Seine Augen ruhten auf mir wie eine körperliche Last, seine Brust hob sich, er trat einen Schritt auf mich zu.
»Ich muß Ihnen etwas sagen, – Sie gefallen mir.« Dreimal, als wenn er das Wort bestätigen und bekräftigen wollte, nickte er mit dem grauen Haupte vor sich hin. »Wir sind uns manchmal auf dem Spaziergange draußen begegnet. Wenn wir uns begegnet sind, sind Sie immer anders gewesen als die Anderen. Die Anderen gehen ja fast niemals allein, immer wie die Dohlen, in ganzen Schwärmen, immer schwatzend. Wenn mir so ein Haufen begegnet, stoßen sie sich unter einander an: ›da kommt der verrückte alte Kerl‹ und dann grinsen sie, als sollten ihnen die Gesichter auseinander klappen. Kommt zufällig mal einer allein, dann grinst er, solange wir noch weit von einander sind, und wenn er nahe 'ran ist, macht er, daß er vorbei kommt, als wenn er sich fürchtete. Sie sind manchmal an mir vorbei gegangen, nicht wie ein flacher, leerer Mensch, der auf nichts Acht gibt, denn Sie hatten mich wohl bemerkt, das habe ich gesehen. Aber Sie haben es gemacht wie ein ernster, nachdenklicher Mensch. Haben nicht gegrinst und sich auch nicht gefürchtet. ›Wirst ihn nicht stören, den alten Kerl‹, so sind Sie an mir vorüber gegangen, aufmerksam und still und anständig. Ich habe das wohl bemerkt. Sie haben's vielleicht nicht gedacht, aber ich habe es bemerkt. Ich weiß, was die Menschen von mir sagen. Aber es ist nur halb richtig, wie Alles immer nur halb richtig ist, was sie sagen, die Menschen, die Alles immer nur von außen ansehen. Ich bin ein Grobian, das ist wahr; aber ich will Ihnen etwas sagen, – nur von außen, – innerlich vielleicht nicht.«
Bei den letzten Worten hatte sich seine Stimme beinahe zum Flüstern gesenkt. Dennoch hatte ich ihn verstanden, und indem ich ihm von der Seite zusah, wie er wieder auf- und niederzugehen anfing, und indem ich an Alles dachte, was ich heute mit ihm erlebt hatte, begriff ich, was er meinte, und gab ihm schweigend Recht.
»Und heute,« fuhr er, hin und her wandelnd fort, »bei dem, was heute geschehen ist, und wie Sie dabei gewesen sind, das hat mir gefallen. Ich muß es Ihnen sagen, hat mir gefallen. Sie hatten es mit angesehen, was sich da anspann mit den beiden Kleinen, die sich ihren Schneemann gebaut hatten, und den rüden Bengeln, die ihnen das Vergnügen störten. Hundert Andere wären einfach vorüber gegangen. Natürlich. Sind ja Kinder. Alles Kinderei. Wie wird sich ein vernünftiger Mensch um so etwas kümmern. Ihr Flachköpfe! Wer von den Kindern nicht lernt, von den Erwachsenen lernt so Einer gewiß nichts. Die Erwachsenen sind ja gar keine Menschen mehr. Jeder hat einen Beruf, und der Beruf, das wird seine Natur. Eine wirkliche Natur hat so Einer gar nicht mehr. Das Kind, das ist die Menschenpflanze, wie sie aus der Erde kommt, das hat noch gar nichts Anderes als seine angeborene Natur, das ist der Mensch. Wer darin zu lesen versteht, der kann Dinge erfahren – merkwürdige –, die er sein ganzes Leben lang nicht wieder vergißt.«
Wieder verloren sich diese letzten Worte in einem murmelnden Geflüster, und ich fing an zu bemerken, daß dieses Flüstern immer da eintrat, wo seine Worte und Gedanken sich auf ihn selbst richteten. Durch die Schlafstubenthür, die bei seinem Wiedereintreten offen geblieben war, konnte ich in das Schlafzimmer hineinsehen. Auf einem kleinen Tische an der Hinterwand, mir gerade gegenüber, hatte die Wirthschafterin, indem sie davonging, eine Lampe aufgestellt, und diese Lampe beleuchtete ein Bild, das darüber an der Wand hing. Ein Oelbild, zwei Knaben darstellend, mit runden, rothen Wangen, mit feurigen Augen der eine, der größere, mit schmalem, blassem Gesicht, mit wehmüthig bittenden Augen der andere, der kleinere. Das Bild, von dem ich gehört hatte, das ihn darstellte, den alten Graumann, wie er ausgesehen hatte als Kind. Und der Andere – sein Bruder? Meine Augen hingen an dem Bilde. Die Dinge, »die man ein Leben lang nicht wieder vergißt« – ob sie im Zusammenhang stehen mochten mit dem Bilde da drüben?
