube ein Anderer.« Alsdann, nach einiger Zeit ließ er die Zeitung sinken, wandte sich herum und sagte: »Daß Du im Rechnen kein Held bist, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen. Trotzdem, was ein Defizit ist, das wirst Du doch wohl wissen? Und dann wird es Dir auch klar sein, daß dieses Jahr mit einem gehörigen Defizit abschließt. Laß Dir das jetzt als eine heilsame Lehre dienen für das kommende Jahr und sorge dafür, daß das nächste Jahr besser abschließt.« Und nachdem er das gesagt hatte, nahm er seine Zeitung wieder auf und fing an, weiter zu lesen. Der Junge aber, als er hörte, daß der Vater nicht weiter sprach, richtete das Haupt auf, das er bis dahin gesenkt gehabt hatte, und als er sah, daß der Vater ihn nicht mehr ansah, sah er ihn von der Seite an, und da war es ihm, als ob es nie auf Erden ein menschliches Wesen geben würde, vor dem er solches Entsetzen empfände wie vor dem Manne, der da saß, und der sein Vater war. Darum, ganz still ging er in eine Ecke, hinter dem Baume, und setzte sich dort hin und sah auf den Lichterbaum und in der Stube umher und auf die Menschen da vorn, und es kam ihm vor, als wäre das eine ganz andere Stube als früher, als wären das Menschen, die er gar nicht kannte, und als wäre das Alles, was er erlebte, ein gräßlicher, gräßlicher Traum.
Von seiner Ecke aus sah er dann, wie die Eltern dem Schnudri den Küraß anlegten, den Säbel umschnallten und den Helm aufsetzten. Aber der Körper des kleinen Jungen war viel zu mager und dürftig für die Sachen, so daß sie ihm alle nicht paßten. Der Helm rutschte ihm beinahe über das kleine Gesicht, der Küraß und das Säbelkoppel waren zu weit; die Sachen waren eben auf einen größeren Jungen berechnet. Und als er sah, daß der Kleine ein betrübtes Gesicht machte, freute er sich. Den Kummer des kleinen Bruder zu sehen, das war an dem heiligen Abend seine Weihnachtsfreude.
Aber die Mutter wußte der Sache abzuhelfen. Sie holte rasch ein paar alte Zeitungen herbei, stopfte davon einen Ballen in den Helm, ein paar Ballen unter den Küraß, dann holte sie einen Hammer und einen runden Nagel und schlug damit noch ein paar Löcher in den Riemen des Säbelkoppels und als nun die Sachen dem Schnudri wieder anprobirt wurden, saß Alles wie angegossen, und der kleine Kerl stand mitten im Zimmer und strahlte vor Wonne und Vergnügen, daß sein Gesicht fast noch heller glänzte als der Küraß, in dem die Lichter spiegelten. Und wie er da stand – unterm Weihnachtsbaum – so froh, so glücklich, ohne eine Ahnung, daß Jemand es ihm mißgönnen könnte, weil er selbst von Neid nichts wußte, so sehe ich ihn stehen, immer noch, heute noch, nach sechzig Jahren noch, den Kleinen, das Brüderchen, dem er seine Freude nicht gönnte, – seine unschuldige Freude, die auch seine letzte sein sollte – in seinem armen, kleinen unschuldigen Leben – der Andere – die Canaille, der Satan, der Hund!
Und bis dahin war der Kleine so von der eigenen Freude erfüllt gewesen, daß er noch an gar nichts Anderes hatte denken können. Erst nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte, fiel ihm der Bruder wieder ein, und er ging an dessen Tisch, um zu sehen, was der Schönes bekommen hatte. Und als er vor dem Tische stand und sah, wie traurig der aussah, wurde er ganz still, und sein Gesicht wieder ganz alt, und über den Tisch hin blickte er in die Ecke, hinter dem Baume, wo er den Anderen sitzen sah. Da wurde er ganz rathlos; das konnte man an seinem Gesichte wahrnehmen. Es fiel ihm ein, was zwischen ihm und dem Bruder verabredet worden war, daß sie mit den Schulkameraden »Pascher und Grenzer« spielen wollten, und daß der Andere der General hatte sein sollen – und nun war es so gekommen, und das Alles war doch nicht mehr möglich.
