Damals habe ich erfahren, daß die Seelen der Menschen einander ansehen können, ohne daß sie die Augen, mit einander sprechen können, ohne daß sie den Mund brauchen; habe erfahren, daß der Mensch für den Nebenmenschen ein Kraut ist, an dem er sich das Leben essen kann – oder den Tod.

Ja, es gibt solche Seelen, in deren Nähe wir aufblühen; und was man die großen Menschen nennt, sind eben solche, an deren Seele tausende aufblühen, während an dem gewöhnlichen Menschen nur eine oder ein paar. Und es giebt dagegen Seelen, von denen der eisige Frost zu uns herüberweht, so daß wir an ihnen verkommen und verwelken. Und so ist es damals gewesen, daß der kleine Junge verwelkt ist an der Seele seines Bruders, neben der er herging wie ein armer, kleiner Bettler, weil er sie brauchte, und die der Andere vor ihm zuschloß wie ein hartherziger Schuft!

Ich habe das Leben kennen gelernt seitdem und Dinge verstehen gelernt, die ich damals nicht verstand. Ich habe es mir wiederholt, tausend und tausendmal, daß er krank war, der Kleine, und gestorben sein würde so wie so. Aber in der schlaflosen Nacht, in der schrecklich geheimnißvollen Stunde, wo uns die Dinge gegenüber treten, so, wie sie sind, wo kein Tageslärm die Stimme des Gewissens übertönt, und kein Sonnenlicht das Nachtgesicht der Reue verdunkelt, da ist das Bewußtsein über mich hergefallen und hat zu mir gesprochen: »Es ist nicht wahr, was Du Dir einredest. Er ist verwelkt und verkommen an Deinem bösen, finstern, harten Herzen, Dein kleiner Bruder, Dein armer, weicher, kleiner Bruder!« Und daß er mir das später ins Gesicht gesagt hat, der Mann – er – der Eishacker – so wie er mir Alles sagte, ins Gesicht hinein, ohne alle Rücksicht, das hat einen Riß zwischen uns gemacht, über den ich nicht wieder hinweg gekommen bin, hat mir mein Leben vergiftet; denn das Leben eines Menschen ist vergiftet, der in Feindschaft seines Vaters gedenkt.

Als nun die Eltern merkten, daß der Kleine immer blässer wurde und immer elender, da natürlich schlossen sie ihn immer zärtlicher in ihr Herz. Und weil sie anfingen, sich um ihn zu sorgen, so forschten sie nach, woher es kommen möchte, daß es so bergab mit ihm ging. Aber zunächst bekamen sie es nicht heraus, denn der kleine Junge sagte nichts. Allen Gram, den ihm der Bruder bereitete, verschloß er in seinem stummen Herzen, und davon wurde das kranke, kleine Herz natürlich noch kränker. Er wollte den Bruder nicht verrathen. Immer, wenn der Vater so hart zu dem Anderen sprach, dann sah man, wie der Kleine darunter litt, weil er doch den Bruder so lieb hatte. Dann zuckte es ihm durch den ganzen kleinen Körper, und sein Gesicht wurde ganz lang und sah gar nicht mehr wie ein Kindergesicht aus, sondern wie das eines alten Menschen. Und das war jedesmal ein so jämmerlicher Anblick, daß die Mutter es gar nicht mehr mit ansehen konnte; und darum kam es vor, wenn der Vater so heftig, beinahe wüthend gegen den Anderen losfuhr, daß sie aufstand und sagte: »Aber Graumann« – denn das war merkwürdig, daß sie ihn nie beim Vornamen nannte –, »aber Graumann, denk doch an Hänschen! Sieh doch Hänschen an!« Und dann brach der Vater in seinem Strafgericht ab und nahm Hänschen unters Kinn und streichelte ihn und ging hinaus. Aber dem Anderen gönnte er darum doch kein gutes Wort, so daß alsdann die Mutter aufstand und den Kopf des Anderen in ihre Arme nahm und ihn küßte. Und dabei weinte sie – weinte, – denn sie fühlte, was sich da anspann zwischen Vater und Kind; daß das etwas Böses, etwas Schreckliches war. Und von da an wurde auch die Mutter immer stiller und immer trauriger.

