Und der Andere – der Andere – wenn er damals gewußt hätte, der Andere, was er jetzt weiß – daß er den Ton, mit dem es heraus kam, das: »Ich kann doch nichts dafür!« hören und wieder hören würde, ein Leben lang und auch jetzt noch, da er an die siebzig Jahre alt ist, in so mancher, mancher schlaflosen Nacht – dann würde er gekommen sein und weiter mit ihm gespielt haben und gesagt haben: »Nein, nein, Du kleine, Du feine, Du kluge Seele, Du bist nicht schuld, und ich will Dir nicht weh thun und Dir nicht noch mehr aufladen als Dir schon zu tragen gegeben ist.« Aber weil er das Alles damals nicht wußte, kam er nicht und spielte mit ihm nicht weiter. Und auch als die Mutter ihn rief und mit den traurigen Augen ansah und sagte: »Sei doch nicht so häßlich gegen Deinen kleinen Bruder; sieh doch, wie er sich grämt« – auch da kam er nicht, sondern schüttelte den Kopf und lief zur Stube hinaus. Wie ein Hund lief er hinaus, wie ein böser, verstockter. Denn es war ihm auch zu Muthe wie einem Hunde, der einen Fußtritt bekommen hat. Und das war das Wort, das er vorhin gehört hatte: »Natürlich ist da der große Bengel dem Kleinen voraus!« und der Ton, mit dem das Wort heraus gekommen war, der kalte, scheußliche Ton, der ihm jetzt auch noch immer wieder kommt, wenn er Nachts nicht schlafen kann, wie ein Splitter von zerhacktem Eis, mitten hinein ins Herz!

Neben dem »Kaufmannsspiel«, von dem ich gesagt habe, gab es aber noch andere: »Pascher und Grenzsoldat«, »Jagd« und »Post und Reise«, was der Schnudri sehr gern hatte, weil er dabei immer in einem kleinen Wagen gefahren wurde. Und an bestimmten Stellen, wo die »Post« an Hindernisse kam, schmiß der Wagen um; und weil das immer die nämlichen Stellen waren, wußte der Kleine schon vorher, wo er umgeschmissen werden würde, und fürchtete sich immer ein bißchen, aber er freute sich doch noch mehr und bereitete sich vor, und jedesmal gab es dann ein Gequietsche vor lauter Vergnügen.

Das schönste von allen Spielen aber war das »Matrosenspiel«, das konnten wir aber nicht alle Tage spielen, sondern immer nur, wenn der Wind wehte; und je mehr Wind, um so besser. Dann ging es in den Wald hinaus. In dem Walde stand eine alte, große Linde; und auf die kletterten wir hinauf. Die Linde, das war unser Schiff. Darum, wenn wir in die Nähe von dem Baume kamen, commandirte der Aeltere: »Alle Mann an Bord!« und dann krähte der Kleine hinter drein: »Alle Mann an Bord!« und lief, so schnell er laufen konnte, daß er an den Baum und hinauf kam. Aber das wurde ihm jedesmal etwas schwer. Denn obschon die Zweige der Linde ziemlich tief ansetzten, war es doch für den kleinen Jungen zu hoch; darum mußte ihm immer der Andere, der vorauf geklettert war und schon in der untersten Gabel stand, die Hand hinunter reichen, und an seiner Hand zog er sich dann hinauf. Alsdann so hieß es: »Matrosen in die Toppen!« und der Schnudri krähte wieder nach. Dann wurde weiter hinauf geklettert, und der Baum war jetzt unser Mast. Und wenn der Wind den Mastbaum packte und herüber beugte und hinüber, dann war das ein herrliches Vergnügen. Wenn die Aeste durch einander rauschten und aneinander schlugen, dann hieß es: »Die Taue knarren!« und: »Die Taue knarren!« wiederholte der Kleine. »Es ist ein mächtiger Sturm« – »es ist ein mächtiger Sturm.« Dann holten wir unsere Taschentücher hervor und faßten die Zipfel zusammen und hielten sie so, daß sich der Wind hinein setzte und sie aufbauschte wie kleine Segel. »Jetzt segeln wir!« sagte der Aeltere; »jetzt segeln wir!« sagte der Kleine. »Hü – wie das geht!« »Hü – wie das geht!«

