In dem Augenblick aber stürzte sich die Mutter auf den Jungen. Wie eine Verzweifelte stürzte sie sich auf ihn und hielt ihm die Hände, beide weiche Hände, vor den Mund, – ja – es sind sechzig Jahre her, – und noch jetzt fühle ich, wie weich die Hände waren, die sie dem Jungen vor den Mund drückte. Und als der Junge die Hände an seinem Gesicht fühlte, fing er an zu weinen, zu heulen. Denn er fühlte, was er an dem kleinen Bruder gethan hatte, und fühlte, wie gräßlich das Alles war, daß er so sprach und schrie, und konnte sich doch nicht helfen, nicht helfen. Und als er so zu heulen anfing, drückte die Mutter seinen Kopf an sich, fest, als wenn sie ihn ersticken wollte mit seinem Weinen. Und ihren Shawl – denn es fror sie damals schon immer so, und darum trug sie auch in der Stube immer einen Shawl – ihren Shawl, den wickelte sie förmlich um dem Jungen seinen Kopf, als wenn sie ihn verstecken wollte. Vielleicht, weil es ihr graute, ihn anzusehen, vielleicht auch, weil sie ihn schützen wollte. Und zu dem Allen sprach sie kein Wort. Nur das Keuchen konnte ich hören, mit dem ihre Brust ging, als sie mich an sich drückte, so fest, so fest, so fest. Dann riß sie ihn fort, aus dem Zimmer hinaus. Als sie mit ihm auf den Flur gekommen war, ließ sie ihn los. Aber es war nicht, als wenn sie ihn freiwillig losließe, sondern die Arme fielen ihr herab, wie von selbst. Und auf dem Flur stand eine Bank. Auf die setzte sie sich. Aber es sah wieder nicht so aus, als ob sie sich freiwillig setzte, sondern als ob sie darauf niederfiele. Ihr Kopf fiel hinten über an die Wand. Sie machte beide Augen zu, ihr Gesicht wurde so blaß, als wenn gar kein Blut mehr darin gewesen wäre, und der Mund ging ihr halb auf, so daß sie aussah wie eine Todte. Als der Junge, der vor ihr stand und immer auf sie hinblickte, das sah, wollte er wieder anfangen zu schreien und zu heulen. Aber da that sie die Augen auf, riß sie auf, und die Augen waren so verstört, so verstört. Und wollte etwas sagen, konnte aber nicht sprechen, sondern winkte ihn heran. Und da kniete der Junge vor ihr nieder, zwischen ihren Knieen, und umfaßte ihre Kniee mit seinen beiden Armen. Und sie beugte sich auf seinen Kopf, legte die Hände auf seinen Kopf, faltete die Hände auf seinem Kopf. Auf die gefalteten Hände drückte sie das Gesicht. Und dann kam ihr das Weinen. Und so furchtbar weinte sie, so furchtbar, daß ihr ganzer Leib sich schüttelte und zuckte. Und während sie so weinte, sprach sie immer vor sich hin, sie murmelte nur, so daß der Junge nicht verstehen konnte, was sie sagte. Aber es klang, als wenn sie betete. Und sicherlich war es auch so; sicherlich hat sie in dem Augenblick gebetet für die Seele ihres Kindes, für die arme, verlorene Seele. Sicherlich hat sie vorausgesehen in dem Augenblick in die weite, weite Zukunft, in die Zeit, wo sie nicht mehr da sein würde, um ihm zu helfen, um die Einzige zu sein, die ihn noch liebte, und hat geahnt, was für eine Zeit das für ihn sein würde, was für ein Leben! Was für ein Leben!

