Mit einigen von ihren Schulkameraden – natürlich sollten das nur ihre besten Freunde sein, und sie wurden auch gleich namentlich alle festgestellt – wollten sie sich am ersten oder zweiten Feiertag, je nachdem das Wetter sein würde, zusammenthun zu einem Spiel »Pascher und Grenzsoldat«. Sobald der Kleine das gehört hatte, fing er vor Entzücken an, auf einem Beine herumzutanzen. »Famos! Und Du bist der General von den Grenzsoldaten.«
Das hatte sich der Andere im Stillen auch schon so gedacht; denn die Kürassieruniform war ja, wie es schien, nur einmal vorhanden, also konnte nur Einer von ihnen beiden sie bekommen. Aber der Schnudri war doch eigentlich zu schwach dafür und zu klein, während er sich im Geiste schon sah, wie er mit geschwungenem Säbel durchs Feld galoppirte und seine Soldaten gegen die Pascher anführte. Und dem Schnudri leuchtete das auch gleich so ein, daß ihm gar kein anderer Gedanke kam, zumal doch der Andere es wieder gewesen war, von dem der Gedanke zu dem famosen Spiele ausging. Darum war das Einzige, was er sagte, nur, daß er fragte: »Bei welcher Partei soll ich denn aber sein? Pascher oder Grenzsoldat?« Worauf der Andere erwiderte: »Natürlich bist Du auch Grenzsoldat, und ich gebe Dir die Trompete, und dann bist Du der Trompeter von den Grenzsoldaten und galoppirst immer neben dem General.« Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz taumelig vor Freude, und galoppirte durch das Zimmer, legte die hohle Hand an den Mund und machte »tütü! tütü!«, als wäre es schon die Trompete. Und obschon die Trompete doch eigentlich nur etwas Jämmerliches war im Vergleich zu der ganzen herrlichen Kürassieruniform, die der Andere bekommen sollte, war der kleine Junge doch ganz zufrieden damit, und es schien ihm bloß ganz natürlich, daß der Andere die ganze Herrlichkeit bekam, und es war kein Hintergedanke in ihm, keine Bitterkeit, sondern in dem kleinen Leibe war ein Gemüth größer, als das manches Erwachsenen, in dem armen, kranken Körper eine Seele, so schön, so gesund, so rein, und ohne die Krankheit, an der die Menschen kranken, ohne Neid. Ohne Neid! Ohne Neid!
Und so rückte nun der heilige Abend immer näher, und es waren bis zu ihm nur noch wenige Tage, und täglich standen die Beiden vor dem Kalender und zählten, wie viel Tage noch dazwischen waren. Und der Aeltere sagte zu dem Schnudri: »Siehst Du,« sagte er, »das sind jetzt die kürzesten Tage vom ganzen Jahr. Weißt Du, warum sie so kurz sind? Weil sie wissen, daß sie eigentlich ganz überflüssig sind und dem heiligen Abend bloß den Weg vertreten. Darum machen sie, daß sie so schnell aus der Welt kommen als nur möglich.« Und wie der Schnudri an den Späßen des Anderen immer ein großes Vergnügen empfand, so auch an diesem. Darum lief er schnurstracks wieder zu der Mutter und wollte sich ausschütten vor Lachen: »Mama, jetzt gib mal Acht, weißt Du, wer ich bin? Einer von den kürzesten Tagen. Siehst Du, die sind so kurz – ›guten Morgen‹ sagen sie und dann gleich darauf ›gute Nacht.‹« Und damit machte er der Mutter eine Verbeugung und gleich darauf noch eine und lief davon. Aber es war merkwürdig – die Mutter, die sonst immer so froh dreinschaute, wenn sie ihr Kerlchen vergnügt sah, blieb heute ganz ernst, beinah traurig. Ja, es sah beinah so aus, als ob sie verweinte Augen hätte, so daß ich immer bei mir denken mußte, sie hätte da still in ihrem Zimmer über ihrer Arbeit gesessen und vor sich hin geweint. Worüber denn nur? Und dann fiel es mir ein, daß heute Morgen, bevor der Vater auf das Gericht ging, da hatte ich Vater und Mutter so laut mit einander sprechen hören, beinah heftig, als wenn sie sich zankten. Als die Thür aufging, und der Vater heraustrat, hatte ich noch die letzten Worte der Mutter gehört: »Doch nur jetzt nicht! Nur jetzt nicht!« Aber der Vater hatte sich nicht mehr umgesehen, sondern mit dem Hut auf dem Kopf war er davon gegangen, zum Hause hinaus, den Kopf so gesenkt und die Augen in die Erde gebohrt, was immer ein Zeichen war, daß irgend etwas wieder »abgeschmackt« in der Welt war, daß es in dem Bergwerke da drinnen brannte, brannte, brannte. Und ich weiß nicht – aber von dem Augenblick an legte es sich dem Jungen auf das Herz – wie ein Vorgefühl, eine Ahnung, wie etwas Schweres, das ihm das Herz erdrückte, so daß er sich gar nicht mehr freuen konnte, wie er sich bisher gefreut hatte.