Und wenn wir dann eine Zeit lang gesegelt waren, ging es noch einmal den Baum hinauf, immer höher, beinahe bis in die Spitze. Da war es am schönsten. Da zweigten sich mehrere Aeste nach rechts und links, so daß eine ziemlich große Gabel entstand. Und wenn wir uns dicht zu einander drängten, konnten wir beide in der Gabel sitzen. Das war die Cajüte. Und da setzten wir uns dann hinein, und der Kleine, weil er sich immer ein bißchen fürchtete, hielt sich mit seinem einen Arm an den Aesten, mit dem anderen schlang er sich um den Bruder, ganz eng, ganz eng. Und wenn er sich so an mich drückte, dann konnte ich sein Herz an meinem Leibe schlagen fühlen; das ging immer so rasch: puck, puck, puck; beinahe als wenn es flatterte wie ein kleiner Vogel, oder als wenn es das Pendel einer Uhr gewesen wäre, die zu rasch lief, zu rasch. Aber das Alles habe ich mir erst später gesagt, als die Uhr abgelaufen war und das Pendel stand. Damals gab ich nicht Acht darauf. Damals war ich ja selbst noch ein Kind, und daran, daß ein Kind sterben könnte, daran denkt ein gesundes Kind nicht. Wenn also nun die Beiden in ihrer Cajüte saßen und der Wind sie wiegte herüber – hinüber, herüber – hinüber, dann nach einem Weilchen fing der Schnudri an und fragte: »Wo fahren wir denn jetzt?« Denn er wußte, daß er so fragen mußte, weil das zum Spiel gehörte. Und dann sagte der Andere: »Jetzt fahren wir an Spitzbergen vorbei nach dem Nordpol« oder: »Jetzt fahren wir nach Ostindien.« Und jedesmal wußte der Schnudri, was er darauf zu sagen und zu thun hatte, und das that er auch immer wie am Schnürchen. Wenn es hieß: »Nach Spitzbergen!« dann fing er an zu schnattern, als wenn ihn fröre, und rief: »Na ja, darum wird es ja auch so kalt! Puh! Und da kommt ja schon ein Eisbär gelaufen! Den müssen wir schießen. Puff – da liegt er.« Dagegen, wenn es hieß, daß wir nach Indien führen, dann fing er an zu schnaufen wie vor Hitze: »Na ja,« sagte er dann, »da sehe ich ja schon die große Stadt Calcutta. Und da kommt ja auch schon der Großmogul. Guten Morgen, Herr Großmogul, wie haben Sie geschlafen?« Und jedesmal, wenn er den Großmogul begrüßte, war ihm das so komisch, daß er lachte, lachte, daß sein magerer, kleiner Körper an meinem Leibe schütterte. Und das Alles hatte sich der Aeltere ausgedacht. Immer fuhr er mit dem kleinen Bruder durch die weite Welt, immerfort erzählte er ihm, und Alles, was er erzählte, stand ihm immer ganz leibhaftig vor Augen. »Jetzt fahren wir durch den indischen Ocean,« hieß es; »der ist so blau, daß, wenn man die Hand hinein taucht, kommt sie wieder heraus, als wenn man sie in blaue Tinte gesteckt hätte. Der ist so tief – wohl zwanzigtausend Meilen tief. Und ganz, ganz unten ist es wunderschön. Da sind große Wiesen, aber die sind nicht grün wie die hier oben, sondern ganz blau. Und auf diesen Wiesen gehen die Meermänner spazieren und auf die Jagd. Und wie man hier oben nach Hirschen und Rehen jagt, so jagen sie da unten nach Fischen. Aber natürlich nicht mit Flinten; die würden ja im Wasser nicht losgehen, sondern mit Spießen. Und die Spieße sind ganz von Gold und haben Spitzen von lauter Diamanten. Und jetzt steigen wir aus,« hieß es weiter, »und jetzt sind wir in China. Da laufen die Chinesen herum, und die sind so gelb, daß ihre Köpfe aussehen wie Citronen, und die Augen darin sind so klein wie kleine, schwarze Rosinen. Jetzt kommen wir an die große Mauer. Und auf der großen Mauer da laufen immerfort die Wächter auf und ab und lassen Niemanden heraus und Niemanden hinein, wenn er nicht die Parole weiß. Und die Parole, die heißt: ›Plumpudding‹.«

Und jedesmal, wenn der Schnudri das hörte, wurde er ganz schwach vor Lachen und drückte seinen Kopf und sein Gesicht an den Bruder und stöhnte zuletzt, weil er nicht mehr lachen konnte: »Oh – oh – oh!«

