Daß nämlich das Bild gemalt wurde, das war ihr Werk gewesen, das hatte sie durchgesetzt, während er es eigentlich gar nicht hatte haben wollen. Wenigstens, daß auch der ältere von den beiden Jungen auf dem Bilde war, daran lag ihm nun schon gewiß gar nichts, denn –
Aber wie gesagt – denn ihren Willen hatte sie auch; nur daß es eine ganz andere Art war als wie der seine. So eine Art warmer Südwind, bei dem die Geschöpfe aufleben, gegen einen harten, kalten Nordost, der Alles erfrieren macht.
Aber mit dem Bilde, das hatte sie durchgesetzt. Das war ihr ein Bedürfniß gewesen. So etwas liebte sie. Wie sie denn überhaupt gar nicht abstrakt war. Sondern sie hatte etwas, was er nicht hatte, wovon er keine Ahnung hatte, was er gar nicht verstand, Phantasie! Phantasie! Phantasie!
Und damals, als das Bild gemalt wurde, war überhaupt Alles noch gut. Wenigstens so ziemlich. Da saßen die beiden Brüder noch einträchtig beisammen und hatten einander lieb. Während später – aber das ist eigentlich nicht richtig – denn der Kleine hat den Andern immer lieb gehabt, auch später. Aber der Andere – – An dem Tage aber war auch der Andere dem Kleinen noch gut und hielt ihn an der Hand und sagte: »Schnudri, jetzt mußt Du still sitzen, sonst kann der Maler Dich nicht malen.« Und da lachte der Kleine. Und wenn er lachte, das war immer so rührend anzusehen, weil es immer aussah, als thäte ihm das Lachen eigentlich weh. Und es sah auch gar nicht bloß so aus, sondern wahrscheinlich war es wirklich so, weil der arme, kleine Junge innerlich krank war, was der Andere damals freilich noch nicht wußte. Das hat er später erst erfahren, und als er es später erfuhr, war es zu spät; da war Alles vorbei – Alles vorbei.
An dem Tage aber, als er sagte: »Schnudri, jetzt mußt Du still sitzen,« da war der Kleine ganz glücklich. Denn er hörte es so gern, daß der Bruder ihn Schnudri nannte; denn das war ihm ja ein Zeichen, daß ihm der Bruder gut war. Und mehr wollte er ja gar nicht. Nur gut sollte er ihm sein; denn es war eine so zärtliche Seele in dem kleinen Jungen, eine so feine!
Und daß er an dem älteren Bruder hing, das kam vielleicht auch daher, daß er ihn bewunderte. Denn der konnte alles Mögliche, was er nicht konnte. Der war größer und stärker als er und hatte runde, rothe Backen und eine breite Brust, und er hatte schmale Backen und eine eingesunkene, kleine Brust. Wenn sie neben einander her gingen, konnte der Schnudri kaum Schritt halten mit dem Anderen und fing an zu keuchen. Und dann nahm ihn der Andere an der Hand und ging langsamer. Das heißt, das that er früher; später nicht mehr. Später, wenn er hörte, daß der Kleine neben ihm einher keuchte, that er, als hörte er es nicht, gab ihm auch nicht die Hand und ging nicht langsamer. Weil er ein Hund geworden war und schlecht, eine Canaille!
Aber das allein, daß der Bruder größer und stärker war als er, das war es nicht, was das Brüderchen an ihm bewunderte. Sondern es war noch etwas Anderes. Nämlich der Andere wußte immer sehr schöne Spiele anzugeben, die sie zusammen spielten. Immer fiel ihm was Neues ein, und das dachte er sich dann im Stillen so aus, und dem Kleinen – das war merkwürdig – fiel nie etwas ein. Sondern wenn sie zusammen hinaus gingen in Wald und Feld, oder auch wenn sie bei schlechtem Wetter zu Hause spielten, wartete er immer ganz still und geduldig, was der Andere heute Neues angeben würde. Und wenn der es ihm dann gesagt hatte, leuchteten ihm die Augen, und dann mit dem allergrößesten Eifer machte er sich daran, daß er das neue Spiel nur ja recht genau ausführte und so, daß der Bruder zufrieden war.