Eines Tages aber, als der Kleine mit der Mutter allein war, muß ihm doch das Herz übergegangen sein, und er muß der Mutter erzählt haben, wie es zwischen ihm und dem Bruder stand. Und ob der Vater wieder dazu gekommen ist – ich weiß es nicht – aber soviel ist sicher, er hatte es auch erfahren. Und sobald er es erfahren hatte, muß ihm gleich die Wuth zu Kopfe gestiegen sein, denn mit einer Stimme, daß das ganze Haus erdröhnte, rief er den Anderen herein. Und wie der nun vor ihm stand und ihn nicht ansah, weil er ihn nicht mehr ansehen konnte, sondern den Kopf zur Erde senkte, da muß er sich jedenfalls gedacht haben, daß es ein böser, schlechter, verstockter Bube sei, mit dem man nicht anders sprechen dürfe, als mit äußerster Strenge. Und vielleicht, wenn er in dem Augenblicke sanft und freundlich zu ihm gesprochen und ihm vorgestellt hätte, wie unrecht das war, was er an dem kleinen Bruder that, vielleicht, daß dann Alles geschmolzen wäre, was sich in der verrauchten Seele zu verhärten angefangen hatte, daß Alles noch gut geworden wäre; aber statt dessen ging es gleich in einem Tone los, als wäre jedes Wort ein Peitschenhieb gewesen, der den Jungen zusammenhauen sollte. »Und jetzt auf der Stelle gehst Du mit Deinem kleinen Bruder! Und gehst ordentlich, langsam mit ihm spazieren! Und wenn Ihr nachher nach Hause kommt, erkundige ich mich. Und wenn Du's anders gemacht hast, sprechen wir uns anders!«

Und damit wies er uns hinaus. Und ich mußte den Schnudri an der Hand nehmen, und die kleine, magere Hand zitterte in der meinigen. Sie zitterte! Die Hand des Brüderchens zitterte in des Bruders Hand! Und der Bruder fühlte es, er sah die eingefallenen Wangen und die Augen darüber, mit dem hohlen Blick. Und in seinem Herzen war keine Mahnerstimme, die ihn warnte, vorsichtig zu sein mit dem gebrechlichen, kleinen Geschöpf, in seiner Seele kein Mitleid, kein Erbarmen, sondern nur Gefühl für das eigene Leid und die eigene Beschimpfung und die eigene Kränkung. Und jetzt hatte er es ja vor Augen, daß es der kleine Bruder gewesen war, der ihm das eingerührt hatte. Darum gewann der Teufel Macht über ihn, und in seiner verwilderten Seele stieg ein scheußlicher Gedanke auf: Rache! Er nahm den kleinen Wagen mit, den sie brauchten, wenn sie »Post und Reise« spielten, und sprach kein Wort, und der Kleine ging lautlos neben ihm her. Als sie ins Feld hinaus gekommen waren, sagte er: »Wir wollen Post und Reise spielen, setz' Dich ein«. Und obwohl man dem Kleinen ansah, daß er sich fürchtete, wirklich fürchtete, that er doch ganz gehorsam, was ihm der Andere befohlen hatte, und setzte sich still in das Wägelchen. Nur mit den Händen hielt er sich fest an den Seiten des Wagens, beinahe krampfhaft. Aber das hatte der Andere wohl bemerkt, die Canaille, und er dachte bei sich: »Das soll Dir doch nichts helfen«. Darauf nahm er die Deichsel des Wagens in die Hände und fing an zu laufen und den Wagen hinter sich her zu ziehen, immer schneller, immer toller, immer wilder. Und wie das so über Stock und Stein ging und gar nicht den gewohnten Weg, da fing der Kleine an zu merken, daß das gar kein Spiel mehr war wie früher, sondern ganz etwas Anderes; er fing an zu weinen und dann zu schreien, ganz laut, ganz kläglich. Aber der Andere that, als hörte er es nicht, und plötzlich an einer Stelle, wo der Kleine es sich nicht versah, mit einem Krach warf er den Wagen um, so daß der kleine Kerl hinausflog und mit Kopf und Gesicht auf die Erde schlug. Und so, mit dem Gesicht an der Erde, blieb er liegen, eine lange Zeit, eine merkwürdig lange Zeit, daß es fast unheimlich wurde. Und als er sich dann endlich aufrichtete, da hatte er eine dicke Beule an der Stirn. Denn an der Stelle, wo der Andere ihn umgeworfen hatte, lagen Steine, und auf einen davon war er mit der Stirn aufgeschlagen.