Was sollte denn nun werden? Er wußte sich keinen Rath. Er grämte sich für den Bruder – das sah man ihm an. Daneben aber konnte er doch die Freude nicht unterdrücken, daß er die Uniform bekommen hatte – das sah man ihm auch an. Und plötzlich, weil er den Drang fühlte, irgend etwas zu thun, trat er hinter den Baum, zu dem Bruder, und ohne ein Wort zu sagen, bot er ihm die Trompete an, die er in Händen trug. Die wollte er ihm schenken; so hatte er doch etwas. Und nun war das ja von dem Kleinen so gut gemeint, wie nur möglich, aber es kam zur unrechten Zeit. Denn dem Anderen, der auch daran gedacht hatte, wie er als General den Kleinen zu seinem Trompeter hatte machen wollen, und der schon zu den Schulkameraden geprahlt hatte, wie er morgen als Kürassiergeneral erscheinen würde, kam es vor wie eine furchtbare Beschimpfung, daß er nun vorlieb nehmen sollte mit dem elenden Ding da, der Trompete. Wie ein Almosen erschien es ihm, das der Kleine, der Alles bekommen hatte, ihm hinwarf, wie einem Bettler. Darum, als der kleine Bruder ihm die Trompete hinhielt, riß er sie ihm aus der Hand, – wie ein böser Affe riß er sie ihm aus der Hand. In seinem Herzen war eine Wuth, ein Haß und ein Neid – mit beiden Händen packte er die Trompete, um sie zu zerbrechen, und weil er sie nicht zerbrechen konnte, verbog er sie, so daß sie einen Knick bekam und nicht mehr zu gebrauchen war. Das Alles geschah ganz lautlos, so daß die Eltern nichts davon hörten und sahen. Nur der kleine Bruder sah es, und der wurde leichenblaß, als er es sah, und wollte aufschreien. In dem Augenblick aber kam dem Anderen das Bewußtsein, was er gethan hatte, und die erbärmliche Angst vor dem Manne im langen, schwarzen Rock, und unwillkürlich sah er hinüber, wo der saß, ob der auch nichts gesehen hätte. Und als der kleine Bruder den Blick gewahrte, schluckte er den Schrei hinunter, den er hatte thun wollen. – Solch ein Kind war das! Solch eine Seele war in dem kleinen Kind! Schluckte den Schrei hinunter, schluckte Alles hinunter, Schreck, Kummer, Jammer und blieb ganz still, ganz lautlos, und nahm die verbogene Trompete rasch wieder an sich und stopfte sie irgendwohin, versteckte sie, daß Niemand sie finden, Niemand sehen sollte, was der Andere gethan hatte, Niemand den Bruder strafen sollte! Nur sprechen konnte er an dem Abend mit dem Bruder nicht mehr, kein Wort, kein Wort. Mit dem Bruder nicht mehr, und überhaupt mit Niemand mehr, sondern er wurde ganz still; lachte nicht mehr und freute sich nicht mehr, und so blaß, wie er in dem Augenblick geworden war, als der Andere ihm die Trompete verbog, so blieb er den ganzen Abend. Nur von Zeit zu Zeit sah er nach der Ecke hin, wo der Bruder war, und immer, wenn er es that, war eine Angst in seinen Augen, eine Angst –
Und, wie gesagt, das blieb den ganzen Abend so, ja, es wurde eigentlich immer schlimmer. Wie ein armes, kleines Thier, das den Raubvogel über seinem Kopfe sieht, oder irgend etwas Schreckliches wittert, das nach ihm blinzelt, so war es mit dem Kinde, so daß er am ganzen Leibe zitterte, als die Mutter ihm sagte: »Jetzt, Hänschen, denk' ich, gehen wir zu Bett!« Und als sie ihm den Helm abnahm und den Küraß und den Säbel, fing er plötzlich an, lautlos zu weinen. Lautlos, wie solche kranke Kinder weinen. Und als die Mutter ihn an sich drückte und fragte: »Warum weinst Du denn, Hänschen?« sagte er: »Aber morgen gehört sie mir doch wieder?« Darauf lächelte die Mutter, und als sie fühlte, wie er zitterte, setzte sie sich und nahm ihn auf den Schoß: »Wem soll sie denn sonst gehören? Freilich doch gehört sie Dir. Meinst Du denn, es wird Jemand kommen, sie Dir wegnehmen?« Und so etwas Aehnliches war es gewiß, was er meinte; aber er sagte es nicht, sondern drückte seinen kleinen Kopf an die Mutter, und allmählich hörte er auf, zu weinen.