»Und weil wir die Parole gewußt haben,« erzählte der Andere weiter, »sind wir durch die große Mauer durchgekommen, und jetzt sind wir in einem Wald, der ist so groß, daß er gar kein Ende hat; so groß wie ganz Asien. Und in dem Walde sind alle Thiere, die man sich nur denken kann: Löwen und Tiger, Hirsche und Rehe, Elephanten und Giraffen, und dann noch eines, das ist das merkwürdigste von allen, ein Thier, das es sonst gar nicht weiter giebt, das Einhorn.« Und jedesmal, wenn der Kleine von dem Einhorn hörte, machte er ganz große Augen und hörte ganz lautlos zu. Und der Andere beschrieb es ihm dann so genau, als hätte er es eben erst gesehen: »Das ist ein Thier ungefähr wie ein Pferd und ganz weiß. Aber nicht wie ein Schimmel so weiß, sondern viel weißer noch, wie es sich gar nicht beschreiben läßt. Auf der Stirn hat es ein Horn, aber nicht ein so krummes wie das Nashorn eins hat, sondern ganz grade und lang und so spitz wie eine Lanze. Von seinen vier Hufen ist der eine von Gold, der andere von Silber, der dritte ist so schwarz wie eine Steinkohle und der vierte wie einer von den blauen Steinen, wie Mama welche um den Hals trägt.« Unsere Mutter trug nämlich einen Halsschmuck von Amethysten.

Und das Alles sich auszudenken und zu erzählen, machte dem Anderen solches Vergnügen, daß er oft gar nicht aufhören konnte und es manchmal beinahe schon dunkel war, wenn sie von ihrem Baume herunter kletterten und alsdann – was hast Du, was kannst Du – machten, daß sie nach Hause kamen. Und mit dem Allen, was er gehört hatte, war der Kleine dann immer so voll geladen wie eine kleine Kanone, daß er es gar nicht aushielt, sondern losschießen mußte gegen irgend Jemanden. Das war dann gewöhnlich die Mutter. Auf die lief er mit ausgebreiteten Armen zu und prustete vor Lachen: »Mama, Mama, weißt Du, wie die Parole heißt, damit sie Einen durchlassen durch die große Mauer? ›Plumpudding! Plumpudding!‹«

Und weil die Mutter sich immer freute, wenn der Kleine vergnügt war, nahm sie ihn dann manchmal auf den Schoß und ließ sich noch mehr von ihm erzählen, und wenn sie dann hörte, was sich ihr Aeltester Alles ausgedacht hatte, schüttelte sie manchmal leise den Kopf und sah sich nach ihm um und lächelte. Das war dann jedesmal so merkwürdig anzusehen, halb traurig, halb freudig, aber Alles zusammen so sanft, so schön, so – so – Aber einmal wieder, als der Schnudri auf ihrem Schoße saß und ihr gerade erzählte, was er von dem Einhorn gehört hatte, da erschien der Vater auf der Schwelle von seinem Arbeitszimmer. Es hatte ihn Niemand kommen sehen, und erst als er plötzlich sagte: »Von wem hast Du denn all' das dumme Zeug?« da merkten wir, daß er da war.

Alsdann, wie der Kleine stumm wurde, wie er das immer wurde, wenn der Vater zu ihm sprach, faßte er ihn wieder unters Kinn und sagte: »Wer hat Dir denn das Alles erzählt, Hänschen?« Darauf drehte der Schnudri ganz ängstlich das Gesicht zu dem Bruder herum, und der Vater zuckte die Achseln, wie wenn er sagen wollte: »Na ja! – Das ist doch die Abgeschmacktheit in der Potenz,« sagte er darauf zu dem Anderen, »daß Du Deinem kleinen Bruder solchen Unsinn vorerzählst! Besser, als daß Du Dich mit Einhörnern und solchem Zeug abgiebst, wäre es, wenn Du Dich mit Deinen Rechnenaufgaben beschäftigtest. Deine Censur im Rechnen und Mathematik ist wieder einmal miserabel ausgefallen.«

Darin hatte er nun recht. Denn Mathematik, und was damit zusammenhing, wollte dem Jungen absolut nicht in den Kopf. Darum, als der Vater die Thür wieder hinter sich zugeworfen hatte, stand er wie vor den Kopf geschlagen da. Er schämte sich. Aber nicht darüber, daß er im Rechnen und Mathematik nichts taugte, sondern es war eine ganz andere Scham in ihm, eine viel tiefere, schlimmere. Wie ein heißes Feuer stieg sie in seinem Innern auf und ging ihm über den ganzen Leib, daß er feuerroth wurde von Kopf zu Füßen. Kein Feuer, das den Menschen erleuchtet, sondern im Gegentheil ein rauchiges, das Alles dunkel machte da drinnen. Und der Rauch, der sich damals in der Seele des Jungen entwickelte – wenn ich überlege – ganz hat er sich eigentlich nie wieder verzogen, bis heute, siebzig Jahre lang.