Dann endlich, wie nun der Tag gekommen, an dem Abends beschert werden sollte, weil da die Kinder in das Zimmer nicht hineindurften, wo aufgebaut wurde, drückten sich die Beiden im Hause herum; der Kleine immer am Schlüsselloch, um in die Weihnachtsstube hineinzugucken, der Andere aber still in irgend einer Ecke. Darauf, als die Mutter aus dem Zimmer heraustrat, und als sie merkte, daß der Schnudri durch das Schlüsselloch geguckt hatte, drohte sie ihm mit dem Finger und lächelte. Aber es war ein so schwaches Lächeln, gar kein recht freudiges, sondern als ob traurige Gedanken dahinter ständen. Und wie sie den Anderen so dahinten stehen sah, in der Ecke, blieb sie stehen, als überlegte sie etwas, und dann ging sie hin zu ihm, legte den Arm um ihn und ging mit ihm hinaus, in ein anderes Zimmer, wo sie mit ihm allein war. Da ging sie mit ihm auf und ab, sagte erst gar nichts, und endlich fing sie an, und man hörte, wie schwer es ihr wurde.
»Heut ist nun Weihnachten,« sagte sie, »und das, was ich Euch neulich gesagt habe, als ich mit Euch auf der Bank saß, nicht wahr, das hast Du behalten? Daran wirst Du denken? Nicht wahr? Und mein lieber Junge sein? Daß Menschen nicht neidisch sein sollen auf einander? Und Hänschen ist noch so schwach; ein krankes kleines Kind. Und so einem armen kranken Kinde dem thut man doch gern etwas besonders Gutes an. Und das begreifen die Anderen. Nicht wahr?« Dann schwieg sie. Und es war, als wenn sie eigentlich noch mehr hätte sagen wollen, als ob sie aber nicht recht gewußt hätte, ob sie es sagen sollte. Beinah als wenn sie sich davor fürchtete. Und weil der Junge auch nicht wußte, was er erwidern sollte, so gingen sie noch eine Weile stumm mit einander auf und ab. Und dann blieb sie stehen, nahm seinen Kopf zwischen beide Hände und küßte ihn auf den Kopf. Ganz schwer drückte sie die Lippen darauf, und es war ein so langer, langer Kuß – beinah, wie wenn man Jemand küßt, den man vor einer schweren Gefahr weiß, oder von dem man Abschied nimmt. Ja – wie wenn sie Abschied nähme – so war es. Denn während ihm sonst immer zu Muthe war, als küßte ihn das Leben selbst, wenn die Mutter ihn küßte, ging es heute wie ein kalter Strom von ihren Lippen durch ihn hin, vom Kopf bis zu den Füßen.
Und nun endlich, als es dunkel geworden war, kam die Mutter und kleidete die Beiden zur Bescherung an, in ihre Sonntagssachen. Der Vater war im Zimmer geblieben, und aus dem Zimmer erscholl jetzt eine Klingel, was so viel heißen wollte als: »Jetzt könnt Ihr kommen.« Und die Klingel, die tönte so kurz, so grell und gar nicht wie eine freundliche Einladung, sondern wie ein Befehl. Darauf nahm die Mutter die Beiden an der Hand, und so mit ihnen ging sie hinein.