Nachdem sie alsdann zu weinen aufgehört hatte, that sie die Hände vom Kopfe des Jungen und legte sie um sein Gesicht und zog seinen Kopf zu sich herauf, so daß sie ihm ins Ohr sprechen konnte, und dann sagte sie: »Weißt Du denn nicht mehr, was ich Dir gesagt habe? Daß Kindern, die nach ihren Eltern schlagen, die Hände aus dem Grabe wachsen? Wie konntest Du denn nur die Fäuste gegen den Papa erheben? Warum bist Du denn jetzt so? So häßlich und böse gegen Deinen kleinen Bruder? Siehst Du denn nicht, wie er sich grämt? Weil er Dich doch so lieb hat! Hänschen ist doch so schwach; also solltest Du doch doppelt gut zu ihm sein. Und statt dessen wirfst Du ihn mit dem Wagen um, so daß er sich Beulen an den Kopf schlägt. Weißt Du denn nicht, daß Du Deiner Mutter das Herz brichst, wenn Du so bist? Willst Du denn das? Hast Du denn Deine Mutter gar nicht ein bißchen lieb?«

Und indem sie so sprach, hielt sie den Kopf ihres Jungen an ihre weiche Brust gedrückt, ein so milder Hauch ging von ihr aus, von ihrem Kleide, ihrem Munde, ihrem ganzen Wesen, beinahe, wie ein Duft von Blumen, und doch noch anders, noch lieblicher, und indem der Junge die holde Luft athmete und ihre sanften, traurigen Worte hörte und daran dachte, wie er sie da eben hatte sitzen sehen, so blaß, beinahe als wenn sie todt gewesen wäre, und eine Ahnung ihm kam, daß das Alles, was er da umfaßt hielt, die Güte, die Liebe, die Mutter, daß ihm das Alles einmal verloren gehen könnte und er dann nichts mehr haben würde, nichts, da kam ihm die Reue, der Kummer, der Jammer, und all' der Neid, der sein Herz verbittert hatte, all' die Verstocktheit, die seine Seele verhärtet hatte, all' das Böse, Schlechte, Niederträchtige wurde noch einmal weich, und er wurde noch einmal wieder gut; denn von Haus aus war er nicht schlecht, war es nicht, – nur Fußtritte konnte er nicht vertragen. Darum, statt daß er vorhin geheult hatte, fing er jetzt an, bitterlich zu weinen, und küßte die Mutter ins Gesicht, immer wieder und noch einmal.

Und weil sie eine so feine Seele war, eine so kluge, eine, wie ich gesagt habe, daß die Menschen daran aufblühen und warm und lebendig werden, so mochte sie wohl fühlen, daß es jetzt nicht gut gewesen wäre, wenn sie dem Jungen noch mehr zusetzte, sondern daß es am besten war, wie es jetzt war. Darum streichelte sie ihm das Haar und küßte ihn und sagte nur: »Und morgen, nicht wahr, gehst Du wieder wie früher mit Hänschen? Und spielst mit ihm? Und bist gut zu ihm? Bist wieder mein lieber Junge?«

Und darauf nickte der Junge, – Alles wollte er thun, Alles.

Und alsdann ging sie in die Stube zurück und kam dann wieder heraus und führte den Kleinen an der Hand mit sich. Dem Kleinen hatten sie inzwischen, der Beule wegen, den Kopf verbunden; und wie das kleine Gesicht unter dem weißen Verbande beinahe verschwand, sah das so jämmerlich aus, so jämmerlich, daß der Andere wieder zu weinen anfing. Aber da sagte die Mutter: »Hör' nur jetzt auf zu weinen; morgen ist Hänschens Kopf wieder heil, und dann ist Alles wieder gut. Nicht wahr, Hänschen?« Darauf hing sich der Kleine an ihr Kleid und sah zu der Mutter auf und dann auf den Bruder und dann wieder auf die Mutter und sagte: »Post und Reise will ich nicht wieder spielen.« Und die Mutter drückte ihn an sich, ganz vorsichtig, daß sie ihm nicht wehe that, und sagte: »Nein, nein, er wird etwas Anderes mit Dir spielen. Ihr habt ja noch eine Menge anderer Spiele. Aber jetzt gebt Euch die Hände, gebt Euch die Hände.«

Aber da sah es so aus, als wenn der Kleine sich fürchtete, und es zuckte ihm durch den Leib, wie es immer geschah, wenn der Vater zu ihm sprach, vor dem er sich auch immer fürchtete. Darum nahm die Mutter seine kleine Hand in ihre Hand und winkte den Bruder heran und sagte: »Komm her und gib Hänschen die Hand und sag ihm, Du wirst ihm nie wieder weh thun.« Und unter Stocken und Schluchzen nahm der die Hand des Brüderchens und sprach nach, wie die Mutter ihn geheißen.

