»Sie sind ein Mensch,« fing er wieder an, »der innerlich Zeit hat. Mit solchen Menschen kann man sprechen. Solche Menschen können zuhören. Wollen Sie zuhören?«

Er hatte mich nicht angesehen, indem er sprach.

»Wenn Sie sprechen wollen,« erwiderte ich, »gern; wirklich gern.«

Wieder, wie er vorhin gethan hatte, nickte er dreimal mit dem grauen Haupte vor sich hin. Er sah mich auch jetzt nicht an. Vom Tische trat er zurück, in die dunkle Ecke des Gemaches, hinter mich. Ob er stand, ob er sich setzte, ich weiß es nicht. Ich fühlte, daß er nicht angesehen sein wollte; ich sah mich nicht um. Und aus der dunklen Ecke hinter mir, so wie ich es hier wiedergebe, mit allen Kreuz- und Quersprüngen und Sonderbarkeiten, kam nun das, was er mir an dem Abend erzählte, der alte Graumann.

»Es waren einmal zwei Kinder. Zwei Knaben. Brüder. Geschwister. Die Kinder hatten Eltern.

Wenn man so von Eltern spricht, dann klingt das immer, als wäre das so ein Ding, gewissermaßen ein Mensch. In Wahrheit ist das ganz anders. Vater und Mutter sind jedes ein Mensch für sich, und die Menschen sind verschieden. Sehr. Der Vater also von den Beiden war ein Beamter. Ein Jurist. Und Juristen sind noch mehr Beamte als Andere. Was ein guter Jurist sein will, das muß denken können wie ein Mathematiker, ganz unkörperlich, was man so abstrakt nennt. Und wer ein ganzes Leben lang so abstrakt denkt, wird es zuletzt selbst; und dann sieht er die Welt wie ein Schachbrett an und die Menschen darauf wie Schachfiguren, die jede ihre vorgeschriebene Gangart haben, im Uebrigen aber sich nicht unterscheiden, weil sie alle von Holz oder von Elfenbein oder von irgend einer Masse überhaupt sind. Und wenn so eine Schachfigur einen anderen Gang gehen will, als die Regel befiehlt, dann – dann geht das einfach nicht. So eine ist abgeschmackt. Ist abgeschmackt – es gibt ja schlimmere Worte – aber wenn er so vom Gericht kam, die Acten unterm Arm, in seinem schwarzen Gerichtsfrack – denn damals trugen sie ja noch Fräcke – und unzufrieden war mit irgend etwas, dann kam das: »es ist abgeschmackt«, und das war dann jedesmal, als wenn Eis zerhackt würde, und die Eissplitter flogen umher und trafen, wohin es war, in das Gesicht, in die Augen, aber immer dahin, wo es wehe that.

Er war nämlich ein Rath am Gericht, an einem Oberlandesgericht, und ein sehr angesehener, ein Senatspräsident.

Vielleicht wäre er gern Gerichtspräsident gewesen, und es wurmte ihn heimlich, daß er's nicht war. Denn er war ehrgeizig und stolz und eigentlich furchtbar leidenschaftlich. Aber er zeigte das nicht, hatte sich immer in der Gewalt, wie wenn er immer am Tische säße als Senatspräsident, schluckte Alles in sich hinein. Und so etwas ein Leben lang. Das ist wie eine Feuersbrunst in einem Bergwerk, wo man die Schächte zubaut, damit sie erstickt. Inwendig frißt das doch weiter, und einmal, bei Gelegenheit bricht das doch heraus, und dann wird so etwas fürchterlich.

In seiner Jugend mußte er ein stattlicher Mann gewesen sein, schlank und groß; daher wird es sich erklärt haben, daß er solch' eine Frau bekommen hat, wie er sie gehabt hat. Denn die Frau – das war eine herrliche Frau.

Ich weiß nicht – daß heißt, ich habe es immer scheußlich gefunden, wenn Menschen von ihrer »schönen Mutter« sprechen. Ein Muttergesicht ist ganz etwas Anderes als schön, das ist heilig. Ich bin jetzt nahe an die siebzig Jahre und wenn ich denke, wie lange das her ist, daß sie nicht mehr da ist, dann ist mir, als wäre es eine Ewigkeit. Aber noch jetzt, wenn ich so einsam für mich hingehe oder des Nachts liege und nicht schlafen kann, dann sehe ich ihr Gesicht. Dann ist mir wie an dem Tage, als das Bild da gemalt wurde, von den beiden Brüdern. Das war an einem Sommertag. Und da setzte sie sich uns gegenüber, damit wir hübsch still hielten. Ihren Strohhut hatte sie an den Bändern – denn damals banden die Frauen die Hüte noch unterm Kinn zusammen – um den Arm gehängt und eine Häkelarbeit vorgenommen. Und immer über die Arbeit sah sie zu uns hinüber und freute sich und sah so glücklich aus wie später niemals wieder, niemals wieder.