Und trotz alledem – wenn damals – denn die Seele eines Menschen, in der es so hergegangen ist, die ist ja wie ein umgestürzter Acker, wo es nur darauf ankommt, was hineingesät wird – wenn damals ein Säemann gekommen wäre, ein kluger, wahrhaft kluger, herzenskluger, und die Saat gestreut hätte, aus der das Heil für die Menschen aufgeht, einzig und allein, Vergebung, Vergebung, Vergebung, statt des tauben, todten Zeugs, was so schöne Schulmeister-Namen hat, Zucht und Ordnung, heilsame Strenge, und wie es heißt – es hätte damals – auch damals noch, Alles – aber –
Und die Gelegenheit war eigentlich so günstig.
Denn dieses Alles, was ich da gesagt habe, hatte sich im Winter zugetragen, nicht allzu lange vor Weihnachten. Und jetzt rückte die Weihnachtszeit heran. Weihnachten aber, das ist eine so wunderbare Zeit. Da werden die Menschen ein paar Tage lang besser. Kinder, die krank gewesen sind, werden gesund, und Kinder, die nicht mehr kindlich gefühlt haben, lernen wieder fühlen, daß sie schließlich doch Alles nur durch die Eltern haben. Denn in der Zeit werden ihnen die Eltern heilig, weil sie mit dem Weihnachtsmann sich unterhalten, der doch eigentlich Niemand anders ist als der liebe Gott.
Und so, als der heilige Abend heranrückte, ging es auch den beiden Kindern, den verstörten. Die Erwartung und die Freude ging in ihren Herzen auf, wie ein Licht; erst nur leise, dann aber immer heller, zuletzt wie ein brennender Lichterbaum, der da drinnen angezündet war, lange vor dem wirklichen. Und vor dem Freudenlichte ging aller Schatten, alles Dunkle aus ihren Seelen, das da hinein gekommen war, und es war, als ob sie sich in dem hellen Lichte wieder fänden, daß der Aeltere den Schnudri wieder erkannte, und der Schnudri den Anderen.
Statt hinauszulaufen ins Feld, gingen sie jetzt durch die Straßen der Stadt spazieren. In den Straßen war es ja jetzt viel schöner, als da draußen. Da waren die vielen Läden mit den herrlich erleuchteten Schaufenstern, und in den Schaufenstern all' die wundervollen Sachen. Namentlich die Spielwaarenläden. Vor denen blieben die Beiden schier stundenlang stehen, und Einer machte den Anderen auf die einzelnen Herrlichkeiten aufmerksam. Und in ihren Köpfen machten sie sich förmlich ein Verzeichniß, so daß sie am nächsten Tage immer genau wußten, was alles neu hinzu gekommen war.
Da kam auch dem Aelteren die Lust wieder, sich Geschichten auszudenken und sie dem kleinen Bruder zu erzählen. Wenn sie eine Eisenbahn im Schaufenster stehen sahen, setzte er sich mit dem Schnudri im Geiste hinein, und dann fuhren sie, fuhren immer durch ungeheuer lange Tunnels, wo es pechrabenschwarze Nacht drin war, so daß den Kleinen das Gruseln ankam und er sich an dem Bruder drückte. Oder durch alle Hauptstädte der Welt. Und wenn sie nach Paris kamen, fuhren sie gleich bei einem »ganz berühmten« Hotel vor, wo sie sich ein Mittagessen von mindestens zwanzig Gerichten auftischen ließen. Und wenn sie alsdann nach Haus gingen, sagte der Schnudri: »Jetzt sieh nur, was ich für einen dicken Bauch gekriegt habe; so colossal haben wir in Paris in dem berühmten Hotel zu Mittag gegessen.« Dabei zeigte er auf seinen Leib, und der kleine Leib war so mager, so mager – denn obschon der Kleine jetzt wieder ganz vergnügt geworden war, wollte es doch körperlich gar nicht wieder mit ihm werden, aber auch gar nicht.
Und eines Tages, als sie wieder an die Spielwaarenläden kamen und vor das Schaufenster traten, thaten beide zu gleicher Zeit einen Schrei, ja geradezu einen Schrei, obschon sie sich gleich darauf Mühe gaben, ihre Aufregung zu unterdrücken; so ungeheuer war die Wirkung von dem gewesen, was sie da im Schaufenster angekommen sahen: das war nämlich eine Kürassieruniform, Küraß, Helm und Säbel, und sogar noch eine Trompete dazu. Wie das so vor ihnen hing und flimmerte und blitzte, da wurden beide ganz lautlos und standen, und standen, und endlich, wie betäubt, gingen sie nach Haus.
Zu Hause aber – wie das die Art des Kleinen war – lief der Kleine gleich wieder mit ausgebreiteten Armen auf die Mutter zu: »Mama! – Mama!« – Und dann kletterte er ihr auf den Schoß und erzählte ihr ins Ohr, was sie da gesehen hatten von der Kürassieruniform. Und dabei zitterte er vor Aufregung am ganzen Leibe, so daß die Mutter ihn wieder an sich drücken mußte und »rege Dich nicht so auf, Hänschen,« sagte, – »rege Dich nicht so auf.«
Am nächsten Nachmittage aber gingen die Eltern zusammen in die Stadt. Und da zog der Kleine den Anderen in die Ecke der Stube und flüsterte ihm zu: »Paß auf, was ich Dir sage, sie gehen und kaufen den Kürassiergeneral!« Denn daß die Uniform nur für einen General sein könnte, das stand für den Kleinen fest.
Und von dem Augenblick an wurde die Kürassieruniform geradezu der einzige Gedanke in den Köpfen der Beiden, so daß sie sogar des Nachts davon träumten. Der Aeltere aber faßte den Plan zu einem großartigen Spiele, und als er es dem Schnudri erzählte, wurde der ganz Feuer und Flamme.