Als wir eintraten, war das ganze Zimmer ein Meer von Glanz. Alle Lichter brannten. Aber vor dem strahlenden Baume stand es wie ein Schatten; das war der Vater in seinem langen, schwarzen Gehrock. Er war ja von Natur lang und groß, heute aber sah es aus, als wäre er noch länger gewesen als gewöhnlich. Die Mutter ließ die Hände ihrer Jungen los und ging auf die andere Seite des Zimmers hinüber, die Beiden aber blieben auf der Schwelle, weil sie sahen, daß der Vater zwischen ihnen und dem Baume stehen blieb. Er wollte ihnen zuvor noch einige Worte sagen, und das that er denn auch. »Bevor Ihr an Eure Tische tretet,« sagte er, »wünsche ich, daß Ihr Euch überlegt, was Weihnachten bedeutet. Weihnachten bedeutet das Ende eines Jahres, und wenn ein Jahr zu Ende geht, sollte sich ein Jeder Rechenschaft geben, wie er sich im Laufe des Jahres verhalten hat, ob er Anlaß zur Zufriedenheit gegeben hat oder zur Unzufriedenheit. Und ob das Erstere oder das Letztere der Fall gewesen ist, das wird ein Jeder an dem erkennen, was er am Weihnachtsabend geschenkt bekommt. Und darnach möge dann ein Jeder sich für das nächste Jahre einrichten und ernste, feste Entschlüsse fassen, damit, wenn im abgelaufenen Jahre nicht Alles so gewesen ist, wie es hätte sein sollen, dieses im nächsten Jahre anders und besser wird.« Und während er beim Beginn seiner Ansprache die Beiden angesehen hatte, als spräche er zu beiden gemeinsam, richtete er die letzten Worte ganz ausschließlich an den Aelteren, an den Großen. Und unter seinen Worten stand der Junge mit gesenktem Haupt; die Worte gingen über ihn hin wie ein eisiger Strom, und trotz der Wärme, die von dem brennenden Baume kam, fing er an zu zittern, wie im Frost. Denn hinter all' dem Licht und dem Glanz stieg ihm die Erinnerung wieder auf an all' die schrecklichen Dinge, die da gewesen waren, die da untergetaucht waren unter der Erwartung, der Freude, und die nun wiederkamen, wie etwas, was immer da sein würde, vor dem es kein Entrinnen gab.
»Und nun kommt heran,« sagte der Vater, und damit trat er auf die Seite.
Im Augenblick aber, als er zur Seite trat und die Aussicht auf den Baum frei machte, kam ein Jubelschrei, als ob das ganze Zimmer bersten sollte. Von dem Schnudri kam das her, und es war geradezu merkwürdig, daß der Kleine so viel Kraft in der Lunge hatte, um solch einen Laut von sich zu geben. Unter dem Weihnachtsbaume flimmerte, funkelte und blitzte es; das war der Kürassiergeneral, Küraß, Helm und Säbel; auch die Trompete fehlte nicht, und das Alles lag auf dem Kleinen seinem Tische. Solch ein Entzücken nun wie damals an dem kleinen Jungen habe ich mein ganzes Leben lang bei keinem Menschen gesehen. »Der Kürassiergeneral,« schrie er, »der Kürassiergeneral!« Dann galoppirte er rund um die Stube, flog auf den Vater zu und kletterte an dem hinauf, lief auf die Mutter zu, sprang ihr auf den Schoß und küßte sie, wie nicht gescheidt. Und von der Mutter zu dem Bruder, den er mit seiner Umarmung anlief, als wenn er ihn umreißen wollte. Er hatte eben gar nicht an die Möglichkeit gedacht, daß er die Uniform bekommen könnte, darum war seine Ueberraschung so ungeheuer groß; der Andere würde sie bekommen, so hatte er gedacht. Und der Andere hatte sie nicht bekommen. Auf dessen Tisch lagen ein paar Bücher, die er für die Schule brauchte; auch eine Reisebeschreibung, eine vernünftige, in der vom Einhorne nichts stand, dann noch einige nützliche Gegenstände – und weiter nichts. Von Spielsachen nichts.
Und vor dem Tische stand er nun, und das weiße Tischtuch, das von den paar Büchern kaum zugedeckt wurde, sah ihn an wie ein blasses, weißes, leeres Gesicht, in dem nur eins zu lesen war: Vorwurf, Vorwurf. Er konnte sich kaum entschließen, eins der Bücher zu berühren. Endlich that er es doch, weil er den Blick des Vaters auf sich gerichtet sah, weil er sich fürchtete und sich schämte. Denn die schreckliche Scham von damals war wieder in ihm; das rauchige Feuer, das Alles dunkel in ihm machte, dunkel. Und unterdessen sah er, wie der kleine Bruder schier närrisch vor Freude herumtanzte. Und da kam ihm ein ganz sonderbares Gefühl, – als gehörte er gar nicht mehr mit dem kleinen Bruder zusammen, als wären sie gar nicht Brüder mehr, als wäre der Kleine das Kind seiner Eltern, er aber nicht mehr, sondern als wäre er ganz fern von dem Allen hier, ganz wo anders, ganz da draußen, ganz allein. All' diese Gedanken, all' diese Vorstellungen, das ging ihm durch den Kopf, als wenn schwarze Flügel ihm um die Ohren schlugen. Darum fühlte er zunächst kaum einen Kummer, überhaupt nichts Bestimmtes, sondern nur eine dumpfe Betäubung.