In der Nacht aber – die Brüder schliefen nämlich in einem und demselben Zimmer, und für gewöhnlich schliefen sie ein, sobald sie sich hingelegt hatten – in dieser Nacht aber konnte der Andere nicht einschlafen, weil ihn die bösen Gedanken wach hielten. Und wie er so wach dalag, merkte er, daß auch der Kleine nicht schlief, sondern es war, als wenn er immerfort lauschte und horchte. Als wenn er immerfort in Angst gewesen wäre, daß plötzlich etwas Schreckliches geschehen würde, daß Jemand kommen und ihm seine Uniform wegnehmen würde, so war es. Und als es ganz tief in der Nacht und im Hause Alles ganz still war, da muß in dem Weihnachtszimmer irgend eine Thür aufgestanden und zugeklappt, oder irgend etwas gefallen sein, – es kam von dem Weihnachtszimmer ein Geräusch.
Im Augenblick also, wie das Geräusch kam, war der Kleine in seinem Bette auf und aus dem Bette heraus, und so, wie er war, im Hemd und ohne Schuh und Strümpfe, lief er aus dem Schlafzimmer hinaus, auf den dunklen, kalten Flur hinaus und in das Weihnachtszimmer hinüber. Gleich darauf kam er dann wieder, und wie er ging, klipperte und klapperte etwas, und da war es der Helm, der Küraß, der Säbel, die ganze Kürassieruniform, die er mit sich schleppte und die er auf sein Bett legte und zu sich unter die Decke nahm, als wenn er gemeint hätte, daß er anders nicht sicher gewesen wäre und doch Jemand kommen und sie ihm fortnehmen würde.
Und dieses Alles machte er so leise, als er nur konnte. Kaum einen Laut gab er von sich. Nur als er wieder in sein Bette kroch, konnte man hören, wie es ihn schauderte und fror, daß ihm die Zähne im Munde klapperten. Und dieses Alles hörte der Andere, und weil das Laternenlicht von der Straße ins Zimmer schien, konnte er es auch sehen. Und auch er gab keinen Laut von sich. Unter seiner Decke lag er zusammengeringelt wie ein böses Thier, und Alles, was er dachte, war nur, daß es kindisch war, was der Kleine that, kindisch und lächerlich. Und wenn er voraus hätte sehen können in die Zukunft, so würde er gewußt haben, daß einmal eine Zeit kommen würde, wo er sein halbes Leben dafür hingegeben hätte, wenn er in der Nacht aufgestanden wäre und dem kleinen Bruder gesagt hätte: »Fürchte Dich nicht! Ich will Dir Deine Sachen nicht nehmen. Und wenn Du Dich vor mir nicht zu fürchten brauchst, brauchst Du es vor keinem Anderen. Denn alle Anderen gönnen Dir ja Deine Freude.« Aber er kam nicht und sagte nichts, sondern in seinem Herzen war nur der giftige Neid, als er sah, wie der Kleine das Alles zu sich ins Bett nahm, wonach er verlangt hatte, weil es dem Kleinen gehörte und nicht ihm, dem Anderen.