Als der Andere das sah, bekam er einen Schreck, und so niederträchtig er auch schon geworden war, so that ihm das Brüderchen in dem Augenblick doch leid. Darum wollte er ihm die Erde vom Gesicht abwischen und ihm gut zureden.

Aber inzwischen hatte sich der Kleine aufgesetzt und die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf auf die Kniee gesenkt und schluchzte vor sich hin. Und wie der Bruder herantrat und ihn trösten wollte, schüttelte er den Kopf, als sollte er nicht kommen, sollte nicht kommen. Und wenn er in dem Augenblick aufgestanden wäre und dem Anderen eine Strafpredigt gehalten hätte wegen seiner Schändlichkeit, so wäre es nicht halb so schrecklich gewesen wie der kleine, stumme Kopf, der immer hin und her ging, hin und her, so traurig, als wären die Gedanken darin so trostlos gewesen, daß kein Mund sie aussprechen konnte. Darum blieb der Andere stehen, wo er stand, und getraute sich kein Wort zu sagen und wartete, bis daß der Kleine von selbst aufstand und anfing, nach Hause zu gehen. Und auf dem Nachhauseweg gingen sie neben einander her; der Kleine faßte nicht nach der Hand des Bruders, sah nicht zu ihm auf, und der Andere sah nicht zu ihm hin, und das Schweigen, das zwischen den Brüdern war, redete eine Sprache – eine Sprache –

Zu Hause natürlich wurde die Beule sogleich entdeckt, und es kam auch heraus, wie er zu der Beule gekommen war, und es dauerte nicht lange, so wußte auch der Vater, was geschehen war.

Und da zeigte es sich, wie das ist, wenn ein Mensch seine Leidenschaft immer hinunterschluckt, und die Leidenschaft eines Tages sich nicht mehr halten läßt, sondern herausbricht. Denn für gewöhnlich hatte er so kalte Augen und Züge wie von Stein. Aber an dem Tage, als er gehört hatte, was geschehen war, wurden die Augen – ganz gräßlich wurden sie, – die Glieder flogen ihm am Leibe, und wenn nicht in dem Augenblicke die Mutter dazwischen gefahren wäre – mit einem Schrei kam sie zwischen beide – so glaube ich, er hätte den Jungen am Halse genommen und erwürgt. Weil aber die Mutter dazwischen kam, blieb er stehen und wollte etwas sagen. Denn zuerst konnte er nicht sprechen, so furchtbar war die Aufregung in ihm und die Wuth. Und endlich sagte er: »Solch ein niederträchtiger Lümmel!« Und als der Junge das hörte und den Vater vor sich stehen sah und fühlte, wie der Vater ihn haßte, da kam etwas über ihn, – als wenn er verrückt geworden wäre in dem Augenblick – als wenn ein wildes Thier in seinem Leibe gesessen hätte und plötzlich heraus kam. Da vergaß er, daß der Mann ihm gegenüber sein Vater war, daß der Mann ein starker, erwachsener Mann war, der ihn mit einem Streich in Grund und Boden hätte schmettern können. Er hob beide Fäuste auf und ballte sie und stieß damit in die Luft nach dem Vater hin und schrie, – so laut er konnte, schrie er: »An dem Allen bist Du schuld! Du! Du! Ich habe eine Menge mit dem Schnudri gespielt. Und die Spiele haben ihm immer sehr gut gefallen. Und dann hast Du uns alle Spiele zu nichte gemacht. Und aus unserem Laden hast Du die Mandeln und Rosinen genommen. Und hast gesagt, ich wäre ein großer Bengel. Und hast sie an den Schnudri gegeben. Und was ich dem Schnudri erzählt habe von dem Einhorn in dem großen Walde, das wäre alles Unsinn, hast Du gesagt. Und darum kann ich ihm nichts mehr erzählen. Und weiß nicht mehr, was ich mit ihm spielen soll. Und daß das Alles so gekommen ist –«