Alsdann so setzte sie sich auf die Bank, auf der sie vorhin gesessen hatte; den Schnudri nahm sie auf ihren Schoß, und den Anderen winkte sie heran, daß er sich zu ihr setzen sollte, an ihre andere Seite. Mit dem rechten Arme hielt sie den Kleinen an sich, den linken hatte sie um den Anderen geschlungen, und so saßen die Dreie, und keines sprach ein Wort, so daß eine tiefe Stille entstand. Und weil es schon Nachmittag gewesen war, als das Alles geschah, und im Flur noch kein Licht angezündet war, so wurde es immer dunkler. Und wie die Mutter so zwischen den beiden Brüdern, ihren Kindern saß, mit dem Kopfe zurückgelehnt an die Wand, immer vor sich hin denkend – wer weiß, was sie da Alles gedacht haben mag –, da schimmerte ihr Gesicht durch das Dunkel ganz weiß, fast schneeweiß, so daß es dem Jungen, indem er zu ihr aufblickte so erschien, als säße da ein Engel zwischen ihnen, wie er sich immer vorgestellt hatte, daß die Engel aussehen müßten, schneeweiß von Kopf zu Füßen und im ganzen Gesicht. Und endlich, nach einer langen Zeit seufzte sie auf, und das klang, als wenn sie fort gewesen wäre, weit fort, und nun zurück käme. Dann richtete sie den Kopf von der Wand auf, legte die rechte Hand auf den Kopf des Kleinen, die linke auf des Anderen Haupt und drückte sie zueinander, daß ihre Stirnen sich berührten, ganz leise, damit es dem Kleinen nicht weh' that, und auf die beiden Köpfe drückte sie die Lippen, so daß sie beide zugleich berührte, und dann sprach sie, mit einer Stimme, die ganz anders klang als gewöhnlich, so wunderbar, so tief: »Meine Kinder, meine Kinder, denkt daran, was der Herr Christus gesagt hat, der so gut war und ohne Neid – Menschen müssen nicht neidisch sein auf einander, alle Menschen müssen sich lieben. Aber Geschwister noch mehr als alle Anderen, die müssen sich noch mehr lieben. Und wenn Geschwister sich nicht lieb haben, kommen sie in die Hölle.«

So sagte sie. Und der Ton, mit dem sie das sagte, der war so wunderbar, so feierlich, daß mir in dem Augenblick war, als spräche Gott selber vom Himmel herab, so daß ich das Wort nie wieder vergessen konnte, sondern es behalten habe, sechzig Jahre lang, ein Leben lang. Und in den sechzig Jahren habe ich erfahren, daß es die Wahrheit gewesen ist, was sie damals sprach, die Wahrheit! die Wahrheit!

Von da an gingen die beiden Brüder wieder mit einander spazieren, neben einander und Hand in Hand, so daß es aussah wie früher. Aber es war doch nicht mehr, wie es früher gewesen war. Denn obgleich Keiner es dem Anderen sagte, so war es doch so: sie fürchteten sich vor einander. Der Kleine – das merkte man ihm an und daran konnte man sehen, was für eine feine Seele in dem Kinde war – der Kleine zwar wollte den Anderen vergessen machen, was geschehen war, und hing sich an seine Hand und bemühte sich beinahe, Unterhaltung zu machen, wenn er den Bruder so stumm vor sich hingehen sah. Aber wenn der Andere eine plötzliche Bewegung machte oder ein heftiges Wort sprach, dann zuckte er unwillkürlich zusammen, durch den ganzen Leib, wie er es früher nie gethan hatte. Und das Alles sah der Andere, und er merkte daran, daß der Kleine sich zwang, und daß im Grunde seiner Seele das Mißtrauen saß. Und darum war es ihm, als ginge in dem kleinen Bruder sein böses Gewissen neben ihm her, und er getraute sich nicht mehr, die Spiele mit ihm zu spielen, die sie früher gespielt hatten, weil er immer dachte, daß das Brüderchen sich vor ihm fürchten würde. Und an das Erzählen, wie früher in der Cajüte, dachte er schon gar nicht mehr; denn auf seiner Seele lag es jetzt immer wie eine Centnerlast, wie ein Alb.