Denn das Schlimmste war, daß er eigentlich nicht sagen konnte, warum er sich schämte. Denn er war ja noch ein Kind. Zwar dem Kleinen gegenüber hieß er ja immer »der Große«. Aber er war noch nicht groß, war auch noch ein Kind.

Immer, wenn er dem kleinen Bruder erzählte von dem indischen Ocean, von dem großen Wald und dem Einhorn im Walde, war ihm das so gegenwärtig gewesen, daß er zuletzt gar nicht mehr fragte, ob es wahr sei oder nicht. Und weil das Alles so etwas ganz Anderes war als das, was er in der Schule zu lernen und zu arbeiten hatte, versteckte er es wie eine geheimnißvolle Sache, beinahe wie eine verbotene in sich. Nur dem kleinen Bruder erzählte er es, und dem band er es auf die Seele: »Du darfst Niemandem davon sagen, höchstens der Mama.«

Und nun war doch Alles an den Tag gekommen. Und im Augenblick, als es heraus kam, war auch gleich so hineingefahren worden. Alles war dummer Unsinn! Darum schämte er sich. Denn er war damals noch zu klein, um sich gegen den Verstand zur Wehr zu setzen, der ihm da gegenüber stand; er wußte damals noch nicht, daß gar nicht Alles Unsinn ist, was solch einem kalten, abstrakten Juristenverstande so erscheint.

Seine Erzählungen, das war ihm immer gewesen wie eine andere Welt, in der er sich vor seinem Vater versteckte und vor seinem Mathematiklehrer. Und nun war das Alles aufgedeckt und gab's kein Versteck mehr. Darum war der schwarze Rauch in ihm, von dem ich gesagt habe; und er grämte sich, grämte sich.

Zwar am nächsten Tage stieg er wieder mit dem kleinen Bruder auf den Baum, und als sie in der Cajüte saßen, wollte er wieder anfangen, zu erzählen. Im Augenblick aber, als er den Mund aufthat, war es ihm, als hörte er das von gestern: »Das ist ja die Abgeschmacktheit in der Potenz« – ganz deutlich, mit dem kalten, verächtlichen, gräßlichen Ton – und das Wort brach ihm vom Munde ab; er sah nichts mehr vom indischen Ocean und vom Wald und vom Einhorn, sondern nur noch die graue Schiefertafel zu Hause, wo er ein Exempel zu rechnen hatte. Und als der kleine Bruder ganz schüchtern fragte: »Fahren wir denn heute nicht?« sagte er kurz und wild: »Nein – kann nicht mehr,« und stieg vom Baum hinunter, der Kleine ganz stumm hinter drein, und ging mit ihm nach Hause und sprach auf dem ganzen Wege kein Wort, denn in seinem Herzen war die Verzweiflung.

Und an dem Allen – daß das Alles so gekommen war, das hatte ihm doch eigentlich der kleine Bruder angerichtet. Zwar, wenn er gerecht gewesen wäre, hätte er sich ja sagen müssen, daß der Kleine gar nicht schuld daran war. Der Mama hatte er es erzählt, und das hatte er ihm ja selbst erlaubt, und hatte nicht gemerkt, daß der Vater hinzugekommen war. Weil er sich vor Freude gar nicht zu lassen vermochte, hatte er Alles ausgeschwatzt, aus lauter Bewunderung. Das Alles hätte er sich sagen müssen, wenn er gerecht gewesen wäre. Aber er war nicht gerecht. Er hatte vom Vater das Temperament geerbt, das böse, heftige, während der Kleine sanft war, wie die Mutter. Darum wurde Alles stumm in ihm, was da zum Guten reden wollte, und nur der Groll blieb lebendig, der finstere, verstockte. Der kleine Bruder war doch an Allem schuld. Und von dem Tage an nistete sich in seinem Herzen etwas ein, etwas Schreckliches, so eine Art von Haß gegen den kleinen Bruder.

Eine Art von Haß, mit Neid vermischt. Denn was er schon lange dunkel gefühlt hatte, das wurde ihm nun immer deutlicher: daß der Kleine dem Vater lieber war als er. Vielleicht eben, weil der Vater in ihm das nämliche Temperament spürte, wie in sich selbst, das ihm wahrscheinlich böse Stunden bereitete, von denen er Niemandem etwas sagte; während der Kleine, wie ich schon gesagt habe, ganz das sanfte, liebe Temperament von der Mutter hatte. Auch in der Schule war der Kleine ganz anders als der Andere; ein viel besseres Lern-Kind; schrieb eine viel sauberere Handschrift, rechnete viel besser, ja sogar sehr gut; brachte auch immer sehr gute Censuren nach Hause. War mit seiner Kleidung viel ordentlicher, überhaupt in Allem viel gründlicher, so daß es eigentlich gar nicht zu verwundern war, daß der Vater ihn lieber mochte als den Andern.

Aber das ist eben das Leiden in den Kindern, daß sie keine Vernunftgründe haben, um ihrem Gefühle aufzuhelfen, wenn es verwundet wird. Und darum – wer ein Kind in seinem Gefühle verwundet, der begeht ein Verbrechen – ein – ein –

Und darum, weil der Junge fühlte, daß sein Vater häßlich gegen ihn war und lieblos, fing er an, seinen Vater zu hassen. Und in dem Vater auch den kleinen Bruder, den der Vater mehr liebte als ihn. Darum, wenn der Kleine mit ihm spazieren ging und mit ihm spielen wollte, sagte er bei sich: »So – also? Zu Hause bist du schon der Verzug und Hahn im Korbe, und nun bin ich Dir gut dazu, daß ich Dir auch noch zu Gefallen sein soll?« Und dann, wenn der kleine Bruder nach seiner Hand griff und sich daran hängen wollte, zog er die Hand zurück und gab sie ihm nicht. Wenn der Kleine mit den stummen Augen zu ihm aufsah, ob er ihn nicht wieder einmal »Schnudri« nennen würde, nannte er ihn »Hans«, und wenn er wartete und lauschte, ob sie nicht wieder einmal auf den Baum und in die Cajüte steigen und durch die Welt reisen würden, biß er die Zähne auf einander und spielte nicht und erzählte ihm nichts.

Und nun weiß ich nicht, ob der arme, kleine Junge sich dessen bewußt war, was in der Seele des Bruders vorging; aber das Eine weiß ich, daß er stiller wurde und trauriger von einem Tage zum andern. Er war ja krank, und solche kranken Kinder – das ist ja, als wenn sie schon vom jenseitigen Licht etwas in den Augen hätten, daß sie wie kleine Hellseher Dinge sehen, allen Erwachsenen verborgen. Wohl möglich darum, daß er wohl geahnt hat, was für ein Wurm an dem Herzen des Bruders fraß. Und wenn er es gefühlt hat, was muß sie dann gelitten haben, die arme, stumme Seele, die kleine! Da er doch fühlte, daß er nicht schuld war und nicht ändern konnte, nicht helfen!