Ob er es bemerkt hatte, daß das Bild meine Aufmerksamkeit fesselte, – ich weiß es nicht; jedenfalls sagte er nichts. Er setzte seine Stubenwanderung und sein Selbstgespräch fort.
»Sie haben es anders gemacht als die Andern, sind nicht vorbeigegangen, sind stehen geblieben, haben sich die Geschichte angesehen. Von meinem Fenster habe ich Alles sehen können. Das ist ein Mensch, habe ich mir gesagt, der nimmt die Kinder ernst; denn daß Sie nicht aus bloßer Neugier stehen geblieben sind, habe ich an Ihrem Gesichte bemerkt. Das muß ein Mensch sein, habe ich mir gesagt, der innerlich Zeit hat; denn wer Kindern zusehen will, muß Zeit haben. Darum kann es kein Streber sein, denn ein Streber hat nie Zeit. Das muß ein innerlich feiner Mensch sein, habe ich mir gesagt, denn wer Kinder ernst nehmen will, muß innerlich fein sein. Und das eben ist das Unglück,« – er brach plötzlich wieder in seinen Donnerlaut aus – »daß es so gräßlich wenig innerlich feine Menschen giebt! Wenn man so alt geworden ist wie ich, – es ist gräßlich, wenn man zurückdenkt und sieht, wie wenig innerlich feine Menschen Einem begegnet sind auf der Welt! Alles so gar nicht da für den Nebenmenschen! Alles nur immer vor sich hinstierend auf den eigenen Weg! So roh, so ordinär, so knotig! Ja, Knoten –, das sind sie, die Menschen, alle, wie sie gebacken sind, Beamtenknoten, Geldknoten, Berufsknoten! Und am knotigsten, wenn sie sich Lackstiefel anziehen, einen Frack darüber hängen und womöglich ein paar Orden dran stecken und sich einbilden, jetzt wären sie fein. O Du Herrgott im Himmel, was für eiserne Seelen, was für erbarmungslose Gemüther laufen unter den schwarzen Fräcken und hinter den weißen Hemdenbrüsten umher! Weil sie eine Hornhaut über ihrem Inneren haben, die immer dicker wird, je weiter sie hineinkommen in das Leben! In dieses Leben, das gar kein eigentliches Leben mehr ist, sondern so eine Art von Wettlauf zwischen zwei Reihen von Schutzmännern, die Acht geben, daß Keiner dem Andern das Portemonnaie aus der Tasche holt und den Andern todtschlägt. Und unterdessen wird das da drinnen, was man die Seele nennt, die Menschenseele, was etwas so Schönes ist, wenn es aus Gottes Händen zur Erde herunter kommt, etwas so Zartes, Empfängliches und Empfindliches –, das wird nun immer härter und holziger, bis daß es zur Borke wird, zur fühllosen Borke! Da giebt's keine Augen mehr für das blasse Gesicht, das neben uns hergeht, keine Ohren mehr, wenn etwas neben uns seufzt; da wird zugegriffen, und wenn man dabei einem Andern ins Herz greift, – seine Schuld, warum ist er mir in den Griff gekommen. Da wird drauf los gegangen, und wenn man dabei einen Andern unter die Füße tritt, – seine Schuld, warum ist er mir in den Weg gekommen. Und wenn das zufällig ein Kind war, – ja, Du mein Gott – es ist ja so etwas Kleines; wer hat denn Zeit, auf so ein Pflänzchen zu achten. Und wenn es wirklich einen Tritt abbekommen hat, – na, mein Gott – wird ja nicht dran sterben, ist ja noch so jung, das wächst sich ja Alles wieder aus.«
Er war stehen geblieben.
»Und das ist eben der Irrthum! Das ist nicht wahr! Es wächst sich nicht wieder aus. Es gibt Seelen, die können Fußtritte nicht vertragen. Wenn die einmal wund geworden sind, bleiben sie wund, ihr Lebenlang; ihr Lebenlang.«
Er war an den Tisch getreten, an dem ich saß. Er stützte die Hände auf; das Licht der Lampe spiegelte sich in seinen Augen. Seine Augen gingen über mich hinweg; seine Brust arbeitete, als wühlte darinnen ein Entschluß. Wie ein Gefäß sah er aus, wie ein übervolles, aus dem der Inhalt heraus will, und auf das man den Deckel niederdrückt, weil nichts heraus soll. Ich gab keinen Laut von mir. Verstohlen, von der Seite blickte ich ihn an. Mir ahnte, daß, wenn ich ein Wort spräche, ich die Seele, die da vor mir kämpfte und rang, stören würde, zurückschrecken und wieder stumm machen würde, diese merkwürdige Seele, die hinter Borsten und Stacheln der Außenseite versteckt lag wie ein Geheimniß, weich, beinah hülflos wie ein Kind.