Da wurde alles Mögliche gespielt. Zum Beispiel »Kaufmann«. Dazu gingen wir am See entlang, an dem unsere Stadt lag. Und an einer Stelle des Ufers lagen eine Masse Kieselsteine. Unter denen suchten wir uns welche aus, und jeder Kieselstein bedeutete ein Geldstück: einen Silbergroschen, ein Fünfgroschen-, ein Zehngroschenstück – damals gab's noch keine Markrechnung – und die schönsten waren Thaler. Dann wurde gezählt bis Hundert, und wer bis dahin die schönsten Kiesel zusammen gesucht hatte, der war der reichste Kaufmann und hatte gewonnen. Und zu Hause hatten wir einen kleinen Verkaufsladen; den hielt die Mutter unter Verschluß. Da war alles Mögliche drin: Mandeln und Rosinen, Pfeffermünzkügelchen und Lakritzenstangen und Mehlweißchen, was so eine Art Pfefferkuchen war; und mit unseren Kieselsteinen kauften wir uns dann von der Mutter aus dem Laden. Denn die Mutter, die spielte mit uns, aber der Vater nicht. Sondern wenn der dazu kam, störte er uns.
Zwar für gewöhnlich ging er nur ganz rasch durch das Zimmer hindurch, um an seine Acten zu kommen. Aber einmal kam es vor, da blieb er stehen und erkundigte sich, wie das Spiel wäre, und was es für Regeln hätte. Und weil nun, wie das gewöhnlich der Fall war, der Aeltere von den Beiden mehr Kiesel gefunden hatte und also mehr kaufen konnte als der Kleine, so sagte der Vater: »Das ist ja abgeschmackt; natürlich ist da der große Bengel dem Kleinen voraus.« Und dabei griff er ohne Weiteres in den einen Kasten, wo die Rosinen und Mandeln waren, und gab dem Kleinen eine Hand voll. Darauf machte der Kleine ein ganz langes Gesicht und sah sich ganz ängstlich nach dem Bruder um, als ob er es nicht annehmen wollte, weil er fühlte, daß das doch alles Spiel zerstörte. Dann aber, wie ihn der Vater unters Kinn faßte und sagte: »Na, was besinnst Du Dich denn, Hänschen« – denn in Wirklichkeit hieß der Schnudri Hans – da nahm er die Rosinen und Mandeln und fing an, davon zu essen. Dabei aber sah er sich immer wieder nach dem Bruder um. Und im Augenblick, als der Vater hinaus war, lief er auf den Bruder zu und legte ihm die Arme um den Hals und sagte ihm ganz hastig ins Ohr: »Das gilt ja nicht; das weiß ich ja; ich habe auch nur ganz wenig Rosinen gegessen und will Alles gleich wieder hinein thun.« Und damit lief er auch wirklich zu dem Kasten und that Alles wieder hinein, was ihm der Vater gegeben hatte. Alsdann so blieb er an dem Kasten stehen, ganz verschüchtert, als hätte er ein Unrecht begangen, und wie er den Bruder so mitten im Zimmer stehen sah und sah, daß der Bruder mit keinem Auge zu ihm hinsah, sondern immer nur an den Boden vor sich hin, da fragte er ganz kleinlaut: »Wollen wir denn jetzt nicht weiter spielen?« Darauf aber schüttelte der andere den Kopf und sagte: »Nein! Und ich will überhaupt gar nicht mehr spielen!«
Und wie der Kleine das hörte, wurde er ganz still, und dann mit einem Male fing er an zu weinen, bitterlich, und lief zu der Mutter hin und steckte den Kopf in ihren Schoß und sagte: »Ich kann doch nichts dafür! Ich kann doch nichts dafür!«